Lockerungen für das Fest

Weihnachten als „Superspreading-Event“? Experte malt Horror-Szenario - auch wegen dritter Welle

Weihnachten steht vor der Tür mit etwas gelockerten Corona-Regeln. Für einen Mathematiker ein mögliches Superspreading-Event. Er sagt eine dritte Welle voraus.

Hamm - Deutschland ist mitten in der zweiten Welle. Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus bleibt oben. Die Maßnahmen von Bund und Ländern mit dem November-Lockdown sorgten zwar dafür, dass die Zahlen nicht weiter explodieren, nach unten gingen sie aber auch nicht wirklich. (News zum Coronavirus)

VirusCoronavirus
KrankheitCovid-19
KrankheitserregerSARS-CoV-2
UrpsrungVolksrepublik China

Wie wirksam waren die Corona-Regeln im Teil-Lockdown der zweiten Welle also? Ob der Rückgang der Ansteckungen mit dem Coronavirus tatsächlich mit den von Kanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten beschlossenen Maßnahmen zu tun haben, stehe in den Sternen.

Dritte Corona-Welle? Lockdown für Mathematiker nicht Grund für Rückgang der Ansteckungen

„Die Kontakte sind schon seit Mitte Oktober deutlich zurückgegangen. Aus unseren Modellen lässt sich vermuten, dass der Rückgang durch schon vorher ergriffene Maßnahmen auf kommunaler Ebene erklärbar ist, also beispielsweise Sperrstunden für Kneipen und verschärfte Maskenpflicht“, sagt Mathematiker Jan Fuhrmann im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Er errechnet am Forschungszentrum Jülich derzeit Szenarien zur weiteren Entwicklung des Coronavirus-Infektionsgeschehens in Deutschland.

Die Daten seines Teams würden dafür sprechen, „dass sich das Verhalten der Bevölkerung schon vor Beginn der verschärften Maßnahmen verändert hat“, sagt Fuhrmann. Er spekuliert: Wegen der hohen Zahl der Neuinfektionen seien die Menschen bereits vorher vorsichtiger geworden.

Kommt die dritte Corona-Welle? Langer Weg bis zum RKI-Wert 50

Sollte dies tatsächlich so sein, stellt sich die Frage, warum Bund und Länder bei ihrem Treffen schärfere Corona-Regeln für den Dezember beschlossen haben. Fuhrmann vermutet, dass die Politik die Infektionszahlen der aktuellen zweiten Welle bis Weihnachten so weit nach unten drücken will, „dass an den Feiertagen keine sehr harten Kontaktbeschränkungen gelten müssen, um unter die Zielmarke von 50 neuen Fällen pro 100.000 Einwohnern und sieben Tagen zu kommen beziehungsweise darunter zu bleiben“, sagt der Mathematiker.

Er gibt zu bedenken: Die aktuellen Kontakt-Reduktionen seien noch zu gering. „Die Fallzahlen sinken für diese Zielsetzung nicht schnell genug, weshalb über Verschärfungen gesprochen wird“, erklärt er. Wie schnell wieder ein Corona-Inzidenzwert von 50 und darunter erreicht werden könne, sei schwer vorherzusagen. Laut seinen aktuellen Berechnungen könne „frühestens Mitte Dezember der Wert von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche erreicht“ werden. „Wahrscheinlich ist, dass es noch länger dauert.“

Kommt die dritte Corona-Welle? Weihachten könnte für viele Infektionen sorgen

Dennoch entschieden sich Bund und Länder für etwas gelockerte Corona-Regeln über Weihnachten und Silvester für nicht allzu strengen Kontaktbeschränkungen, damit das Fest mit der Familie stattfinden kann. Fuhrmann schließt nicht aus, dass es zu mehreren Infektionen kommen könnte.

Es kann sein, dass es „gerade über die Feiertage wieder zu mehr Infektionen kommt. Das wäre dann frühestens im Januar sichtbar. Dann müssen wir mit deutlich höheren Fallzahlen rechnen“, sagt er. Es sei schlichtweg nicht abzusehen, wie sich der „Weihnachtseffekt“ auf das Corona-Infektionsgeschehen auswirken werde.

„Einerseits“, so der Mathematiker, „gibt es im Privaten viele Kontakte, und die Gesundheitsämter sind an den Feiertagen womöglich nicht 24 Stunden am Stück besetzt. Andererseits fallen anderswo Kontakte weg: Die Schulen haben in den Ferien geschlossen, viele Betriebe arbeiten nur mit halber Belegschaft.“

Mathematiker skizziert Horror-Szenario: Weihnachten als Corona-Superspreading-Event?

Aber es besteht an Weihnachten die Gefahr, nicht so sehr auf die Corona-Regeln in puncto Hygiene zu achten wie etwa in der Schule oder bei der Arbeit. „Dem Virus ist es aber egal, ob sich die angereisten Familienmitglieder gut kennen. Je größer die Gruppen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ein kleines Superspreading-Event entsteht“, warnt Fuhrmann.

Weihnachten könnte zu einem Corona-Superspreading-Event werden, sagt Mathematiker Jan Fuhrmann.

Der Mathematiker rechnet vor: „Befindet sich beim weihnachtlichen Abendessen unter 30 Gästen eine hochansteckende Person, könnten danach 15 weitere Personen infiziert sein. Wenn aber alle freiwillig im Privaten Abstand halten, nur im kleinen Kreis feiern und regelmäßig lüften, könnte der befürchtete Anstieg der Fallzahlen im Januar auch ausbleiben“

Dennoch liefert Fuhrmann auch eine düstere Prognose für das Jahr 2021: Für ihn sei eine dritte Corona-Welle im Grunde unvermeidbar, „wenn wir im Januar wieder auf unsere Kontaktraten von Anfang Oktober zurückkommen“, mahnte der Mathematiker.

Dritte Corona-Welle würde zu erneutem Wellenbrecher-Lockdown führen

Sollte es tatsächlich zur dritten Corona-Welle kommen, könne mit weiteren Wellenbrecher-Lockdowns reagiert werden. Wie bei den Corona-Regeln im November, müssten dann „die Kontakte für einen gewissen Zeitraum sehr stark reduziert werden“, erklärt Fuhrmann. „Ich bin aber unsicher, ob man durch einen harten Lockdown ein Niveau erreicht, auf dem man sich auf Dauer ausruhen kann.“

Grund für diese Befürchtung ist die aktuelle Corona-Situation: Der Lockdown sorge nur bedingt für das Absenken der Corona-Zahlen. „Harte Lockdowns bergen auch die Gefahr, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung für Maßnahmen schwindet“, warnt Fuhrmann: „Es ist danach auch nicht damit zu rechnen, dass die Fallzahlen konstant niedrig bleiben. Deutschland ist nun mal keine Insel wie Australien und auch kontaktfreudiger als Asien.“

Als Alternative nannte der Mathematiker, sich langfristig auf bestimmte Corona-Regeln zu einigen und an die Menschen in Deutschland zu appellieren. „Bei diesem Szenario wird sehr stark auf das individuelle Verhalten jedes Einzelnen gesetzt. Dann gibt es zwar weniger stark fallende Infektionszahlen. Aber das Geschehen pendelt sich längerfristig auf einem niedrigeren Niveau als jetzt ein“, glaubt der Mathematiker.

Rubriklistenbild: © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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