Alte Technik Karsten Kettermann neu interpretiert

Wetplate-Verfahren: Hammer Fotograf bannt Momente auf Glas

Und jetzt stillhalten: Das Modell darf während des Fotos von Karsten Kettermann nicht blinzeln.
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Und jetzt stillhalten: Das Modell darf während des Fotos von Karsten Kettermann nicht blinzeln.

Er sucht nach Menschen mit Charakter: Fotograf Karsten Kettermann ist nun in Deutschland auf Tour, um anderen das Fotografieren näher zu bringen.


Hamm – Das Licht trifft wie ein Blitzschlag. Für den Bruchteil einer Sekunde fühlt es sich an als würde druckvoll Luft bewegt. Die Konturen des Raumes versinken in gleißendem Weiß – wenn es denn gelingt, die Augen offen zu halten. Der Moment der Belichtung ist so hell, wie eine 10.000 Watt starke Lampe, die eine Sekunde leuchtet. Deshalb übt Karsten Kettermann mit seinen Modellen das „Blitzdingsen”, wie es manche scherzhaft nennen. Denn: Die Technik des im Jahre 1851 erfundenen Wetplate-Verfahrens (Kollodium-Nassplatten-Verfahren), die der Diplom-Designer und Fotograf aktuell wiederbelebt, verlangt den Modellen im Studio rund 15 Sekunden Reglosigkeit ab, in denen nicht einmal geblinzelt wird.

Eingefangen wird der Moment von Kettermann mit einer Mentor Pentacon Panorama-Großformatkamera, hergestellt in der DDR und in der Form an eine Zieharmonika erinnernd. „Angeschafft habe ich sie vor 30 Jahren und damals nur ein einziges Mal benutzt, um eine großblättrige Pflanze zu fotografieren. Die Ergebnisse fand ich langweilig. Danach habe ich sie eingemottet”, erinnert sich der 52-Jährige, der durch Online-Foto-Kurse, Workshops und Bücher zum Thema Fotografie und Bildbearbeitung auf sich aufmerksam gemacht hat und dem mittlerweile mehrere 1000 Schüler folgen, die seine schlagfertige Art und Sätze wie „Man kann nicht jeden Fehler selber machen” lieben.

Warten in der Dunkelkammer: Im Labor wird das Ergebnis sichtbar gemacht.

Alte Technik neu interpretiert: Online-Workshops

Einige waren sogar dabei, als Kettermann am 2. Mai online ging, um zu zeigen, wie Ambrotypien entstehen. Webcams dokumentierten, wie von Kettermann Glasplatten mit Silber beschichtet und noch nass belichtet und entwickelt werden. So entsteht auf der Glasplatte das Negativ, das Kettermann in ein Positiv verwandelt, indem er die Rückseite mit einer schwarzen Teerlackierung überzieht.

Das Ergebnis sind Porträt-Aufnahmen von fast unheimlicher Intensität. Hauttypen und -alter treten klar hervor, zugleich wirken die Menschen, die einem mit ausdrucksvollen Augen entgegenblicken, fast ätherisch. Ein Modell habe ihm nach dem Shooting gesagt, dass er ihr direkt in die Seele geschaut habe – das habe ihn sehr berührt, erzählt der Foto-Künstler, der auch für seine Akt-Fotografie weniger perfekte Körper als viel mehr Menschen mit Charakter sucht: „Die Zusammenarbeit ist eine sehr besondere Situation, Menschen zeigen sich mir wie Gott sie schuf und McDonalds sie formte. Das setzt voraus, dass ein Vertrauensverhältnis entsteht. Und mit ein bisschen Glück erlaubt mir mein Modell, hinter die Maske zu gucken.”

Alte Technik neu interpretiert: Das Wetplate-Verfahren

Seit 2019 widmet sich Kettermann neben seiner Online-Fotoschule wieder ganz der Analog-Fotografie. Die Zeiten, in denen er uninspirierende „Frittenbuden-Jobs” übernommen hat, damit die Freiberuflichkeit den Kühlschrank füllt, sind vorbei. Ganz seine künstlerische Seite ausleben zu können, genießt der Mann, der selten still sitzt und dessen Kopf nach ständiger Beschäftigung verlangt. Einer spontanen Eingebung folgend meldete sich Kettermann zu einem Wetplate-Workshop bei Daniel Samanns in Berlin an. „Verrückt: In zwei Tagen sind gerade mal drei Bilder entstanden.” Dennoch ist es seither um ihn geschehen: „Wenn das Herzchen hüpft, dann ist es das Richtige.”

Als Daniel Düsentrieb und Perfektionist stürzt er sich gern kopfüber in die Materie. Als eines der ersten Wetplate-Akt-Shootings bei 38 Grad im Schatten daneben ging, mischte Kettermann einen Sommer-Entwickler. In einem Dörrobst-Ofen trocknet er die Glasplatten. Sein Labor hat er selbst gezimmert und dabei um ein Haar drei Finger eingebüßt. Der ins Atelier integrierte Arbeitsraum verfügt über eine starke Abluftanlage, die Chemikaliendämpfe und Corona-Viren aus dem Raum befördert. „Dabei hat Corona meinen Alltag nicht verändert. Ich bin den ganzen Tag im Atelier, mittags führt meine Frau unseren Hund Momo und mich aus, die wunderbarsten Menschen kommen zu mir, um sich fotografieren zu lassen und mit der Faltkamera zwischen uns haben wir mehr als eine Einkaufswagenlänge Abstand zueinander”, sagt er.

Ein bleibendes Erlebnis: Unser Modell mit ihrer Wetplate-Fotografie.

Alte Technik neu interpretiert: Menschen mit Charakter gesucht

Anfragen von Menschen, die ihm Modell beim Wetplate-Verfahren stehen wollen, erreichen ihn aus ganz Deutschland. „Das ist eben nicht einfach Fotografieren. Das ist ein bleibender Moment.” Die belichteten Glasplatten im Atelier mehren sich, im Garten lagern neue Fensterscheiben. Bis zu 40 Platten schneidet Kettermann in 90 Minuten zurecht.

„Meine Frau sagt, ich soll die Platten den Modellen schenken, weil sie Angst hat, dass mein Atelier irgendwann zu schwer wird und der Boden es nicht mehr schafft. Ich versuche, sie zu beruhigen, indem ich sage, dass jeder Quadratmeter 350 Kilogramm tragen könnte. Aber sie bleibt skeptisch”, so Kettermann, der im Eingangsbereich seines Ateliers eine Art Wall auf Fame mit fertigen Platten gestalten möchte.

Alte Technik neu interpretiert: Langlebiege Fotos

Längst hat er sich mit diversen alten (Edel-) Drucktechniken und Untergründen auseinandergesetzt, Prototypen gebaut, sich mit alten Fotografien auseinandergesetzt. Dass Fotos Jahrhunderte überdauern können ohne Qualität einzubüßen, begeistert ihn. Basierend auf dem neu gewonnenen Wissen, will er demnächst von den Glasplatten Drucke erstellen, die in Galerien präsentiert und gehandelt werden.

Aber erst einmal will Kettermann in der freien Wildbahn auf Motiv-Jagd gehen. Zu diesem Zweck hat er ein mobiles Labor gebastelt: Der knallrote Fahrradanhänger bringt vollbestückt gut 65 Kilogramm auf die Waage. „Klar – der kommt an ein Elektro-Bike”, sagt der Zwei-Meter-Hüne. Und weil seine Studio-Kamera sich nur schwerlich kleinmachen lässt und auf ein wuchtiges Stativ montiert ist, hat er sich eine gut faltbare Zieharmonika für unterwegs zugelegt. „Die ist von Sinar, einem Schweizer Hersteller. Da kann selbst ein Panzer gegen fahren, da verwackelt nichts.”

Für Kettermann ist die Kamera nur ein Werkzeug. „Ein Kollege hat das mal sehr nett beschrieben. Auf einer gemeinsamen Tour fasste er sich immer wieder hinters Ohr und es ertönte ein Klickgeräusch. Ich hab’ gefragt, was er da macht. Und er sagte ,Den Auslöser drücken’. Natürlich war da nix hinter dem Ohr. Aber er hatte Recht: Das Bild entsteht im Kopf. Wenn ich weiß, was ich machen will, ist das Kameramodell zweitrangig, denn alle Kameras funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Aber ich bin der Regisseur, der das Motiv plant bevor er den Auslöser drückt.”

Alte Technik neu interpretiert: Karsten Kettermanns Pläne

Im Mai will Kettermann durch Deutschland touren. In Dessau gibt er einen Fotokursus. Und besucht bei dieser Gelegenheit Fotografen-Kollegen und Modelle in Dresden, Leipzig, Frankfurt und weiteren Stationen. Er mag die Einstellung in Ostdeutschland zum eigenen Körper. „Ich bin dort mit vier ,geraubten Jungfrauen´ verabredet. Sie werden sich nackt auf große Steine legen, die aus der Erde ragen und wirken als wären es halb eingegrabene Drachenköpfe. In Ostdeutschland ist das Verhältnis zum eigenen Körper ein anderes – dort verstehen sich Frauen eher als Muse denn als Objekt. Wenn ich im Wald mein mobiles Fotolabor parke, werde ich neue Bekanntschaften machen. So etwas sieht man ja nicht alle Tage”, freut sich Kettermann, der den Anhänger didaktisch so geschickt aufgebaut hat, dass man ihm bei der Arbeit zusehen kann.

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