Ex-Justizministerin leitet Kommission

Missbrauchsfälle im Bistum Hildesheim: „Erschütternder“ Umgang mit Opfern

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Unter Bischof Heinrich Maria Janssen, hier bei der Grundsteinlegung einer Gedenkkirche in Angerstein bei Nörten-Hardenberg 1965, gab es viele Missbrauchsfälle im Bistum Hildesheim. Auch gegen ihn gibt es konkrete Missbrauchsvorwürfe.

Seit einem halben Jahr arbeitet eine externe Kommission an der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch im katholischen Bistum Hildesheim zwischen 1957 und 1982.

Geleitet wird sie von der ehemaligen niedersächsischen Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz, die erste Ansprechpartnerin für Opfer und Zeitzeugen ist.

Im Vorfeld eines Gesprächsangebots in Friedland am Mittwoch, 23. Oktober, haben wir mit Niewisch-Lennartz über die Arbeit der Experten, die zwar von Bischof Wilmer beauftragt wurden, aber unabhängig vom Bistum Hildesheim agieren, gesprochen.

„Der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche“, sagte Heiner Wilmer nach seinem Amtsantritt als Hildesheimer Bischof 2018 – und sorgte damit für Aufsehen. Niewisch-Lennartz hat festgestellt, dass in der Vergangenheit auch das Verschweigen zwingend dazugehörte. Das zu durchbrechen, ist für die ehemalige Richterin eine der schwierigsten Aufgaben als Obfrau der Experten-Kommission: „Für gläubige Katholiken ist es eine große Überwindung, von Missbrauchsfällen zu erzählen. Es bedeutet, mit einer jahrtausendealten kirchlichen Tradition zu brechen.“

Ermittlungen gestalten sich schwierig - Fälle liegen Jahre zurück

Bei der Vorstellung der externen Untersuchungskommission im April: (von links) Gerhard Hackenschmied, Psychologe vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung IPP München, Kurt Schrimm, leitender Oberstaatsanwalt in den Ermittlungen, Ex-Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz und Heiner Wilmer, Bischof von Hildesheim.

Die Fachleute, zu denen der ehemalige Staatsanwalt Kurt Schrimm und Mitglieder des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) gehören, ist auf Aussagen – auch von Mitarbeitern – angewiesen. Der Untersuchungszeitraum, in den ein Großteil der Missbrauchsfälle im Bistum Hildesheim fällt, liegt weit zurück. „Das sind ganz schwierige Ermittlungen. Wir müssen unsere Erkenntnisse aus dem zusammensetzen, was wir in den Akten finden und nicht finden, obwohl es da sein müsste und dem, was wir in Interviews mit Zeitzeugen herausfinden.“

Als Richterin hat Niewisch-Lennartz gelernt, eine professionelle Distanz zu den Fällen aufzubauen. „Natürlich gibt es auch eine emotionale Ebene. Es hat mich erschüttert, wie eine Institution, die eigentlich für Nächstenliebe steht, in der Vergangenheit ignorierend und ohne jede Empathie mit Missbrauchsopfern umgegangen ist. Es geht um Missbrauch durch Menschen, von denen die jungen Opfer Zuwendung und Hilfe erwarten durften“, sagt Niewisch-Lennartz.

Bischof Wilmer hat Mitarbeiter von Schweigepflicht entbunden

Die Tradition will Bischof Wilmer durchbrechen – das betont die ehemalige Justizministerin: „Er hat alle Mitarbeiter von jeglichen Schweigeverpflichtungen entbunden. Dieser Bischof will die Aufarbeitung.“ Das Bistum trage die Kosten, aber ohne Einfluss zu nehmen. Das sei für die Expertengruppe Voraussetzung für die Übernahme des Auftrages gewesen.

Die Untersuchung soll auch Gerechtigkeit für die Opfer herstellen

„Gerechtigkeit für die Opfer ist Grundlage unseres Auftrages und der Antrieb unserer konkreten Arbeit. Betroffene sind Jahre und Jahrzehnte ungerecht behandelt worden, man hat ihnen nicht geglaubt, sie mit ihrem Leid allein gelassen. Das, was geschehen ist, kann kein Bischof und keine Expertengruppe ungeschehen machen. Aber Gerechtigkeit kann man den Opfern auch dadurch verschaffen, dass sich Kirche und kirchliches Umfeld so ändern, dass sich das nicht mehr wiederholt“, erklärt Niewisch-Lennartz.

Die Opfer vermittelt sie an vom Bistum unabhängige Fachleute. „Sie helfen psychisch, aber auch praktisch zum Beispiel dabei, die Anträge auf Anerkennung des Leids auszufüllen.“ Komme eine strafrechtliche Verfolgung noch in Betracht, ermutige sie Opfer Anzeige zu erstatten. Dabei können sie auch Opferhilfe-Institutionen in Anspruch nehmen.

Am Ende der Studie soll ein Bericht stehen, in dem die Fachleute ihre Ergebnisse zur Verfügung stellen.

Hintergrund: Mindestens 153 Opfer sexualisierter Gewalt

Das Bistum Hildesheim (gegründet 815) umfasst als eines der flächengrößten Bistümer den östlich der Weser gelegenen Teil Niedersachsens sowie Bremen-Nord inklusive Bremerhaven. Im Bistum leben etwa 592 000 Katholiken. Nach Angaben einer bundesweiten Studie waren dort in den vergangenen Jahrzehnten mindestens 153 Menschen Opfer sexualisierter Gewalt. Beschuldigt sind der Erhebung zufolge 46 Priester, von denen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zehn noch lebten. Mehr als 90 Prozent der Beschuldigten haben ihre Taten zwischen 1957 und 1982 gegangen, als Heinrich Maria Janssen Hildesheimer Bischof war. Gegen den 1983 verstorbenen Janssen gibt es selbst konkrete Missbrauchsvorwürfe.

Zur Person: Antje Niewisch-Lennartz

Antje Niewisch-Lennartz (66), geboren in Lüneburg, ist eine Juristin und Politikerin (Die Grünen). Zwischen 1986 und 1992 war sie Richterin am Verwaltungsgericht Kassel, von 1995 bis 2013 Richterin am Verwaltungsgericht Hannover, seit 2002 als Vorsitzende Richterin. Von 2013 bis zum 2017 fungierte Niewisch-Lennartz als niedersächsische Justizminsterin. Im Frühjahr 2019 wurde sie zur Obfrau der externen Untersuchungskommission berufen, die im Auftrag des Bistums Hildesheim die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs im Zeitraum zwischen 1957 und 1982 aufklären soll.

Das Expertenteam

Für die Akten-Recherche ist Ex-Staatsanwalt Kurt Schrimm, der bundesweit die Aufklärung von NS-Verbrechen geleitet hat, zuständig. Interviews mit Opfern und Zeitzeugen führt das IPP, das schon Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule aufgearbeitet hat. Erste Anlaufstelle (per E-Mail und in persönlichen Gesprächen) für Opfer und Zeitzeugen ist Antje Niewisch-Lennartz.

Gesprächsangebot in Friedland

Für Zeitzeugen von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch im Bistum Hildesheim steht Antje Niewischh-Lennartz am Mittwoch, 23. Oktober, von 15 bis 18 Uhr in der Landesaufnahmestelle Friedland (Heimkehrerstraße 18, Haus 4, Raum 129) für vertrauliche Gespräche zur Verfügung. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Das Angebot richtet sich an Betroffene sexualisierter Gewalt, Ministranten, aktive oder ehemalige Kirchen-Mitarbeiter, Gemeindemitglieder und alle Personen, die Angaben zur Thematik machen können. Bischof Heiner Wilmer hat betont, dass in der Vergangenheit ausgesprochene Schweigegebote keine Wirkung haben. Antje Niewisch-Lennartz kann auch per E-Mail kontaktiert werden: obfrau@wissenteilen-hildesheim.de. Weitere Informationen gibt es hier.

Von Andreas Arens

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