Wie man Kindern Halt in der Not geben kann

Mama für eine gewisse Zeit: Das ist Anja S., Pflegemutter in Hamm

Halt in der Not: Anja S., hier ein Symbolbild, engagiert sich als Pflegemutter.
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Halt in der Not: Anja S., hier ein Symbolbild, engagiert sich als Pflegemutter.

Anja S. ist Pflegemutter in Hamm. Sie kümmert sich um Kinder, deren Start ins Leben nicht einfach war. Wir stellen sie und ihre Arbeit exemplarisch vor.

Hamm - Der Anruf kam, als Anja S. mit ihrer Mutter im Wartezimmer beim Arzt sitzt. „In 40 Minuten bringen wir Ihnen ein acht Monate altes Kind. Es ist ein Junge.“ Anja S. fährt nach Hause, bereitet das Kinderzimmer vor. Es klingelt an der Tür und ein Polizist hält das Kind im Arm – größer als gedacht. Es ist 18 Monate alt – also schnell Freunde und Bekannte nach entsprechenden Anziehsachen und Spielzeug fragen. Danach ruft S. den Kinderarzt an und macht einen Termin. „Damit die leiblichen Eltern nicht sagen können, die blauen Flecken kommen von mir“, sagt sie.

Anja S. ist seit 15 Jahren Bereitschafts- und Dauerpflegemutter. Neben Ihren leiblichen sechs Kindern hat sie im Laufe der Zeit sieben weitere betreut, manche von ihnen nur einige Wochen, andere viele Jahre. „Ich wollte schon immer ganz viele Kinder haben“, sagt die ehemalige Kinderkrankenpflegerin. Wenn sie im Fernsehen von misshandelten oder eingesperrten Kindern hörte, habe sie das immer stark verletzt: „Ich dachte: man muss was tun. Bis ich verstanden habe, dass ich es bin, die was tun muss.“ Dann folgte der erste von vielen Anrufen beim Jugendamt.

Säuglinge, Kleinkinder und Teenager

Die Pflegemutter nahm in den letzten Jahren Säuglinge, Kleinkinder und Teenager bei sich auf. Eins ihrer ersten Pflegekinder war ein zu früh geborenes Kind, das die Pflegemutter im Krankenhaus Tag und Nacht in den Armen wog. Nach einer Zeit stellte sich heraus, dass es in eine spezielle Dauerklinik muss. Oft erfahre sie erst nach Wochen oder Monaten, welche Traumata die Kinder erlitten haben mussten. Krankenhausbesuche und Termine beim Kinderpsychologen sind deshalb häufig Alltag für die 54-Jährige. Eines von ihren Pflegekindern habe in alle Ecken uriniert, ihr die Haare ausgerissen und gefragt, warum sie damals, als es geschlagen wurde, nichts unternommen hat.

Kinder aus gewalttätigen Familien

„Jedes Pflegekind hat einen Rucksack aus Ballast auf dem Rücken, mit großen Steinen darin“, sagt sie. Einige Kinder verlieren ihre Elternteile durch einen Unfall, andere, ältere Kinder, melden sich auch selbst beim Jugendamt oder laufen von zuhause weg. Oft kommen die Kinder auch aus gewalttätigen Familien oder haben Eltern mit Suchtproblemen. Dass die Kinder nicht sofort Vertrauen finden und wütend sind, sei unter diesen Umständen ganz normal. „Viele haben gelernt: Ich kann mich nicht auf Erwachsene verlassen. Häufig sind die Kinder erst mal empathielos, schreien und spucken mich an. Das muss man alles aushalten“, so S.

Oft denke die Pflegemutter verzweifelt: „Warum muss ich mich um das kümmern, was andere Eltern verbockt haben?“ Doch auf diese Frage erhalte sie immer wieder Antworten – von den Kindern persönlich. „Die Kleinen fangen an, mich zu umarmen und sich zu freuen, wenn sie mich sehen. Und ältere Kinder kommen auch nach Jahren zu mir und sagen mir: ‚Bei dir war es zum ersten Mal schön.‘“

Ich dachte: man muss was tun. Bis ich verstanden habe, dass ich es bin, die was tun muss.

Anja S., Pflegemutter

Für S. sind es die kleinen Momente der Zuneigung, wie das eine Mal, als eine Pflegetochter einfach ihre Hand nahm und fragte: ‚Bist du eine richtige Mama? Eine die sich kümmert?‘ Die Gewissheit, den Kindern ein Stück weit geholfen zu haben – das ist es, was die Mutter seit 15 Jahren anstrebt. S. ist für die meisten Kinder Bereitschaftspflegemutter. Das bedeutet, sie nimmt Kinder solange auf, bis diese sicher in eine Pflegefamilie oder zu einem geeigneten leiblichen Elternteil können. S. hilft auch bei der Suche nach der richtigen Familie.

Bewerbung beim Jugendamt

Die Bewerbung zur Pflegemutter oder zur Pflegefamilie läuft über die Pflegekinderdienst Abteilung des städtischen Jugendamts oder über Organisationen zur Kinder- und Jugendhilfe. Nach einem persönlichen Gespräch mit Mitarbeitenden des Jugendamts folgt ein langer Fragebogen. Die angehenden Pflegefamilien sollen sich so mit den eigenen Grenzen und Voraussetzungen auseinandersetzen. Entscheidend dabei ist auch die Frage, mit welchen Traumata des Kindes man selbst (nicht) umgehen kann. Auch viele Dokumente müssen vorgelegt werden – von Gesundheitstests bis hin zum Führungszeugnis. Anschließend gibt es noch Seminare zu verschiedenen kinderpsychologischen Themen, die die Eltern auf den Familienzuwachs vorbereiten sollen.

Zuwendung vonseiten der Stadt

Pflegeeltern erhalten finanzielle Unterstützung. Je nach Altersgruppe des Kindes gibt es laut der Stadt Hamm materielle Aufwendungen von etwa 550 bis 770 Euro. Hinzu kommen die Kosten der Erziehung, die individuell auf das Kind angepasst werden. So würde eine Familie mit einem fünfjährigen Pflegekind mit leicht erhöhtem Bedarf, sei es durch körperliche oder geistige Einschränkungen oder aus anderen Gründen, circa 1130 Euro bekommen. Pflegefamilien aller Art, ob Bereitschafts- oder Dauerpflegefamilien, werden laut der Stadt immer gesucht.

Viele haben gelernt: Ich kann mich nicht auf Erwachsene verlassen. Häufig sind die Kinder erst mal empathielos, schreien und spucken mich an. Das muss man alles aushalten.

Anja S., Pflegemutter

Wer ein Pflegekind aufnehmen möchte, sollte laut S. viel Geduld und Empathie mitbringen und in der Lage sein, „sein Leben komplett auf den Kopf zu stellen“. Einen finanziellen Nutzen könne man sich, entgegen vieler Vorurteile, aus dem Leben als Pflegemutter nicht herausschlagen. „Wer das macht, um Geld oder eine Bestätigung als gute Mutter zu bekommen, der ist falsch“, sagt Anja S. Beraten können sich Interessierte bei speziellen Stammtischen oder Festen für Pflegefamilien. Auch einige Jugendämter bieten Gespräche mit bereits erfahrenen Pflegefamilien an.

Auf die Frage, ob Anja S. jedem Pflegekind eine „echte“ Mutter sein kann, hat die 54-Jährige eine klare Antwort: „Ich muss nicht für jedes Kind eine Mutter sein, viele bleiben ja nur eine gewisse Zeit bei mir. Ich bin eine Beispielmama, die zeigt, dass es Eltern gibt, die das können. Die einem helfen und da sind“. Letzten Sommer nahm S. ein sieben Jahre altes Pflegekind auf. Das Mädchen bleibt mindestens bis zu ihrem 18. Geburtstag. „Bei ihr habe ich das Gefühl, dass es mein Kind ist“, so S. Seit etwa zwei Wochen nenne das Mädchen sie „Mama“.

(*Der Name wurde aus Schutz für die Protagonistin und ihrer Pflegekinder abgekürzt.)

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