Saxonphonlehrer Thomas Seidel klagt gegen die Stadt

+
Thomas Seidel

HAMM - Kann ein Violinelehrer die Schüler eines Saxophonlehrers übernehmen? Oder umgekehrt? Und das, ohne dass die Schüler das Instrument wechseln? Mit dieser bemerkenswert banalen Frage beschäftigte sich das Arbeitsgericht am Freitag. Im Mittelpunkt dabei: Die städtische Musikschule und Saxophonlehrer und Berufsmusiker Thomas Seidel.

Die Situation gibt es in vielen Unternehmen: Ein Mitarbeiter fällt für längere Zeit aus – und deswegen wird eine Vertretung eingestellt. Die wieder gehen muss, wenn der Arbeitsplatzbesitzer zurückkehrt. Meist vertritt dann eine Bäckereifachverkäuferin eine Bäckereifachverkäuferin oder ein Lohnbuchhalter einen Lohnbuchhalter. Die Stadt Hamm argumentierte in dem Verfahren vor dem Arbeitsgericht ähnlich. Musikschullehrer ersetzt Musikschullehrer. Allerdings: In diesem Fall geriet das Verfahren zum Nachhilfeunterricht für die Juristen der Stadt.

Kommentar: Wie eine Komödie von Loriot

Das könnte einer Komödie von Loriot entnommen sein, so komisch ist es: Ein Musikschullehrer kann einen anderen Musikschullehrer vertreten wie ein Schuhverkäufer einen Schuhverkäufer vertreten kann. So argumentieren die Rechtsvertreter der Stadt. Und die Schüler wechseln das Instrument, wenn der Saxophon-Mann durch einen Violinisten ersetzt wird? Es lachen aber nicht alle mit. Hammer Bürger lachen nicht mit, weil sie sich fragen, ob so ein aussichtsloser Prozess denn wirklich geführt und bezahlt werden muss. Und Thomas Seidel lacht nicht mit, weil er erst klagen muss, um bestätigt zu bekommen, was der gesunde Menschenverstand schon immer wusste: Ein Violine-Lehrer kann nicht Saxophon unterrichten.

Michael Girkens

Geklagt hatte Thomas Seidel, Saxophonlehrer in Hamm und Bönen. Er ist seit 2004 an der Musikschule Hamm beschäftigt – mit immer wieder neuen Verträgen, teils auf Honorarbasis, zuletzt offiziell als Vertretungslehrer. Im Herbst vergangenen Jahres wurde sein Vertrag nicht mehr verlängert. Offizielle Begründung: Der zu vertretende Kollege kehre an die Musikschule zurück.

Die Reaktion: Seidel klagte auf Entfristung seines Arbeitsverhältnisses und damit auf Weiterbeschäftigung – weil die befristeten Arbeitsverträge seit Jahren erneuert worden waren, sei er eigentlich fest angestellt gewesen. Und: Seinen in einem Sonderurlaub weilenden Kollegen habe er als Saxophonist gar nicht vertreten können. Der sei nämlich Violinlehrer.

Möglicherweise hatte der „Rausschmiss“, wie es Seidel empfand auch andere Gründe: Er kandidierte auf der Liste der Gewerkschaft Ver.di für den städtischen Personalrat. Ist er der Leitung der Musikschule zu unbequem geworden? Das vermutet jedenfalls ein Kollege.

Diese Frage spielte aber in der Verhandlung keine Rolle. Ein gütliche Einigung der Parteien scheiterte an den unterschiedlichen Vorstellungen. Die Stadt war lediglich bereit, über eine Abfindung auf der Basis des zuletzt geschlossenen Arbeitsvertrages zu verhandeln, für Seidel und seinen Anwalt Johannes Christian Sundermann ging es vor allem um die Weiterbeschäftigung.

Die Frage war: Hat Saxophonlehrer Seidel den Violine lehrenden Kollegen vertreten? Auf Nachfrage der Richterin räumte die Stadt ein, zwei Vertretungslehrer für den Violinlehrer eingestellt zu haben. Die hätten sogar mehr Unterrichtsstunden gegeben als die zu vertretende Lehrkraft. Die Frage der Richterin „Und wen hat Herr Seidel vertreten?“ vermochte die Vertreter der Stadt nicht zu beantworten. Damit war deren Argumentation, es habe sich um eine „mittelbare“ Vertretung – eine Vertretungskette – gehandelt, gescheitert.

Die nächste Frage der Richterin traf den Kern des Verfahrens – ob der aus dem Sonderurlaub zurückkehrende Violinelehrer die Stunden von Thomas Seidel übernehmen könnte. Beide leisteten Musikschulunterricht, ließen die Vertreter der Stadt wissen. Sollte wohl heißen: Der eine kann den anderen ersetzen.

Die Richterin formulierte die Frage schließlich genauer: „Kann der Violinlehrer die Schüler des Saxophonlehrers übernehmen? Nach einer angemessenen Einarbeitungszeit?“ Erneut keine Antwort durch die Vertreter der Stadt.

Das Urteil kam am Nachmittag wie erwartet. Das Arbeitsgericht stellte fest, dass die Befristung in Seidels Vertrag unwirksam ist, dass er mindestens bis zum Ende des arbeitsgerichtlichen Verfahrens weiter zu beschäftigen und zu bezahlen ist – und dass ihm das Gehalt zusteht, das ihm seit der Nichtverlängerung seines Vertrages nicht mehr ausgezahlt wurde. Die Stadt trägt die gesamten Kosten des Rechtsstreits. Und: Seidel kann morgen wieder arbeiten gehen. In der Musikschule.

Ein Sprecher der Stadt sagte, man wolle erst einmal die schriftliche Urteilsbegründung abwarten. Aber grundsätzlich sei man bereit, in die nächste Instanz zu gehen. - mig

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare