Aus dem Gleichgewicht geraten

Arbeiten in der Coronakrise: Sieben Hammer erzählen wie es läuft

Hilke Kirchner hat keinen Feierabend mehr – aber mehr Zeit mit ihrem Sohn.
+
Hilke Kirchner hat keinen Feierabend mehr – aber mehr Zeit mit ihrem Sohn.

Während einige um ihren Job bangen oder ihn schon verloren haben, bekommen andere die vollen Bezüge weiter – und arbeiten deutlich weniger als sonst. Wie ist die Arbeit in diesen Tagen verteilt? Wer arbeitet überhaupt noch? Wir haben uns umgehört.

Hamm – Die einen haben Existenzsorgen, die anderen können sich entspannt zurück lehnen. So sieht die Arbeit bei den Menschen in Hamm aus.

In der Pflege

Name: Anke Wagener (48)

Beruf: Fachbereichsleitung in der ambulanten Pflege

Arbeitszeit normal: 39 Stunden (h)

Arbeitszeit Corona: 49 h

Gehalt: gleichgeblieben

So ist die Arbeit in der Krise:

Welche gesetzlichen Richtlinien gelten heute? Sind weitergehende Hygieneregeln zu beachten? Was müssen die Mitarbeiter in der Pflege, was die Angehörigen und die Klienten selbst wissen? Wo gibt‘s Atemschutzmasken? Um Fragen wie diese kümmert sich bei der Caritas Anke Wagener. Sie verantwortet die teilstationäre und ambulante Pflege, ist die Ansprechpartnerin für Leiter der zehn Sozialstationen der Caritas. Das sind mobile Pflegedienste, bei denen 180 Mitarbeiter arbeiten. Sie betreuen 900 Klienten. Die Klienten müssen so weitergepflegt werden wie sonst auch – was eher aufwendiger geworden ist, schließlich müssen noch mehr und strengere Hygieneregeln beachtet werden als vor Corona. Viel ihrer Arbeit erledigt Wagener am Wochenende – und möchte dann auch für die Mitarbeiter in den Sozialstationen erreichbar sein.

Bei der Versicherung

Name: Susanna Koch (33)

Beruf: Assistentin bei einer Versicherungsagentur im Minijob

Arbeitszeit normal: 10 h

Arbeitszeit Corona: 0 h

Gehalt: weggefallen

So ist die Arbeit in der Krise:

Nicht vorhanden. „Mein Chef hat mir gleich gesagt, dass er nicht weiß, wovon er mein Gehalt im April zahlen soll“, sagt Koch. Koch ist nun zu Hause. Weil auch ihr Mann in Kurzarbeit ist, braucht die Familie staatliche Unterstützung. Das gefällt ihr nicht, doch sie sagt: „Man muss aus jeder Situation das Positive rausziehen. Sonst kriegt man nur Falten.“ Sie sieht viel Positives: Sie hat Zeit für ihre beiden Kinder, Zeit für den Partner, Zeit für ein Ehrenamt. Seit Beginn der Corona-Krise hilft sie drei Mal in der Woche bei der Tafel in der Essensausgabe. „Ich brauche Arbeit und Menschen um mich herum“, sagt sie. Die Tafel sei dafür ideal. Vor allem freut sie sich, dass sie den Kunden dort eine Freude macht. „In der Coronakrise ist ein Danke doch mehr Wert als der Lohn“, sagt sie.

In der Schule

Name: Hilke Kirchner (29)

Beruf: Lehrerin an einer Grundschule

Arbeitszeit normal: 20 h

Arbeitszeit Corona: ca. 17,5 h

Gehalt: gleichgeblieben

So ist die Arbeit in der Krise:

Hilke Kirchner arbeitet von zu Hause aus, eine neue und ungewohnte Erfahrung. Mit ihren Kollegen konferiert sie am Telefon. „Auch zu den Schülern und Eltern ist der Kontakt intensiver geworden“, sagt sie. Ab 9.30 Uhr ruft sie Kinder an, schreibt Nachrichten an Kinder und Eltern über WhatsApp, oft bis in die Abendstunden. Feierabend? Gibt‘s nicht mehr. Doch sie genießt die Arbeit zu Hause auch. „Ich kann jetzt mehr Zeit mit meinem anderthalbjährigen Sohn verbringen.“

Bei der Bank

Marc Weltermann berät die Kunden von zu Hause aus.

Name: Marc Weltermann (29)

Beruf: Vermögensberater bei der Sparkasse

Arbeitszeit normal: Vollzeit

Arbeitszeit Corona: Vollzeit

Gehalt: gleichgeblieben

So ist die Arbeit in der Krise:

Weltermann ist seit zwei Wochen im Homeoffice – an den Abläufen hat sich wenig geändert. „Ich habe ein Diensthandy und über den Firmenlaptop habe ich Zugriff auf alle Programme und Ordner“, sagt der 29-Jährige. Zur Arbeit trägt er nicht mehr Hemd und Krawatte, sondern Jeans und T-Shirt. Er berät seine Kunden weiter, nur eben übers Telefon. „Ich kenne sie alle“, sagt er. „Es ist trotzdem komisch, die Gesichter nicht zu sehen.“ Und dann ist da die Stille. Normalerweise teilt Weltermann ein Büro mit zwei Kollegen, jetzt ist da nur das Telefon.

Im Konzern

Name: Paul Bender (34)*

Beruf: Controller bei einem Konzern

Arbeitszeit normal: 32 h

Arbeitszeit Corona: 8 h

Gehalt: gleichgeblieben

So ist die Arbeit in der Krise:

Bender pendelt normalerweise mehrere Tage pro Woche zu seiner Arbeit in eine andere Stadt. Dort ist er für Controlling und Abrechnung von Lieferanten zuständig. In den vergangenen drei Wochen war er nur einmal im Büro – die Mitarbeiter sollen Abstand halten, deshalb ist immer nur einer vor Ort. Bender hat kaum zu tun: „Jeden Morgen gibt es eine Videokonferenz, wo man auf den neuesten Stand gebracht wird. Es gibt nur nicht viel Neues.“ Schon vor der Krise habe es in seiner Abteilung recht wenig zu tun gegeben. Nun sind mehrere Projekte verschoben, er nicht involviert. „Das kann auch damit zu tun haben, dass ich im Frühsommer dort aufhöre“, sagt er. Dann tritt er eine neue Stelle an – und hofft, dass er etwas mehr zu tun hat als jetzt.

*Name geändert

In der Kanzlei

Name: Désirée Wesselmann (38)

Beruf: Rechtsanwältin

Arbeitszeit normal: 30 h

Arbeitszeit Corona: 30 h

Gehalt: gleichgeblieben

So ist die Arbeit in der Krise:

„Wenn keiner mehr auf der Straße ist, gibt es auch keine Unfälle“, erzählt Wesselmann. Sie arbeitet bei einer Hammer Kanzlei als Fachanwältin für Verkehrsrecht. Normalerweise befasst sie sich mit Verkehrsunfällen aller Art, vom Parkrempler bis hin zum Verkehrsunfall mit Schwerstverletzten. Das Alltagsgeschäft, also die Blechschäden, fallen im Moment nahezu weg. „Wenn im Moment etwas aufschlägt, sind es oft die Großschadensfälle“, sagt sie – Unfälle, bei denen Menschen verletzt wurden. Wesselmann berät die Klienten, kann auch Klagen bei Gericht erheben. Doch die Gerichte arbeiten derzeit nicht. „Bei der Justiz wird es einen krassen Rückstau nach Corona geben, weil derzeit nicht mündlich verhandelt werden kann“, sagt sie. Da in ihrem Bereich gerade wenig neue Mandate kommen, kann sie Arbeitsvorräte von vor der Krise abarbeiten. Sollte die Krise länger anhalten, könnte sie sich vorstellen, freiwillig kürzer zu treten – um mehr Zeit für ihre Familie zu haben.

In der Kosmetik

Name: Jennifer Richter (40)

Beruf: Nageldesignerin

Arbeitszeit normal: 40 h

Arbeitszeit Corona: 0 h

Gehalt: weggefallen

So ist die Arbeit in der Krise:

Für Jennifer Richter aus Bockum ist alles anders. Die Nageldesignerin musste ihr Studio vor zwei Wochen schließen, Homeoffice funktioniert bei ihr nicht. Die Einnahmen bleiben aus. „Ich habe zum Glück kein Ladenlokal, für das ich Miete zahlen muss“, sagt sie. Ihr Studio befindet sich im Garten der Eltern. Zurzeit kann sie das fehlende Geld mit Rücklagen ausgleichen. „Die waren eigentlich für einen Urlaub gedacht“, sagt sie. Die Rücklagen reichen bis Juni, dann wird es ungemütlich. Statt in ihrem Studio verbringt sie jetzt mehr Zeit mit der Familie. Trotzdem fehlt ihr die Arbeit, vor allem der Kontakt zu den Kundinnen. „Doch das wichtigste ist, dass wir alle gesund bleiben und die Zeit überstehen“, sagt sie.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare