Corona-Krise verschärft Problem noch

Akuter Mangel an Medikamenten in Hammer Apotheken

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Apotheker Martin Schwarzer von der Hirsch-Apotheke kann nicht immer die verschriebenen Medikamente aushändigen und muss auf ein wirkstoffgleiches Alternativmedikament zurückgreifen.

Bitte bleiben Sie gesund – ein Wunsch, der nicht nur mit Blick auf das Coronavirus Sinn macht. Denn es gibt natürlich auch andere ernstzunehmende Erkrankungen, deren Bekämpfung durch die derzeitige Krise noch verschärft wird – nach wie vor gibt es einen akuten Mangel an vielen Medikamenten.

Hamm – Betroffen von diesem Arznei-Mangel sind vor allem Mittel gegen Schilddrüsenerkrankungen, Bluthochdruck und viele Antibiotika. Und laut Martin Schwarzer - Sprecher der Hammer Apotheken - gilt das Problem auch nach wie vor in Hamm: „Auch Impfstoffe gegen Gürtelrose und Lungenentzündung sind ein Riesenthema.“

Im April hatte die Apothekenkammer in einer Pressemitteilung darauf hingewiesen, dass für die Krisenzeit Gegenmaßnahmen getroffen wurden: „Per Änderung der Rahmenverträge haben sich die Spitzenvertreter von Apothekern und Krankenkassen darauf verständigt, dass Patienten bei Lieferengpässen von Rabattarzneimitteln ein vorrätiges, wirkstoffgleiches Alternativmedikament sofort bei Vorlage des Rezeptes in der Apotheke bekommen können. Im Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz ist geregelt, dass die Mehrkosten für teurere Austauschprodukte statt der vorgesehenen Rabattarzneimittel grundsätzlich von der jeweiligen Krankenkasse statt wie bisher vom Patienten selbst zu tragen sind.“ Gleichzeitig wurde beschlossen, dass die bisher von Apotheken kostenfrei gemachte Lieferung frei Haus von den Kassen mit jeweils 5 Euro bezuschusst wird.

„Die Zahl der Lieferungen hat in Hamm deutlich zugenommen. Aber auch der Beratungsbedarf ist deutlich gestiegen“, sagt dazu Martin Schwarzer, Sprecher der Hammer Apotheken. Gerade älteren Patienten müsste erklärt werden, warum sie plötzlich das Mittel eines anderen Herstellers ausgehändigt bekommen, wenn das gewohnte, wirkstoffgleiche Medikament nicht zu haben ist.

Gewisses Problem verwirrte schon vor Krise

Martin Schwarzer weist dabei auf ein Problem hin, das viele Patienten schon vor der Krise verwirrt hat. Wenn nämlich plötzlich das Mittel eines anderen Herstellers statt der gewohnten Arzneischachtel auf den Ladentisch kam. Hintergrund sind die – auch wechselnden – Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Arzneimittelherstellern, mit denen Kassen versuchen, die Kosten zu drücken. Ein Apotheker, der bisher als Ersatz das Mittel eines anderen Herstellers abgab – weil das „Original“ nicht greifbar ist – bekam dafür nichts von der jeweiligen Kasse erstattet. Die unbefriedigende Alternative: die Kosten an den Patient weiterzugeben.

„Das ist die Folge der Globalisierung“, so Schwarzer, „die Hersteller versuchen, Geld zu sparen, indem sie im Ausland, etwa in China und Indien, produzieren lassen.“ Dabei hatte es schon, bevor diese Länder im Zuge der Krise Medikamente nicht mehr nach Europa lieferten, immer wieder Engpässe gegeben, weil Medikamente, die den deutschen Qualitätsanforderungen nicht genügten, wieder zurückgeschickt wurden. So gab es schon Fälle, in denen Medikamente aus China, die anders hergestellt wurden als im europäischen Patent vorgesehen, gefährliche Wirkstoffe enthielten – darunter sogar krebsfördernde.

Abmilderung des Mangels durch Übergangsregelung

„Deshalb gibt es ja jetzt Bemühungen, auch vermehrt wieder in Europa herzustellen“, so der Apotheker. In der aktuellen Situation ein schwacher Trost. Immerhin sorgt die Übergangsregelung in der Corona-Krise schon für eine Abmilderung des Mangels. „Die Ausnahmeregelungen geben uns Apothekerinnen und Apothekern mehr Handlungsfreiheit. Wir können auch bei Lieferengpässen viele Patienten direkt versorgen, die sonst nochmal in die Apotheke kommen müssten“, so Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, in der oben genannten Pressemitteilung.

Die 41 Hammer Apotheken nutzen die Möglichkeiten der Ausnahmeregelung. Dabei ist auch der Aufwand gestiegen, die Alternativ-Medikamente zu beschaffen und auch vorzuhalten. „Alles kostet im Moment mehr Zeit“, sagt Martin Schwarzer. Auch weil die Hygiene- und Kontaktvorschriften auf die Betriebe wirken. So kann Schwarzer in seine Hirsch-Apotheke an der Bahnhofstraße nur jeweils zwei Besucher gleichzeitig einlassen.

Michael Imberg

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