Angst vor dem Virus wächst bei Hammer Anbietern

Corona-Alarm im Altenheim: Pflegedienste ohne Masken

Nur noch Sackgasse: Seit Montag sind keine Besucher mehr in Seniorenheimen zugelassen.
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Auch in Hamm noch Sackgasse: Seit Montag sind wegen des grassierenden Coronavirus keine Besucher mehr in Seniorenheimen zugelassen.

2000 Menschen verbringen in Hamm ihren Lebensabend im Seniorenheim; sie sind dort stationär untergebracht. Seit Montag dürfen Angehörige sie nicht mehr besuchen. Das sind 2000 kleine und große Dramen.

Hamm – Zunächst gilt diese Situation für 14 Tage, vermutlich jedoch für sehr viel längere Zeit. Und wie schrieb ein WA-Leser in düsterer Vorsehung dieser Situation gleich zu Beginn der Corona-Krise über seinen betagten Vater: „Er wird nicht an dem Virus sterben, sondern an Vereinsamung.“

Dies zu verhindern, ist also das Gebot der Stunde. Doch wie soll das gehen, in einem Apparat, dessen Mitarbeiter ohnehin schon keine Zeit-Ressourcen haben? Zudem droht hier die Materialknappheit als erstes durchzuschlagen – beziehungsweise: Sie ist bereits da.

„Ich könnte heulen“

Beate Michels ist Inhaberin eines der großen ambulanten Pflegedienste in der Stadt. 1991 hat die 57-Jährige das Unternehmen gegründet. 50 Mitarbeiter betreuen derzeit rund 270 Patienten in der ganzen Stadt. „Ich könnte heulen“, sagte Michels unserer Redaktion. Als ambulanter Dienst stehe sie ganz am Ende der Kette. Kein Mundschutz und keine Schutzkittel seien für sie vorgesehen.

Überall habe sie es versucht, sei aber nirgends fündig geworden. Schon jetzt, da die Krise erst am Anfang steht. „Jeder unserer Patienten gehört zur absoluten Risikogruppe, und wir fahren von Haus zu Haus. Es ist doch nur eine Frage der Zeit, dass hier etwas passiert.“ Im Internet würden Schutzmasken angeboten. 100 Stück hätten vor ein paar Wochen noch 4 Euro gekostet, jetzt würden sie für 150 Euro gehandelt. „Und da sprechen wir über den ganz normalen Mundschutz.“

Mundschutz jetzt selbst genäht

Sie behelfe sich nun auf andere Weise. „Wir nähen die jetzt selbst. Was sollen wir sonst tun?“ Bei einem Stoffhändler in Bockum-Hövel habe sie das Rohmaterial bestellt. Online und das Geld sei bereits überwiesen. Gestern sei die Lieferung erfolgt. Durchs Fenster sei der Stoffbalg zum Abholer aus ihren Reihen heruntergeworfen worden. Jetzt gehe es ans Nähen. Eine ihrer Mitarbeiterinnen übernehme das. Wie viele Masken es wohl täglich werden? „Keine Ahnung, wir werden es sehen. Immerhin haben wir noch Desinfektionsmittel. Fragt sich nur, wie lange das noch reicht.“

Ähnliches berichtete auch ein privater Träger eines Seniorenheims aus Hamm. „Ich habe 74 Masken, das war’s. Und die habe ich nicht im Sanitätshaus bekommen, sondern mir vor Wochen schon im Baumarkt besorgt. Auch wir nähen jetzt selbst.“

Milka für Mitarbeiter

Elisabeth Mischke ist Leiterin des Altenheims St. Josef in Herringen. Als sie gestern die Türen für die Besucher schließen musste, gab es durchaus rührige Momente. „Angehörige sind noch einmal gekommen und haben den Bewohnern Tüten mit Süßigkeiten gebracht. Die reicht vielfach für viel länger als diese 14 Tage“, sagte sie. Auch für die Mitarbeiterinnen habe es Geschenke vom einen oder anderen gegeben. Dankeschön-Schokolade von Milka. „Das waren tolle Gesten.“

Auch Mischke sorgte sich um die Gesundheit ihres Personals. „Wenn die ersten Fälle hier bei uns sind: Daran mag ich gar nicht denken.“ Viele Heimbewohner trügen die Situation hingegen relativ gelassen. „Ich verstehe nicht, was der Zirkus soll. An irgendetwas muss der Mensch doch sterben“, zitierte sie eine ihrer Bewohnerinnen.

Jens Jörger, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft stationärer Altenhilfeeinrichtungen in Hamm, lobte die Angehörigen. „Sie zeigen sehr viel Verständnis. Wir alle müssen die Situation nun meistern.“ Zum erhöhten Betreuungsbedarf durch das Personal meinte Jörges: „Wir haben die Möglichkeiten zu begleiten. Und das klappt auch sehr gut.“

„Hier ist es totenstill“

Ein anderes Bild zeichnete ein anderer Heimbetreiber, der anonym bleiben wollte. „Hier ist es totenstill. Wenn es wenigstens jemanden gebe, der Musik für die alten Leute machen dürfte...“

Die Situation in den Wohnbereichen sei extrem. „Was mache ich denn mit einem Demenzpatienten, der den ganzen Tag herumläuft? Ich kann dem doch jetzt keine Fesseln anlegen.“ In der Konsequenz lasse er die Leute weiter über die Flure streifen. Und auch die Mahlzeiten würden die Menschen bei ihm gemeinsam einnehmen. „Das sind doch die einzigen Begegnungen, die diese Menschen noch haben.“

Videokonferenzen mit den Angehörigen könnten Möglichkeiten sein. Auch daran werde gearbeitet, sagte AG-Sprecher Jörges, der das Seniorenheim St. Stephanus in Heessen leitet. „Das wird sich entwickeln. Ich halte das für einen guten Kompromiss.“

Coronavirus in Hamm - weitere Infos hier:

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