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Atomkraftwerk Tschernobyl – Wie gefährlich ist die russische Besetzung?

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Von: Sophia Lother

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Weder Strom noch Überwachungstechnologien sind aktuell im ehemaligen Atomkraftwerk Tschernobyl wirklich gesichert. Fachleute äußern sich zu möglichen Gefahren.

Tschernobyl – Tage sind vergangen, seit russische Truppen die Atomruine in Tschernobyl eingenommen haben. Inzwischen ist das ehemalige Atomkraftwerk in der Ukraine* von der Stromversorgung abgeschnitten. Wie der ukrainische Netzbetreiber Ukrenerho miteilte, seien Stromleitungen durch Beschuss zerstört wurden. Kampfhandlungen im Ukraine-Konflikt* nördlich von Kiew verhinderten aktuell alle Reparaturarbeiten.

Das durch die Katastrophe von 1986 bekannte ehemalige Atomkraftwerk ist zunehmend von der Außenwelt abgeschnitten. Noch heute werden dort radioaktive Abfälle gelagert. Die mangelnde Stromversorgung in Verbindung mit der Besetzung durch Russland* bringt eine ganze Batterie an Problemen mit sich. Doch welche Gefahren drohen konkret?

Ukraine-Krieg: Stromversorgung im ehemaligen Atomkraftwerk Tschernobyl gekappt

Ein Aspekt ist, wie schon erwähnt, die Stromversorgung. Am Mittwoch (09.03.2022) schrieb der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba auf Twitter, dass Dieselgeneratoren den Stromausfall 48 Stunden lang ausgleichen könnten. „Danach werden die Kühlsysteme des Lagers für abgebrannten Kernbrennstoff abgeschaltet, wodurch Strahlungslecks unmittelbar bevorstehen“. „Putins Krieg bringt ganz Europa in Gefahr“, betonte Rafael Grossi, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA).

Am Donnerstag (10.03.2022) bot das Belarussische Energieministerium in Minsk der Agentur Belta zufolge an, Tschernobyl mit Strom zu versorgen. Das ukrainische Staatsunternehmen Ukrenerho kritisierte den Plan. Man brauche keine Hilfe aus Belarus bei der Reparatur der durch Beschuss zerstörten Leitung, hieß es. Nötig sei eine Waffenruhe, und Reparaturbrigaden müssten zur defekten Stelle gelassen werden, berichtet die dpa.

Ukraine-Krieg: Atomruine in Tschernobyl weitgehend isoliert

Die zweite Problematik liegt in der Abgeschnittenheit der Atomruine von Tschernobyl. Nach Angaben der IAEA sind 210 Techniker und lokale Sicherheitsmitarbeiter seit fast zwei Wochen ununterbrochen in Tschernobyl im Dienst. Sie hätten zwar Wasser und Nahrung, aber ihre Lage verschlechtere sich immer mehr. Normalerweise arbeiten mehr als 2000 Menschen in rotierenden Schichten in dem Sperrgebiet. Die ukrainischen Behörden könnten nur noch per E-Mail mit ihren Mitarbeitern vor Ort kommunizieren.

Ein Schutzbau bedeckt den explodierten Reaktor im Kernkraftwerk Tschernobyl. (Archivbild)
Ein Schutzbau bedeckt den explodierten Reaktor im Kernkraftwerk Tschernobyl. (Archivbild) © Efrem Lukatsky/dpa

„Ich bin zutiefst besorgt über die schwierige und stressige Situation, in der sich das Personal des Kernkraftwerks Tschernobyl befindet, und über die potenziellen Risiken, die sich daraus für die nukleare Sicherheit ergeben. Ich fordere die Kräfte, die die tatsächliche Kontrolle über die Anlage haben, auf, dringend die sichere Rotation des Personals dort zu erleichtern“, sagte er heute.

Tschernobyl im Ukraine-Konflikt: Überwachung der Atomruine nicht mehr möglich

Das dritte Problem liegt in der Überwachung der Atomruine in Tschernobyl. Rafael Grossi teilte mit, dass „die Datenfernübertragung der im Kernkraftwerk Tschernobyl installierten Überwachungssysteme ausgefallen ist“. Diese Überwachungssysteme der IAEA sollen feststellen, ob radioaktives Material entweicht und ob alle gelagerten Abfälle noch an ihrem Platz sind.

Die Internationale Atomenergiebehörde hat inzwischen auch die Verbindung zum größten europäischen Atomkraftwerk in der Ukraine, Saporischschja, verloren. IAEA-Chef Rafael Grossi teilte am Mittwoch (09.03.2022) mit, dass die Datenverbindung zu den Überwachungsgeräten in Saporischschja ausgefallen sei. Russische Truppen hatten Saporischschja vergangene Woche angegriffen und eingenommen.

Ukraine-Krieg: Russland besetzt Tschernobyl – Fachleute erklären, wie gefährlich das ist

Auch andere Fachleute haben sich inzwischen zur Gefährdungslage nach der Besetzung von Tschernobyl geäußert. Claire Corkhill vom Lehrstuhl für Kernmaterialabbau an der Universität von Sheffield geht auf die unterschiedlichen Gefahrenpotenziale der Reaktoren ein. „Abgebrannte Brennelemente, die aus den Reaktoren 1 und 3 stammen, werden in einem Kühlbecken gelagert. Dieses Material erzeugt durch radioaktiven Zerfall Wärme und muss ständig gekühlt werden, was durch das Pumpen von frischem, kühlem Wasser in die Becken erreicht wird. Ohne Stromversorgung könnte dieses Wasser langsam verdampfen, was zu einer Kontamination des Gebäudes durch geringe Mengen radioaktiver Isotope führen könnte.“ Dadurch seien vor allem die Mitarbeiter in Gefahr.

Ukraine-Krieg: Wie gefährlich ist die russische Besetzung von Tschernobyl?

Im Reaktor 4 sei die Situation eine andere. Hier benötige man die Strahlungsüberwachungssysteme, um den dort gelagerten Kernbrennstoff zu überwachen. Dieser befindet sich nicht in Wassertanks. Nur so könnte das Gefahrenpotenzial akkurat abgeschätzt werden, so Corkhill.

Geraldine Thomas, Imperial College London und Direktorin der Chernobyl Tissue Bank, betonte gegenüber dem Science Media Center, dass eine Freisetzung von Strahlung „sehr unwahrscheinlich“ sei. Und selbst wenn es zu einer Freisetzung von Strahlung in Tschernobyl käme, „würde sich diese nur auf die unmittelbare Umgebung beschränken und somit keine Gefahr für Westeuropa darstellen – es gäbe keine radioaktive Wolke“, betont die Expertin.

Auch die Internationale Atomenergiebehörde sieht aktuell „in diesem Fall keine kritischen Auswirkungen auf die Sicherheit“, hieß es auf Twitter. Um zum Schutz der Nuklearanlagen des Landes beizutragen, hat sich der IAEA-Generaldirektor in einer Pressemitteilung bereit erklärt, nach Tschernobyl oder zu einer anderen ukrainischen Anlage zu reisen, „um sich von den Konfliktparteien Sicherheitszusagen für die ukrainischen Nuklearanlagen zu sichern“. (Sophia Lother) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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