Schraubenzieher-Attacke auf Provinzial-Vorstand

+
Ulrich Rüther, der Vorstandschef der Westfälischen Provinzial-Versicherung wurde Opfer eines Angriffs.

Münster - Ein Unbekannter hat den Vorstandsvorsitzenden der Versicherung Provinzial Nordwest, Ulrich Rüther, mit einem Schraubendreher attackiert.

Der Vorstandschef der möglicherweise vor einem Verkauf stehenden Provinzial-Versicherung Nordwest ist am Mittwoch in Münster mit einem Schraubendreher angegriffen und verletzt worden. Die Attacke auf Ulrich Rüther erfolgte in der Tiefgarage der Hauptverwaltung des Konzerns, während sich knapp 1700 Mitarbeiter auf demselben Gelände zu einem Krisentreffen versammelt hatten.

Tausende Provinzial-Beschäftigte in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein haben Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Denn die Provinzial-Eigner bestätigten am Dienstag erstmals Gerüchte über Kaufabsichten „aus dem Versicherungslager“. Medien zufolge soll der Branchenriese Allianz dahinter stecken.

Rüther ging es bereits wenige Stunden nach der Attacke wieder besser, wie Provinzial-Sprecher Jörg Brokkötter nach einem Telefonat mit dem Vorstandschef sagte. „Herr Rüther wird seiner Arbeit in den nächsten Tagen wieder nachgehen können“, teilte die Provinzial mit. Ein vermummter Unbekannter habe ihm einen Spannungsprüfer in die Brust gerammt, als er auf dem Weg ins Büro war, sagte der Vorsitzende des Betriebsrats, Albert Roer.

In Kiel zogen nach einer Betriebsversammlung fast tausend Mitarbeiter der Provinzial in Sorge um ihre Arbeitsplätze durch die Innenstadt. Eine Übernahme durch die Allianz wäre für Verdi und Betriebsrat „eine mittelschwere Katastrophe“, sagte der Landesleiter von Verdi Nord, Frank Schischefsky. Die Gewerkschaft kündigte einen harten Kampf an. „Wir werden alles tun, um die Provinzial zu erhalten“, sagte Schischefsky.

Über einen Verkauf wollen die Eigner - der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), die Westfälischen Sparkassen, die Sparkassen in Schleswig-Holstein und die ostdeutschen Sparkassen - zügig beschließen. Es wäre ein Milliardendeal. Nach Einschätzung der Gewerkschaft Verdi könnte bereits Ende kommender Woche über das Schicksal des Unternehmens entschieden werden - bei Sitzungen der Gremien der Sparkassen (12. Dezember) und des LWL (14. Dezember). Sie sind mit je 40 Prozent an dem Versicherer beteiligt.

Nach der Betriebsversammlung in Münster verurteilte Verdi die im Raum stehende Übernahme des kerngesunden Versicherers durch die Allianz scharf. Mit dem Kauf der Provinzial West wolle der Branchenriese einen Konkurrenten loswerden und an den Sparkassenvertrieb herankommen, sagte ein Verdi-Sprecher in Münster.

Die Provinzial ist keine Versicherung wie jede andere: Als öffentliches Unternehmen ist sie dem Gemeinwohl verpflichtet, engagiert sich stark unter anderem für Sport und Kultur. Vor diesem Hintergrund appellierten Verdi und Betriebsrat in Münster und Kiel an ihre Landespolitiker, sich zur Provinzial zu bekennen.

Empörung löste das Verhalten der Eigentümer aus. „Die zünden hier die Bude an und gehen auf Tauchstation“, sagte Schischefsky. Die Betriebsräte sprachen von Fassungslosigkeit, Wut und Verzweiflung unter den Mitarbeitern. Nach Einschätzung von Verdi wären durch einen Verkauf an Europas größten Versicherer Allianz im Innen- und Außendienst 6000 Arbeitsplätze gefährdet, davon 4000 im Münsterland und weitere 2000 in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.

Die Provinzial Nordwest verwaltet Kapitalanlagen von fast 21 Milliarden Euro und führt 9,7 Millionen Versicherungsverträge. Damit belegt der Konzern nach eigenen Angaben Platz 17 unter den deutschen Versicherern.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare