Lage spitzt sich zu

Weiter Weg in Hamm für den Abbruch einer Schwangerschaft

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Die Diskussion um das Werbeverbot macht wieder auf das Thema aufmerksam. Hier eine Kundgebung gegen Paragraf 219a in Berlin.

Hamm - Eine Schwangerschaft ist eine Lebensentscheidung. Ein Schwangerschaftsabbruch ebenso. Jedes Mal Sex trägt das Risiko einer Schwangerschaft. Die Entscheidung wird in Hamm schwieriger gemacht, denn hier sind keine Abtreibungen mehr möglich.

Der letzte örtliche Gynäkologe, der Abtreibungen vorgenommen hat, ging 2014 in den Ruhestand. Und auch in Münster wird es ab Sommer voraussichtlich keinen Arzt mehr geben, der Abbrüche vornimmt. Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Hamm ist besorgt.

Claudia Keeve von der AWO.

„Betroffenen Frauen wird es aufgrund der vielfach unzureichenden Versorgung mit Ärzten, die einen Abbruch durchführen können, unnötig schwer gemacht“, hieß es in einer Mitteilung der Awo zum Weltfrauentag. Zusätzlich zum emotionalen Druck seien die Frauen mit der Problematik der schwierigen Terminfindung und längeren Anfahrten konfrontiert, erklärt Claudia Keeve, Beraterin für Schwangerschaftskonflikte der Awo. „Schon jetzt ist es so, dass schwangere Frauen aus Hamm seit 2014 Fahrzeiten von einer Stunde und mehr in Kauf nehmen müssen“, sagt Keeve.

Bislang wurden die Frauen aus Hamm nach einer Beratung an Ärzte in Dortmund und Münster weitergeleitet, doch auch in Münster geht bald der letzte Gynäkologe, der eine Abtreibung durchführt, in den Ruhestand. Dr. Wolfgang Burkart führt seit über 20 Jahren Schwangerschaftsabbrüche in seiner Praxis in Münster durch; zu Beginn nur bei seinen eigenen Patientinnen, später auch bei Frauen, die nur deswegen zu ihm kamen. 

Angst um den eigenen Ruf

Eher unfreiwillig drang die Information nach außen. „Man wird nicht Arzt, um Schwangerschaftsabbrüche zu machen, sondern um Menschen zu kurieren“, erklärt der Arzt seine anfängliche Verschwiegenheit. Ihm seien damals auch Patientinnen „davon gelaufen“. 

Viele wollen sich mit der Thematik nicht auseinandersetzen, „sonst hat man direkt den Geruch von etwas Strafbarem in der Nase“, so Dr. Burkart. Er hingegen sah diese medizinische Leistung als notwendig an. „Solange man sich mit dem Thema nicht beschäftigt, merkt man nicht, dass es viele Frauen betrifft“, so der Gynäkologe. 

Ambulantes Operieren muss in der Praxis möglich sein

Aber nicht nur die Angst um den eigenen Ruf sei ein Grund, so Dr. Burkart, sondern auch die Verordnungen und Vorgaben, wenn ein Arzt seine Praxis auf ambulantes Operieren einrichten möchte, wozu ein Schwangerschaftsabbruch im Normalfall gehöre. Die Vorschriften seien eine weitere Hürde, die Gynäkologen oftmals nicht nehmen wollen würden. 

In Hamm erhielten 2017 369 Frauen einen Beratungsschein, der für eine Abtreibung nötig ist.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden 2017 rund 101.200 Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland gemeldet. In Hamm ließen sich 369 Frauen einen Beratungsschein für einen Schwangerschaftsabbruch aushändigen; ob der Abbruch tatsächlich durchgeführt wurde, wird nicht erfasst. Der Bedarf sei vorhanden, heißt es von der Awo. Von den heute insgesamt 20 niedergelassenen Gynäkologen in Hamm bietet keiner einen Schwangerschaftsabbruch an. Auch bei fast allen Hammer Krankenhäusern ist eine Abtreibung nicht möglich. Das St.-Josef-Krankenhaus und St.-Marien-Hospital verfügen über keine Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe. 

Die St.-Barbara-Klinik führt keine Abtreibungen durch, da sie sich in katholischer Trägerschaft befinden, Abtreibungen werden hier strikt abgelehnt. Das EVK hat trotz kirchlicher Trägerschaft eine Ausnahmeregelung: Das Perinatalzentrum führe bereits vor der Geburt umfangreiche und detaillierte Untersuchungen durch, bei denen sich gelegentlich schwere Fehlbildungen oder genetische Störungen beim Föten ergeben könne.

Krankenhäuser nehmen Eingriff nur sehr selten vor

 „Wenn sich die Schwangere vor eine aussichtslose Situation gestellt fühlt, werden wir auch durchaus mal um eine Beendigung der Schwangerschaft gebeten. Nach sorgfältiger Abwägung führen wir diese gegebenenfalls durch“, erklärt Dr. Gernot Meyer, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe am EVK. Routinemäßig mache man aber keine Schwangerschaftsabbrüche. 

Nach der Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) ist die Stadt Hamm mit 20 Gynäkologen überversorgt; die angebotenen Leistungen der Ärzte werden in der Bedarfsplanung jedoch nicht berücksichtigt. 

Werbeverbots-Paragraf schreckt Ärzte ab

Das Werbeverbot verschlechtert vor allem die Informationslage. Viele Ärzte geben nicht an, ob sie den Eingriff durchführen. Verlässliche Zahlen zu erreichen und sich als Betroffene selbständig zu informieren, wird somit unmöglich gemacht. 

Die Awo befürchtet, dass die aktuelle Debatte über das Werbeverbot für eine Abtreibung angehende Ärzte eher abschrecke, die Durchführung von Abtreibungen anzubieten. 

„Es fehlt zurzeit ärztlicher Nachwuchs, der die Entscheidung der Betroffenen achtet und ein Bewusstsein für die Gesundheit der Frauen hat“, sagen die Fachfrauen der Awo. Und auch Dr. Burkart betrachtet den fehlenden Nachwuchs kritisch, man könne dieses Thema nicht einfach ignorieren.

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