Alt, männlich, kein Migrationshintergrund

So gut bilden die Kandidaten für den Rat die Hammer Gesellschaft ab - eine Analyse

Rat; Kurhaus, Multifunktionssaal (BI Lippestraße demonstriert; mit Wahl des neuen Stadtbaurates)
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Bei den Ratssitzungen im Kurhaus werden Entscheidungen für alle Bürger in Hamm getroffen. Doch der Stadtrat in Hamm bildet bislang nicht wirklich die Hammer Gesellschaft ab. Das wollten die Parteien für die Kommunalwahl 2020 ändern. Ist das gelungen?

Der Stadtrat sollte eigentlich so genau wie möglich die Bevölkerung abbilden. Im noch amtierenden Rat im Hamm sind allerdings zahlreiche Gruppen unterrepräsentiert: Das klassische Ratsmitglied ist bisher männlich, überdurchschnittlich gebildet, weit über 50 Jahre alt und hat keinen Migrationshintergrund.

Hamm – Um das zu ändern, wollten die Parteien die Kandidaten für die Wahl am 13. September mit mehr Bedacht auswählen. Wir analysieren, ob das gelungen ist.

Analyse: So gut bilden die Direktkandidaten für den Stadtrat die Hammer Gesellschaft ab

Das Alter: Der durchschnittliche Hammer ist etwa 43,4 Jahre alt. Schon nach der vergangenen Wahl lag das Alter der 58 gewählten Ratsmitglieder am Tag der konstituierenden Sitzung demgegenüber bei 52,6. Seitdem sind noch einmal sechs Jahre vergangen. Damals war der aktuelle SPD-Fraktionsvorsitzende Justus Moor mit 27 Jahren der mit Abstand jüngste Ratsherr. Er wurde 2018 vom Nachrücker Christian Nordhoff (CDU) abgelöst, der inzwischen 31 Jahre alt ist.

So alt sind die aktuellen Direktkandidaten für den Hammer Stadtrat

Ein Blick auf die Listen für die 29 Wahlbezirke zeigt, wie alt die aktuellen Kandidaten sind. Am ältesten sind die AfD-Bewerber mit 55 Jahren – sie sind mehr als elfeinhalb Jahre älter als der durchschnittliche Bürger. Dahinter folgen mit knappem Abstand die Grünen (54,9 Jahre), obwohl sie mit Arnela Sacic (28) die jüngste OB-Kandidatin stellen. Auch SPD (50), CDU (49,9), FDP (47,5), Freie Wählergemeinschaft (45,8) und die Linke (45,3) stellen deutlich ältere Kandidaten. Nur Pro Hamm (42,9) und die neun Kandidaten der Rechten (40,8) sind jünger als der durchschnittliche Hammer.

SPD-Ratsfraktionschef Justus Moor war lange jüngster Ratsherr in Hamm.

Durch dieses Ungleichgewicht, sind die rund 27.000 erwachsenen Hammer zwischen 18 und 30 unterrepräsentiert. Sie haben zwar einen Anteil von gut 19 Prozent an den Wahlberechtigten, an den Ratskandidaten aber nur einen Anteil von unter 12 Prozent. Noch nicht mit eingerechnet sind die mehreren Tausend Wahlberechtigten zwischen 16 und 18 über die keine genauen Daten vorliegen – durch sie öffnet sich die Schere noch weiter.

Eine Hand voll Ratsmitglieder werden zwischen 20 und 30 Jahre alt sein

Nur 25 von 211 Kandidaten um die Direktmandate sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. Durch die hohe Platzierung von wenigen jüngeren Kandidaten auf der Reserveliste – etwa Juso-Chef Joshua Zobel (21) bei der SPD – werden zwar eine Hand voll Ratsmitglieder zwischen 20 und 30 Jahre alt sein, den Altersschnitt wird das allerdings nicht entscheidend senken. Es ist zudem zu erwarten, dass sich etliche Wähler öfter für erfahrene und seit Jahren bekannte Kommunalpolitiker als für politische „Frischlinge“ entscheiden werden. Auch ist der Anteil älteren Wähler, die ihr Wahlrecht tatsächlich wahrnehmen, in der Regel höher. Deshalb dürfte der Rat nicht entscheidend verjüngt werden.

Das Geschlecht: Frauen sind im amtierenden Rat deutlich unterrepräsentiert – und das, obwohl es in Hamm sogar rund 5000 Frauen mehr gibt als Männer. Nur 17 der aktuell 58 Amtsträger sind weiblich, was einem Anteil von unter 30 Prozent entspricht. Die Zusammenstellung der Kandidatenlisten gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass sich daran am kommenden Sonntag etwas ändern wird.

Frauen im Stadtrat deutlich unterrepräsentiert

Von den 211 Kandidaten um die Direktmandate sind 145 männlich und nur 66 oder 31,3 Prozent weiblich. Zieht man nur die aktuellen Ratsparteien heran, wächst der Anteil auf 35,5 Prozent an, berücksichtigt man nur die seit Jahrzehnten etablierten CDU, SPD, Grüne, Linke und FDP, liegt er bei 37,9 Prozent – immer noch deutlich entfernt vom Frauen-Anteil an der Gesamtbevölkerung von über 50 Prozent.

Nur die Linke hat mehr Frauen als Männer aufgestellt (18 zu 11). Fast paritätisch sind die Genossen unterwegs (15 Männer, 14 Frauen). Bei Pro Hamm ist das Gefälle bereits deutlich größer (19 Männer, 10 Frauen). Noch schlechter aufgestellt sind die CDU, die Grünen (jeweils 21 zu 8) und die FDP (22 zu 7). Die Rechte (9 Männer) und die Freie Wählergemeinschaft (5 Männer) haben gar keine Frau in ihren Reihen, die AfD neben 22 Männern immerhin eine. Besonders grotesk erscheint in diesem Zusammenhang der Spruch „Frauen brauchen Freiheit“ auf einem AfD-Wahlplakat.

Konstituierende Sitzung: So sah der noch amtierende Stadtrat im Jahr 2014 aus. Schon da waren etliche Vertreter im Rentenalter. Es wurden deutlich mehr Männer als Frauen gewählt.

Gebildet und oft im Ruhestand: 20 Direktkandidaten schon im Rentenalter

Der Beruf: Ratsmitglieder sind in Deutschland Studien zufolge gebildet und reicher als ihre Wähler. Das trifft mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf Hamm zu. Auch das Klischee, dass der Stadtrat ein Rentner-Parlament ist, stimmt aktuell in Teilen. Etliche Mandatsträger sind in den vergangenen Jahren in den Ruhestand versetzt oder Pensionäre geworden. Von den „neuen“ Kandidaten sind ebenfalls bereits 20 im Rentenalter, weitere kurz davor. 13 sind Lehrer, zwölf Beamte. Angestellte (38) sowie Handwerker, Techniker und IT-Kräfte (39) bilden die größten Gruppen. Im Sozialbereich sind 20 Kandidaten tätig, im Gesundheitsweisen elf – vier von ihnen als Ärzte. Sieben Kandidaten arbeiten in der Justiz, darunter zwei Anwälte. Gleich zwölf der Direktkandidaten der Parteien sind in der Medienbranche beschäftigt. Immerhin: Auch zehn Studenten und eine Schülerin gehören zum Kandidatenkreis.

Der Migrationshintergrund: Hamm ist bunt. In der Stadt leben Menschen aus 150 Nationen. Ein Drittel der Stadtbevölkerung bilden Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund. Tendenz: steigend. Sie alle sind von den Entscheidungen des Rats direkt betroffen, bleiben aber wohl deutlich unterrepräsentiert.

Direktkandidaten für den Hammer Stadtrat: Nur 30 mit Migrationshintergrund

Nur 16 der 211 Direktkandidaten sind im Ausland geboren worden, einen Migrationshintergrund haben insgesamt knapp 30. Das sind nicht einmal 15 Prozent. Der Anteil müsste mindestens doppelt so hoch sein, um zumindest bei der Wahl die Bevölkerung realistisch abzubilden. Die meisten Kandidaten mit Migrationshintergrund hat die Wählergruppe Pro Hamm in ihren Reihen – sie kommen vornehmlich aus der Türkei. Viele der Hammer mit ausländischer Herkunft können zudem gar nicht erst an der Wahl teilnehmen. 48.500 Menschen bleibt nur die Wahl zum Integrationsrat als einzige Möglichkeit der politischen Partizipation. Bei einem etwas anderen „Migrationshintergrund“ ist der Wert übrigens deutlich höher. Insgesamt 77 der Direktkandidaten wurden nicht in Hamm geboren.

Fazit: So gut bilden die Direktkandidaten für den Stadtrat die Gesellschaft ab

Trotz der Bemühungen der Parteien, ihre Kandidatenlisten diverser aufzustellen, dürfte der Rat in der Zusammensetzung nach der Wahl am kommenden Sonntag wieder ähnlich aufgebaut sein wie bei der zurückliegenden Wahl im Jahr 2014. Am Ende haben es aber die Wähler in der Hand, welche Kandidaten sie in den Rat schicken.

Trotz einer auch insgesamt älter werdenden Gesellschaft wird der Rat in den kommenden Jahren erneut schneller altern als die Stadtbevölkerung. Junge Hammer werden mit großer Wahrscheinlichkeit weiterhin unterrepräsentiert sein, genauso wie Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund.

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