Angesehen und abgestempelt

Diskriminierungen bei Personalsuche in Hamm keine Seltenheit

Die anonymisierte Bewerbung könnte Schule machen, auch in Hamm.
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Die anonymisierte Bewerbung könnte Schule machen, auch in Hamm.

Eigentlich ist Emine Öztürk(*) Sozialpädagogin, dennoch suchte sie neun Monate lang einen neuen Job – trotz einer Abschlussnote von 1,8 im Bachelor und einer abgeschlossenen Ausbildung als Erzieherin inklusive Berufserfahrung.

Hamm – „Ich bin in dreierlei Hinsicht gehandicapt: Ich bin eine Frau, ich habe Kinder und ich trage ein Kopftuch“, sagt Emine Öztürk. 30 Bewerbungen schickte sie an offene Stellen, meist sagte man ihr schon vor dem Vorstellungsgespräch ab. Immer wieder hatte die Hammerin das Gefühl, dass nicht ihre Qualifikation Grund für die Absage war, sondern ihr Geschlecht, ihre Religion und die Tatsache, dass sie Mutter ist.

Öztürk ist mit ihrem Problem nicht allein. 30.000 Migranten leben alleine in Hamm. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass sie seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Weitere Studien zeigten: Frauen werden seltener eingeladen als Männer, Behinderte seltener als Nichtbehinderte, Mütter seltener als Frauen ohne Kinder. Dabei gibt es ein Verfahren, das gegen die Diskriminierung helfen könnte: die anonyme Bewerbung.

Erst Ende Januar warb die Antidiskriminierungsstelle des Bundes für dieses Verfahren. Dabei werden Hinweise auf Namen, Alter, Kinder, Fotos, Wohnort und Religion unkenntlich gemacht, bevor ein Personaler Bewerbungsunterlagen erhält. Die Bewerber erhalten stattdessen eine Nummer. Erst dann sollen die Personaler entscheiden, welche Nummer sie zum Vorstellungsgespräch einladen.

Anonymisierte Bewerbungen nirgends Thema

In Hamm hat der WA bei einer Recherche kein Unternehmen gefunden, das anonymisierte Bewerbungen nutzt. So arbeiten beispielsweise im Mercure Hotel Mitarbeiter aus zehn verschiedenen Nationen. Doch ein anonymes Bewerbungsverfahren gibt es nicht. Auch bei der Agentur für Arbeit gibt es nur die Variante mit Foto. „So spielen die Bewerber direkt mit offenen Karten. Werden die persönlichen Daten alle geschwärzt, wird es irgendwann zu anonym. Und spätestens beim Bewerbungsgespräch fällt das Visier“, erklärt eine Mitarbeiterin der Pressestelle.

Die Agentur trifft in einigen Fällen eine Vorauswahl: Sie prüft alle Bewerbungen auf eine Stelle und leitet nur die an den Arbeitgeber weiter, die geeignet erscheinen. „Wenn wir für die Firmen Arbeitnehmer auswählen, achten wir nicht auf die Adresse oder das Geschlecht. Wir achten dann wirklich auf die Qualifikationen und Erfahrungen“, sagt die Sprecherin.

Mehrfach eingeladen, immer abgelehnt

Doch wie gut gelingt das wohl? Diskriminierung ist häufig, das zeigen etwa Untersuchungen des Wissenschaftszentrums Berlin. Es hat geprüft, wie sich beispielsweise Geschlecht und Herkunft auf die Auswahl der Bewerber auswirken. So hatte ein Team Tausende Bewerbungen von fiktiven Personen an reale Stellenausschreibungen in acht Berufen verschickt, jeweils mit anderem ethnischen Hintergrund. „Die Ergebnisse unserer Studien zeigen eindeutig, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland bei der Suche nach einem Arbeitsplatz diskriminiert werden“, heißt es in der Zusammenfassung. Die Forscher erklärten auch, die Personaler entschieden sich oft für Bewerber, die ihnen selbst ähnlich seien.

Emine Öztürk schaffte es mehrmals bis zum Vorstellungsgespräch. Doch bei einigen Gesprächen hatte sie den Eindruck, man habe sie pro forma eingeladen. „Die Gleichstellungsbeauftragte war dabei und man konnte zeigen: Man hat auch Menschen mit Kopftuch eingeladen“, sagt sie. Sie bekam die Stellen nicht.

Klinik setzt auf Vermittlungsagentur

Recht nah kommt man einer anonymen Bewerbung ab und zu in der St.-Barbara-Klinik. Wenn die Klinik dringend Stellen besetzen will, schaltet sie eine Vermittlungsagentur ein: „Dann werden uns zunächst nur die Qualifikation und der berufliche Werdegang der Bewerber genannt“, erklärt eine Mitarbeiterin der Pressestelle. Doch auch in der Klinik gibt es kein explizites Angebot zur Einreichung einer anonymen Bewerbung.

Bei der Stadt Hamm kann man sich online bewerben. „Dort sind Geschlecht, Alter und Wohnort keine Pflichtfelder. Sie werden in der Regel aber trotzdem ausgefüllt“, sagt ein Stadtsprecher. Auch ein Foto fügen viele Bewerber an. Die Stadt lässt diese persönlichen Angaben in den Unterlagen.

"Deutsche Verfahren fördern Auslese"

Emine Öztürk würde sich wünschen, dass man solche persönlichen Daten streicht: „Ich halte sehr, sehr viel von anonymen Bewerbungen. Man hört ja sehr viel davon, auch aus England zum Beispiel. Das Verfahren, das wir in Deutschland haben, fördert die Auslese. Man sieht erst einmal das Foto, den Namen, und konzentriert sich nicht auf das Wesentliche.“ Das sei die Qualifikation.

Mittlerweile hat sie einen Job gefunden – nicht in Hamm, wie sie es sich gewünscht hatte, sondern in einer Nachbarstadt. Heute, sagt sie, würde sie kein Foto mehr in ihre Bewerbungen legen.

(*) Name von der Redaktion geändert

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