Über 280 Hektar in den „Westlichen Hdeidewäldern“

Dieses 400 Fußballfelder große Wald- und Grünareal in Hamm soll Naturschutzgebiet werden

282 Hektar Naturschutz: Im Westen der Stadt soll Hamms größtes Naturschutzgebiet (rot umrandet) ausgewiesen werden.
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282 Hektar Naturschutz: Im Westen der Stadt soll Hamms größtes Naturschutzgebiet (rot umrandet) ausgewiesen werden. Zur besseren Orientierung haben wir einige Punkte markiert. 1. Wetterschacht Sandbochum an der Kerstheider Straße; 2. Reit- und Fahrverein Pelkum; 3. Bereich nördlich der Schlehdornstraße; 4. Pumpwerk Pelkumer Bach; 5. Neustädter Weg. Gelb markiert sind die geplanten Wildnisflächen.

282,6 Hektar Wald-, Acker- und Grünflächen in den „Westlichen Heidewäldern“ im Westen der Stadt Hamm sollen als Naturschutzgebiet (NSG) ausgewiesen werden. Auch vier große „Wildnisgebiete“ sollen entstehen.

Pelkum/Herringen - Markus Breer vom Umweltamt der Stadt Hamm sprach am Mittwochabend in der Bürgerhalle Pelkum von einem „echten Pfund, das unter Schutz gestellt werden soll“. Zum Vergleich: Das NSG Frielicker Holz auf Hammer Seite in Heessen umfasst rund 150 Hektar, der Geithe-Wald im Stadtbezirk Uentrop etwa 120 Hektar. Und: Das nun vorgesehene Areal im Westen entspricht der Größe von knapp 400 Fußballfeldern.

Die Flächen, die die Stadt unter Naturschutz stellen will, befinden sich unter anderem im Eigentum des Regionalverbandes Ruhr (RVR). Auch mehrere Landwirte gehören zu den Eigentümern. Breer: „Insgesamt sprechen wir von etwa zwei Dritteln Wald und einem Drittel landwirtschaftlich genutzter Fläche.“ Wohnhäuser befänden sich nicht in der Kulisse.

Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen zur Unterschutzstellung und der damit verbundenen 6. Änderung des Landschaftsplans Hamm-West.

Was sind die Gründe für die Unterschutzstellung?

Die 6. Änderung des Landschaftsplans Hamm-West geht auf einen Beschluss des neuen Rates aus 2020 zurück. Sie wurde auf Grundlage der Bestimmungen des Bundesnaturschutzgesetzes in Verbindung mit dem Landesnaturschutzgesetz erarbeitet. Verschiedene Gutachten, unter anderem vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) sowie vom Naturschutzbund, belegen den hohen ökologischen Wert des Bereichs.

Was sind die Schutz- und Entwicklungsziele?

Die Unterschutzstellung der Westlichen Heidewälder erfolgt zur Erhaltung, Entwicklung oder Wiederherstellung von Lebensstätten, Biotopen und Lebensgemeinschaften bestimmter wild lebender Tier- und Pflanzenarten. Als besonders schutzwürdig gelten unter anderem strukturreiche Alt- und Totholzbestände, Höhlenbäume, Horstbäume, verschiedene Waldbestände, die Entwicklung von Niedermoorflächen und Heiden, Nass- und Feuchtwiesen, der naturnahe bis natürliche Bachabschnitt des Neustädter Bachs sowie Waldränder, Hecken und Hochstaudenflure. Vor allem zur Erhaltung, Entwicklung und Wiederherstellung von gänzlich natürlichen und frei vom menschlichen Einfluss gehaltenen Waldlebensräumen sollen nördlich des Beverbachs vier insgesamt 18 bis 19 Hektar große Wildnisgebiete entwickelt werden. „Wir wollen diese Bereiche sich selbst überlassen“, so Breer. Ein grundsätzliches Betretungsverbot gebe es zwar nicht. Da die Eigentümer ihrer Verkehrssicherungspflicht dort nicht mehr nachkommen können, sei dies aber nicht auszuschließen.

Welche Verbote sind im NSG zu beachten?

Darin enthalten sind alle Handlungen, die zu einer Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung des geschützten Gebietes und seiner Bestandteile oder zu einer nachhaltigen Störung führen können. Dazu zählen unter anderem bauliche Anlagen, frei laufende Hunde, Grünlandumbrüche und -umwandlungen, Veranstaltungen mit mehr als 15 Personen, Zelten, Feuer, eine Befahrung außerhalb der Straßen und Wege, Kahlschläge von mehr als 0,3 Hektar, Modellsport und Drohnen (mit Ausnahme der Ortung von Rehkitzen auf Ackerflächen) sowie die Anwendung von Pflanzenschutz- und Düngemitteln. Vor allem sind Tiere und Pflanzen zu schützen. Es gibt aber auch Ausnahmen: Unberührt bleiben die Betretungsbefugnisse der Eigentümer, Pächter und sonstiger Nutzungsberechtigter, ebenso Aktivitäten im Zuge der ordnungsgemäßen Jagd, Forst- oder Landwirtschaft. Auch Jagdhunde können im Rahmen der ordnungsgemäßen Jagdausübung und der Jagdhundeausbildung von der Leine gelassen werden.

Welche Gebote sind vorgesehen?

Bei der Bewirtschaftung des Waldes ist auf den Erhalt der Bestände zu achten. Es sind ein Waldpflege- und ein Biotopentwicklungsplan zu erstellen. Die landwirtschaftliche Nutzung soll weitgehend extensiviert werden.

Was bedeutet das für die Flächeneigentümer, insbesondere für Landwirte?

Nach Angaben von Oliver Schmidt-Formann, Leiter des Umweltamts, passiert nichts ohne die Eigentümer. „Wir brauchen eine einvernehmliche Lösung.“ Auf Nachfrage von CDU-Bezirksvertreter Lars Menneke aus Lerche erklärte er, dass konventionelle Landwirtschaft weiter betrieben werden könne. „Oder es gibt eine Entschädigung beziehungsweise Ausgleichsflächen.“ Sobald das NSG ausgewiesen sei, könne die Stadt hierfür Fördermittel beantragen. Es werde keine existenzgefährdenden Maßnahmen geben. Eine Einschränkung gebe es bei Dauergrünland in Naturschutzgebieten. Per Gesetz dürften, so Breer, ab 2022 dort keine Pflanzenschutzmittel mehr zum Einsatz kommen.

Steht der Bereich weiterhin für die Naherholung zur Verfügung?

Ja. Die bestehenden Wege können weiterhin unter Einhaltung der Regeln betreten werden – es sei denn, der Eigentümer spricht ein Betretungsverbot aus.

Was passiert mit den Vorflutern in dem Bereich?

Sie werden so gestaltet, dass für die außerhalb des Gebiets liegenden Gebäude keine Gefahren bestehen.

Sind Windkraftanlagen in dem NSG erlaubt?

Grundsätzlich sind sie nicht auszuschließen. Schmidt-Formann: „Aktuell haben wir dort aber keine Windkraftpotenzialflächen.“

Wie geht es nun weiter?

Das Verfahren zum „neuen“ Landschaftsplan Hamm-West sieht folgendes vor: Bürger haben noch bis zum 17. September die Gelegenheit, im Technischen Rathaus oder online (o-sp.de/umweltamt_hamm/verfahren) Anregungen zu geben und sich zu den Plänen zu äußern. Sie werden dann dort eingebaut oder nicht. Eine Antwort der Stadt wird es nicht geben.

Im Zuge der öffentlichen Auslegung Anfang 2022 werden die Bürger erneut beteiligt. Dann wird die Stadt zur ihren Einwendungen und Anregungen auch Punkt für Punkt Stellung beziehen und sie abwägen. Der Satzungsbeschluss wird für den Sommer 2022, die Genehmigung durch die Bezirksregierung und damit die Rechtskraft für den Herbst 2022 erwartet. Aber auch wenn es derzeit keine Rückmeldung von der Stadt geben wird: Aus ihrer Sicht ist es sinnvoll, wenn Bürger sich frühzeitig melden.

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