Unsere Serie: Was braucht Herringen?

Arzt schlägt Alarm: Halbiert sich die Zahl der Hausärzte in Herringen?

Nachfolger für Hausarzt-Praxen zu finden, wird immer schwieriger.
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Nachfolger für Hausarzt-Praxen zu finden, wird immer schwieriger.

Hausarzt in Herringen? Viele junge Mediziner winken ab, wenn man sie fragt, ob sie in dort eine Praxis übernehmen möchten. Ein Herringer Mediziner sieht einen Ärztemangel kommen. Wie dramatisch ist die Situation? Diskutieren Sie mit! (Formular im Artikel.)

Herringen – Dr. Carsten Grüneberg schlägt Alarm: Schon in zwei Jahren könnte sich die Hausarzt-Situation im Stadtbezirk Herringen (Hamm) dramatisch verschlechtern. Viele seiner Kollegen seien über 60 Jahre alt oder gingen, wie sein Praxis-Partner Dr. Heinz-Jürgen Sanio, auf die 70 zu. „Wenn wir keine Nachfolger finden, wird sich die Zahl der Hausärzte in Herringen bald halbieren“, malt er ein düsteres Szenario.

StadtteilHerringen
Einwohner19.937 (Stand: 31.12.2020)
Hausärzte und Internisten11
Niedergelassene Fachärzte10
Niedergelassene Zahnärzte9

Lage in Hamm: Schon jetzt fehlen 24 Hausärzte - und es werden mehr

Aktuell praktizieren in Herringen neun Hausärzte, zwei davon mit kleinen Praxen. Dafür kommen laut der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) zwei Internisten mit diabetologischem Schwerpunkt hinzu. Rein rechnerisch bedeutet das, dass in Herringen auf einen Hausarzt rund 2000 Einwohner kommen. Zum Vergleich: In Hamm sind aktuell 88 Hausärzte mit Vollzeit-äquivalenten niedergelassen. Das entspricht einem Versorgungsgrad von 89,8 Prozent.

Die Bedarfsplanung der KVWL für Hamm sieht aktuell ein Verhältnis von 1609 Einwohnern pro Hausarzt vor. Das müssten – bei einer Einwohnerzahl von knapp 180.000 – rund 112 Hausärzte sein. Dieser Rechnung zufolge fehlen also 24 Hausärzte. Von einer Unterversorgung spricht die KVWL allerdings erst bei einer Quote von 75 Prozent.

Doch was tun? Eine Lösung könnten, so Grüneberg, die von der Ampel-Koalition im Rat der Stadt Hamm angekündigten Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) sein. Die dort beschäftigten Ärzte wären dann, so Grüneberg, im Idealfall Angestellte der Stadt. Sie würden dadurch ihr finanzielles Risiko senken und vor allem von verwaltungstechnischen Aufgaben entbunden werden. „Wir dürfen solche Versorgungszentren aber nicht dem freien Markt überlassen.“ Sonst bestehe die Gefahr, dass die Gesundheit als Gewerbe behandelt werde.

Ärztemangel in Herringen: Stadtteil ist für junge Ärzte nicht attraktiv

Allerdings: Mit einem MVZ allein ist es nicht getan. Das Problem ist auch, dass es zu wenig junge Ärzte gibt. Daher müssten insgesamt mehr medizinische Studienplätze zur Verfügung gestellt werden, fordert Grüneberg. Mit Blick auf die Situation vor Ort sieht der Mediziner noch ein weiteres Problem: „Herringen, aber auch Hamm. sind für junge Hausärzte einfach nicht attraktiv genug.“ Ein großer Konkurrent sei vor allem Münster.

Grüneberg spricht hier aus Erfahrung. Denn die Praxis Grüneberg/Sanio ist Lehrparxis für Studierende der Unis Bochum und Herdecke. Interesse, sich in Hamm niederzulassen, habe von ihnen bislang niemand gezeigt. Sogar Bochum werde Hamm vorgezogen, so Grüneberg, der es mit Blick auf die aktuelle Situation in den Praxen zudem begrüßen würde, wenn Hausärzte von sachfremden Arbeiten vor allem im Bereich der Verwaltung von den Krankenkassen entlastet würden. Dort säßen die ausgebildeten Experten.

Wird aus dem Ärztehaus mal ein Medizinisches Versorgungszentrum? Dann wären Ärzte angestellt statt selbstständig. Das löst aber nicht das Problem, dass es zu wenige Mediziner gibt.

Doch das sind nicht die einzigen Baustellen. Ein weiteres Problem ist der Mangel an medizinischem Fachpersonal. Allein im vorigen Jahr habe die Gemeinschaftspraxis vier Medizinische Fachangestellte vor allem an Krankenhäuser verloren. Zwar seien die Arbeitsbelastungen auch dort hoch, aber nicht so hoch wie in den Hausarztpraxen, sagt der Herringer Mediziner. Auch die Bezahlung sei oftmals besser.

Ärzte an Grenze der Belastbarkeit: Pandemie hat die Lage verschlimmert

Gerade die Corona-Pandemie habe die Hausarztpraxen, wie der 61-Jährige erklärt, bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. Aktuell gebe es fast ausschließlich chronische Fälle, die deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als zum Beispiel ein Husten. „Bislang haben wir rund 1400 Corona-Impfungen durchgeführt.“ Eine Belastung sei auch das anfällige Internet. An einem Tag hätten, wie Grüneberg sagt, 312 Patienten innerhalb von vier Stunden telefonisch Kontakt zu der Praxis gesucht. Das packe keine Anlage, habe ihm ein Telekommunikationstechniker gesagt. Am Telefon schafften zwei Helferinnen pro Stunde zwölf Patienten, um sie zu beraten.

Aktuell gibt es in der Gemeinschaftspraxis rund 6500 aktive Patientenkarten, pro Quartal abgerechnet werden 3500. „Das sind 1000 mehr als im Durchschnitt.“ Das Team umfasse – neben ihm und Dr. Sanio – drei Azubis und derzeit nur eine Vollzeitkraft. Zuvor seien es drei bis vier gewesen. Dafür gebe es drei Halbtagskräfte und zwei Aushilfen. „Eine Vollkraft und ein Azubi sind in Elternzeit.“

Herringer Hausarzt: Viele Kollegen haben schon einen Aufnahmestopp

Grüneberg selbst ist seit 28 Jahren als niedergelassener Arzt in Herringen tätig. Zuvor war er neun Jahre bei der Bundeswehr. Unterstützt wird er derzeit von einer Weiterbildungsärztin, die im November ihre Prüfung hat. Und Grüneberg hofft, dass sie demnächst richtig bei ihm einsteigen und die Lücke schließen wird, die Dr. Sanio mit seinem Eintritt in den Ruhestand hinterlässt. Und wenn nicht? Als „Einzelkämpfer“ werde er Patienten abweisen müssen. Bei vielen Kollegen gebe es schon jetzt einen Aufnahmestopp.

Seit 28 Jahren Hausarzt in Herringen: Dr. Carsten Grüneberg fürchtet einen Ärztemangel.

Probleme sieht Grüneberg mittelfristig auch bei der Versorgung mit Fachärzten, da auch hier der eine oder andere altersbedingt mittelfristig in den Ruhestand gehen wird. Zwar sei man noch deutlich besser aufgestellt als der Nachbarbezirk Pelkum. Aber auch in Herringen fehlten aktuell unter anderem ein Chirurg und ein Hautarzt. Hier dürfte der Stadtbezirk jedoch schlechte Karten haben. Laut der KVWL ist Hamm mit Chirurgen überversorgt. Aktuell liegt die Quote bei 154 Prozent.

Arzt mahnt: Jeder kann etwas für seine Gesundheit tun - und so die Praxen entlasten

Wie sich die ärztliche Versorgung in Herringen langfristig gestalten wird, kann Grüneberg abschließend nicht einschätzen. Ein Medizinisches Versorgungszentrum könnte ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein. Und mit dem Ärztehaus an der Neufchâteaustraße seien hierfür auch die räumlichen Voraussetzungen gegeben. Aber: „Auch jeder von uns kann etwas für seine Gesundheit tun und Praxen entlasten.“ Eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung seien zwei wichtige Faktoren. Es wäre daher gut, wenn Herringen endlich ein Fitnessstudio, eine Sport-Kita oder auch ein Beachvolleyballfeld bekäme, das von einem Verein betreut wird.

Um dem sich abzeichnenden Ärztemangel in Hamm zu begegnen, wurde übrigens vor drei Jahren eine Gesundheitskonferenz ins Leben gerufen. Im September sollen erste Ergebnisse vorgestellt werden.

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