Drastischer Vorschlag

Der Polizist, der Gaffer anbrüllte, bringt Polizei auf vielversprechende Idee gegen Sensationsgeier

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Polizist Stefan Pfeiffer machte nach einem Unfall  seinem Ärger Luft. Einige Gaffer filmten das Trümmerfeld auf der Autobahn. Pfeiffer konfrontierte sie unmittelbar mit ihrem Fehlverhalten.

Der Polizist Stefan Pfeiffer wurde über Nacht so etwas wie ein Star - weil er Gaffer nach einem tödlichen Unfall fragte, ob sie die Leiche sehen wollen. Die Polizeigewerkschaft will Pfeiffers überraschende Popularität jetzt nutzen.

Update vom 29.05.2019, 18.21 Uhr: Das Video machte bundesweit Schlagzeilen: Nach einem tödlichen Lkw-Unfall bei Nürnberg platzt dem Polizisten Stefan Pfeiffer der Kragen. „Da liegt er, wollen Sie ihn sehen?“, ruft er einem Gaffer zu. „Schämen Sie sich!“ Einem anderen bietet er an, sich die Leiche anzuschauen. Bei dem Unfall war ein 47-Jähriger gestorben, der mit seinem Sattelzug auf einen Lastwagen aufgefahren war.

Rund eine Woche danach steht Pfeiffer in München in einem Konferenzraum der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), deren Mitglied er ist, und nimmt verlegen die Auszeichnung eines Radiosenders entgegen. Dann müsse es irgendwann aber auch gut sein mit dem Hype um seine Person. Es gehe schließlich um die Sache.

Pfeiffer ist 54 Jahre alt, seit 35 Jahren Polizist (merkur.de*), inzwischen Leiter der Verkehrspolizei Feucht. 110 Verkehrstote hat er gesehen. „Ich war schon daneben gestanden, als drei tote Kinder aus einem Auto herausgezogen wurden. Das will ich nicht mehr erleben.“

Umso mehr schockiert es ihn, wenn diese Schicksalsschläge für vorbeifahrende Autofahrer Unterhaltung sind. Wenn sie ihre Handys zücken, die Toten und Verletzten filmen und die Helfer, die versuchen, Leben zu retten. Die Polizeigewerkschaft nennt diese Leute heute ganz bewusst nicht mehr Schaulustige - sondern Gaffer.

Es müsse doch klar sein, dass man nicht gefilmt werden will, wenn man gerade Opfer eines Unfalls geworden ist, sagt Pfeiffer - und auch nicht, wenn man als Notarzt oder Feuerwehrmann einer belastenden Ausnahmesituation ausgesetzt ist. Gaffer seien eine Gefahr. „Macht Euch klar: Das ist kein Spiel da draußen. Das ist bittere Realität.“

Er hätte sich zwar selbst im Fernsehen lieber anders gesehen. „Aber wenn ich nicht geschrien hätte, hätte er es nicht verstanden.“ Er sei etwas erleichtert gewesen, als Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sich positiv über das kursierende Video äußerte. „Das Verhalten vieler Gaffer ist unverschämt und unverantwortlich“, hatte Herrmann auf Facebook geschrieben. „Ich freue mich, dass der Polizeikollege das einigen Gaffern auch mal emotional nahegebracht hat.“

Die Reaktion ist laut Pfeiffer immer die gleiche. Wenn die Leute den Spiegel vorgehalten bekämen, wenn man sie „aus ihren Schutzräumen Auto oder Lkw rausholt“, seien sie meist peinlich berührt. „Wir haben noch niemanden erlebt, dem das nicht hochgradig unangenehm war.“

Die DPolG will Pfeiffers unverhofften Ruhm nun nutzen, um ihren Forderungen nach einem härterem Vorgehen gegen Gaffer Nachdruck zu verleihen. Das Handy als „Tatwerkzeug“ solle Autofahrern weggenommen werden, die schwere Unfälle filmen oder fotografieren. „Das würde einen nachhaltigen Eindruck auf die Täter und potenzielle Nachahmer haben“, sagt der bayerische Landesvorsitzende Rainer Nachtigall. Ein jüngeres Beispiel für schamlose Gaffer ist dieser erschreckende Fall aus Bremen, über den nordbuzz.de* berichtete.

Außerdem müsse das Fotografieren von Toten unter Strafe gestellt werden. Bislang könne laut Paragraf 201a des Strafgesetzbuches nur das Ablichten von lebenden Unfallopfern bestraft werden. Es sei aber wichtig, „dass auch Verstorbene geschützt werden“. Ein Gesetzentwurf, der 2018 in den Bundesrat eingebracht wurde, müsse umgesetzt werden.

Die Diskussion zu versachlichen sei sein Ziel, betont Pfeiffer. Einen „Personenkult“ um ihn solle es nicht geben. DPolG-Pressereferent Markus Haiß fügt scherzhaft hinzu, man solle Pfeiffer „nicht zur Greta Thunberg des Kampfes gegen Gaffer“ machen.

Solche Fälle scheinen zuzunehmen: Eine Frau ist bei einem Unfall in Mönchengladbach ums Leben gekommen. Vor Ort waren auch Gaffer, die die Arbeit der Rettungskräfte behinderten. In einem anderen Fall regte die Dreistheit der Gaffer einen Radio-Moderator so auf, dass er sich im Netz Luft machen musste und deutliche Worte fand.

Gaffer machen Fotos nach Unfall auf der A6: Polizist platzt der Kragen - und wird dafür gefeiert

Erzhausen - Es ist eine schier unfassbare Situation, die sich nach vielen Unfällen immer häufiger abspielt. Erneut krachte es auf einer Autobahn in Deutschland, erneut zückten dreiste Gaffer ihr Handy um Aufnahmen von dem Crash zu machen. Ein Polizist machte seiner Wut Luft und brachte einen der dreisten Schaulustigen dabei sogar zum Weinen. Erst vor wenigen Tagen begeisterte ein Polizist in Bayern, als er dreisten Gaffern anbot, die Leichen direkt vor Ort betrachten zu dürfen, wie Merkur.de* berichtete. 

Es war ein Bild des Schreckens, das sich Donnerstagnacht gegen Mitternacht auf der A5 zwischen Weiterstadt und Langen-Mörfelden in Hessen bot. Ein 19-Jähriger übersah ein Stauende, krachte mit seinem Fahrzeug in zwei Kleinlaster. Zwei weitere Autos krachten dann in die Unfallstelle. 

Crash auf der A5: Polizist konfrontiert Gaffer mit ihrem Verhalten

Insgesamt fünf Autos kollidierten miteinander, sechs verletzte Personen mussten in Krankenhäuser gebracht werden. Auf der Fahrbahn die völlig zerstörten Fahrzeuge. Genau diesen Moment wollten unzählige Gaffer im Vorbeifahren mit ihren Handys festhalten. Für die Einsatzkräfte eine schier unvorstellbare Situation. 

Polizist fragt Gaffer auf A5: „Willst du das fotografieren?“

Einer der Polizisten konfrontiert die dreisten Gaffer dann mit ihrem Verhalten, die ganze Aktion wird in einem Video festgehalten. Darauf lässt der Polizist einen der Gaffer zunächst aus seinem Wagen steigen, geht mit ihm zur Unfallstelle. „Willst du das fotografieren? Willst du da drin gesessen haben? Willst du das sehen? Möchte die Familie das vielleicht aus den sozialen Medien erfahren?“, macht der Polizist seinem Ärger Luft. Der angesprochene Gaffer schüttelt mit dem Kopf. 

Wie die Hessenschau berichtet, musste ein weiterer Fahrer sogar sein Handy abgeben. Nach dem Bericht wurde der Fahrer eines Kleinlasters zu der Unfallstelle geführt, brach aufgrund der folgenden Standpauke dann in Tränen aus. 

Auch auf der A28 gab es dreiste Gaffer, die von der Polizei Oldenburg auf der Autobahn angeschrien wurden.

Gaffer und Probleme mit der Rettungsgasse

Wie Polizeisprecher Bernd Hochstädter im Gespräch mit Bild erklärte, habe die Polizei in Folge des Unfalls mit einigen Problemen zu kämpfen gehabt. „Es gab mehrere Gaffer, das hat die Kollegen sehr gestört. Es werden Ordnungswidrigkeiten geprüft. Einzelne Gaffer wurden angesprochen, wir prüfen jetzt, ob sie angezeigt werden.“ Ein weiteres Problem sei die Nicht-Einhaltung der Rettungsgasse gewesen. „Dadurch sind die Rettungskräfte verzögert zur Unfallstelle gekommen“, so Hochstädter. 

Vor einigen Tagen ereignete sich auf der A9 bei Leipzig ein schwerer Unfall mit einem Flixbus. Eine Frau stirbt, 70 Menschen werden verletzt. Nun kam es in Glonn ebenfalls zu einem tragischen Unfall zwischen zwei Schulbussen, wie merkur.de* berichtet.   

In Dortmund hat ein Audi-Fahrer in einer Rettungsgasse gewendet - ein Feuerwehr-Sprecher dokumentierte den Vorfall mit einem Foto. Nach einer Datenanalyse wurde der bayerischen Polizei untersagt, „Roma“ und „Sinti“ zu schreiben. 

Am Donnerstag verstarb ein Radfahrer. Diese Meldung an sich wäre schon dramatisch genug. Schlimmer wird sie noch durch das Verhalten mancher Zeugen.

Kürzlich ist der Rapper Fler bei einer Polizeikontrolle ausgerastet und beleidigte die Polizisten.

*merkur.de und nordbuzz.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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