33-jähriger Hammer erlebt Corona in China - Hier berichtet er darüber

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Christian Quill arbeitet bei BMW in Shenyang. Auch in Corona-Zeiten fühlt sich der aus Bockum-Hövel stammende 33-Jährige in China sicher.

Entspannt in China: Der gebürtige Hammer Christian Quill erlebt die Corona-Pandemie in ihren Ursprungsland. Und berichtet jetzt von dort.

Hamm/Shenyang – Es ist kurz nach 17 Uhr in Shenyang. Christian Quill freut sich auf seinen Feierabend, gegen 17.30 Uhr ist gewöhnlich Schluss für den 33-jährigen Wirtschaftsingenieur. Obwohl es in diesen Tagen auch schon mal länger dauern kann in der Produktionshalle von BMW. Mit dem Virus, das natürlich auch hier im Osten Chinas, nicht weit von der Grenze zu Nordkorea, in aller Munde ist, hat das aber nichts zu tun. Schon seit Wochen ist eine Art Normalzustand eingekehrt rund um den gebürtigen Bockum-Höveler.

„Hier hat man mit dem Virus zu leben gelernt“, sagt Quill, als ihn die Heimatzeitung, der WA, erreicht. „Nun macht man sich mehr Sorgen um die Menschen in Deutschland.“ Mit „man“ meint er sich selbst. Und mit „die Menschen“ vor allem seine Familie. Seit September war er nicht mehr in seiner Heimat. Seine Eltern, seine Oma und die Freunde in Hamm hat er seither nicht mehr gesehen.

Christian Quill erinnert sich gut, wie die Aufregung langsam an Fahrt gewann. Mitte Februar wurden die Zeiten unruhiger, während des chinesischen Neujahrsfestes. „Man muss sich das so vorstellen wie bei uns Weihnachten. Die Chinesen fahren zu ihren Familien, dafür machen wir Ausländer den Dienst im Werk. Das war dieses Mal anders.“ Plötzlich durfte niemand mehr verreisen, von jetzt auf gleich war alles anders. Deutsche Lieferanten zogen ihre Mitarbeiter ab, das Unternehmen verordnete Homeoffice. Wer wollte, durfte seine Familien auf Firmenkosten nach Deutschland ausfliegen lassen.

„Habe mich immer sicher gefühlt"

Erst nach rund drei Wochen ging es zurück an den gewohnten Arbeitsplatz – mit Auflagen. „Erst kam der Mundschutz, in der Kantine wurden Plastikwände zwischen den Plätzen aufgestellt, sodass man sich nicht mehr gegenseitig aufs Essen spucken konnte. Die Mitarbeiter wurden in größeren Abständen an die Bänder gestellt. Es wird noch immer alles desinfiziert“, sagt Quill, selbst unverheiratet und kinderlos. Wohl auch deshalb sagt er: „Ich habe mich immer sicher gefühlt und hatte kein Interesse, alles abzubrechen und nach Deutschland zu gehen.“

Quill hat das Leben akzeptiert, wie es nun ist. Der Mundschutzzwang lockert so langsam auf, zumindest in der Kantine und im Büro. „Wenn ich rausgehe, habe ich aber immer Mundschutz auf. Im Taxi, im Supermarkt, das ist Standard geworden seit der Krise.“ Manche seiner Kollegen hatten das schon vorher so praktiziert. Gerade im Winter und bei besonders hoher Luftverschmutzung.

18 Stunden mit dem Auto nach Wuhan

Quill kommt täglich mit 50 bis 60 Mitarbeitern in Kontakt, in Meetings und kurzen Gesprächen. Insgesamt arbeiten 3000 bis 4000 Menschen in dem Werk, der Großteil Chinesen. Der Hammer kennt niemanden, der mit dem Virus infiziert ist. „Die Provinz, in der ich bin, war eigentlich nie ein Krisengebiet. Es sind 18 Stunden mit dem Auto bis Wuhan, das hat man gemerkt. Angst vor dem totalen Lockdown gab es hier auch nie.“

Knapp 1800 Kilometer trennen ihn vom Ursprungsort allen Übels. Und doch hat man das Gefühl, wenn man ihn reden hört in aller westfälischen Gelassenheit, dass wir in Hamm viel näher dran sind am Schrecken dieser Zeit. Die Pandemie kann den jungen Mann nicht aus der Ruhe bringen. Seine Informationen holt er sich aus den lokalen Medien und den Websites der große deutschen Zeitungen. „Offiziell kann ich nicht alle Seiten besuchen. Aber mit ein paar Tricks kommt man überall hin.“

„Kann hier keiner Statistik vertrauen“

Das Querlesen zeigt ihm vor allem eines, nämlich wie die Darstellungen voneinander abweichen. Trotzdem möchte er keine Generalkritik an der chinesischen Informationspolitik vornehmen. „Natürlich kann man hier keiner Statistik vertrauen. Gerade in China mit seinen vielen ländlichen Gegenden ist es auch schwierig, eine genaue Statistik zu haben. Das ist nicht wie in Deutschland, wo jeder im Gesundheitssystem erfasst ist und zum Arzt kommt, der es weiter berichten kann.“

Quill glaubt an eine große Dunkelziffer bei infizierten Personen. In dieser Hinsicht aber ist Shenyang eine Stadt wie jede andere. Nur wird wenig darüber geredet, erst recht nicht über politische Dimensionen. Das wird in China generell ausgespart. Einzig die Meinung über US-Präsident Trump wird ihm gespiegelt – insbesondere die Theorie, dass das Virus aus einem Labor stammt und als Biowaffe gezüchtet wurde. „Wenn er solche Behauptungen aufstellt, dann ist es bei Trump einfach, andere Zitate zu präsentieren. Und schon ist er nicht mehr glaubwürdig.“

Rückkehr nach Deutschland ungewiss

Wann Christian Quill wieder nach Deutschland zurückkehren kann, weiß er nicht. Gern würde er mal wieder raus aus der Provinz, ein bisschen Urlaub machen vielleicht. Bislang werden derlei Lockerungsversuche aber in aller Regelmäßigkeit Monat für Monat verschoben.

Und überhaupt steht er mit seinen Kollegen im Moment kurz vor dem Abschluss einer neuen Produktlinie. Daher werden die Arbeitstage manchmal auch länger. Der Feierabend könnte sich also erneut nach hinten verschieben. Und wie schon seit Wochen, hat das wieder nicht viel mit dem Virus zu tun.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

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