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30.000 Hammer betroffen: Arbeitsmarkt verändert sich in atemberaubendem Tempo

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Von: Frank Lahme

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Der Wandel unserer Arbeitswelt wird sich nach Meinung von Experten insbesondere im Logistik-Bereich bemerkbar machen. © Dahm

Hamm - Das Arbeitsleben in Hamm wird sich in den nächsten acht Jahren stärker wandeln als es durch den Wegfall des Bergbaus der Fall gewesen ist. Jetzt wäre es an der Zeit, darauf zu reagieren – aber die Not ist offenbar nicht groß genug.

Als am 30. September 2010 auf dem Bergwerk Ost die letzte Fuhre Kohle gefördert wurde, galt die Logistikbranche für die damals schwarz-gelbe Stadtregierung als Motor des Strukturwandels. 3.000 Menschen waren zu der Zeit bereits in den Großlagern tätig, ebenso viele waren es zur Höchstzeit auf dem Bergwerk Ost – dem letzten in Hamm – gewesen. Stadtweit hatten einmal 15.000 Bergleute unter Tage gearbeitet.

Die Logistikbranche wuchs auch in den Folgejahren weiter. Heute sind im Arbeitsfeld Logistik und Verkehr in Hamm 6.500 Menschen beschäftigt. Die Hälfte davon sind ungelernte Kräfte. Hinzu kommen all diejenigen Hammer, die im benachbarten Kreis Unna bei Amazon und Co. ihr Geld verdienen.

Lageristen werden künftig von Maschinen ersetzt

Doch der flächenfressende Logistik-Motor verliert zusehends an Pferdestärken. 86 Prozent der Arbeitsplätze in der Branche werden in absehbarer Zeit wegfallen. Das geht aus Zahlen, die die Arbeitsagentur Hamm dem WA zur Verfügung gestellt hat, hervor. Im Zuge der Digitalisierung  werden die Lageristen von Maschinen ersetzt werden. Die Pläne hierzu liegen längst in den Schubladen der Betriebe. Noch wurden sie nur selten hervorgeholt, weil Menschen derzeit noch günstiger Lager befüllen und Lkw beladen können als Roboter. Ähnlich sieht es in anderen Branchen mit hohem Automatisierungsgrad aus. Das Eis unter den Füßen der Arbeiter wird zusehends dünner, sagt Thomas Keyen, operativer Geschäftsführer der Arbeitsagentur in Hamm. Und er sagt das nicht, als wäre es eine düstere Theorie, sondern ein nicht mehr abzuwendender Fakt.

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„Substituierungspotenziale“ nennen die Arbeitsmarktanalysten das Phänomen der Ersetzbarkeit menschlichen Tuns durch Maschinen. Dabei gilt: Je persönlicher eine Dienstleistung ist, desto geringer ist die Substituierbarkeit. Krankenschwestern und Altenpfleger sind eben nicht so leicht durch Roboter zu ersetzen wie Dreher, Schweißer oder Lageristen.

Auch in Büros ist der Mensch längst ersetzbar

Schon heute könnten 80 bis 100 Prozent der letztgenannten Jobs von Maschinen und Anlagen durchgeführt werden. Und auch in den Büros wird die Luft für den Menschen dünner. 67 Prozent der Tätigkeiten könnten Computersysteme übernehmen. 30.000 Arbeitnehmer werden nach Erkenntnissen der Arbeitsagentur in Hamm die Auswirkungen der Digitalisierung zu spüren bekommen.

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Sich weiter zu qualifizieren, um sich auf diese Weise unersetzbarer zu machen, ist ein gangbarer Weg. In Branchen, in denen der Mensch bald nicht mehr gebraucht wird, hilft aber auch das nicht weiter. Umzuschulen wäre das Gebot der Stunde, und die Arbeitsagentur bietet entsprechende Förderungen an. Der Handlungsdruck potenziert sich arbeitsmarkttechnisch noch einmal, weil bis zum Jahr 2027 in Hamm allein rund 6.700 Fachkräfte die Altersgrenze erreichen. Hinzu kommen noch weitere 2.500 so genannte „Spezialisten“ und „Experten“, also Hochqualifizierte und Akademiker , sowie 2.000 ungelernte Helfer.

Im Gesundheits- und Sozialbereich, aber auch in der Sparte Erziehung und Unterricht – allesamt mit geringen Substituierungspotenzial, also relativ digitalkrisensicher – werden allein 3.000 Stellen frei. Wohlgemerkt: Innerhalb der nächsten acht Jahre.

Übergangszeit schreckt ab

12,50 Euro, bisweilen auch 13,50 Euro zahlt die Logistikbranche in der Stunde. Für eine ungelernte Kraft in Vollzeit kommt so ein ganz passables Salär zusammen. Als ausgebildete Pflegekraft würde dies zwar deutlich höher ausfallen, doch was viele hindert, eine Umschulung einzuleiten, ist die zunächst fällige zweijährige Ausbildungszeit. Gezahlt werden in dieser zwischen 60 und 67 Prozent vom letzten Netto, hinzu kommen aufstockende Leistungen und Prämien von der Arbeitsagentur. Doch wer Kinder oder eine Familie zu ernähren hat, muss den Gürtel in dieser Phase meist erheblich enger schnallen. So bleibt es beim sprichwörtlichen Spatz in der Hand als der Taube auf dem Dach.

Umschulung: In diesen Branchen springt am meisten für Sie raus

246 Umschulungsmaßnahmen hat die Arbeitsagentur allein im Juni eingeleitet. 2,02 Millionen Euro werden in diesem Jahr für Umschulungen aufgewendet werden, das Budget ist nicht gedeckelt. Die eigenen Vorgaben wurden nach Worten Keyens in 2019 bereits um 10 Prozent übertroffen.

Keine Altersgrenze mehr für Umschulung

Auch für Menschen im fortgeschrittenen Alter würden Umschulungen bewilligt und gefördert. „Altersobergrenzen gibt es keine mehr. Der Bedarf ist einfach zu groß“, sagt der Agentur-Geschäftsführer. Wie sehr sich die Arbeitswelt verändern wird, macht Thomas Keyen an einem weiteren Beispiel fest: „Ein Viertel der aktuellen Grundschüler wird später in einem Beruf arbeiten, den es heute noch gar nicht gibt.“

Weitergehende Informationen gibt es bei der Agentur für Arbeit unter der Telefon-Hotline 0884555500.

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