Foto geht um die Welt

Mitten auf der Straße: Dieses kleine Mädchen trinkt aus einer Pfütze

Ein kleines Mädchen kniet auf dem Asphalt, beugt ihren Körper über einer kleinen Pfütze: Ein Foto, das vielen Menschen Tränen in die Augen treibt. 

Posadas - Das kleine Mädchen in Argentinien trinkt aus einer Pfütze, um ihren Durst zu stillen. Patricia Fernandez wurde am 14. Dezember Zeuge des Moments, hielt ihn mit ihrem Smartphone fest. Der argentinische Journalist Migue Rios entdeckte das Foto und stellte es für Jedermann sichtbar auf Facebook. Er schrieb: „Wir als Gesellschaft machen irgendetwas falsch, oder?“ Bei Facebook wurde der grausame Schnappschuss Tausende Male geteilt und verbreitet. 

In den sozialen Medien sorgte das Bild für viel Aufsehen. Migue Rios musste viel Kritik einstecken, als er das kleine Kind in seiner dramatischen Situation ungepixelt zeigte, aber sein Ziel hat er damit erreicht: Öffentlichkeit erzeugen und auf eine nicht zu akzeptierende Situation im Land aufmerksam machen: Armut.

13,5 Millionen Argentinier leben in Armut

Die Situation der Menschen in Argentinien ist dramatisch: Dort leben laut einer Studie rund 31 Prozent der Bevölkerung in Armut. Das entspricht etwa 13,5 Millionen Menschen. Aus einer im November veröffentlichten Studie der Katholischen Universität (UCA) geht hervor, dass besonders Kinder bis 14 Jahren unter Armut leiden. Sie machen demnach fast die Hälfte der Betroffenen aus. Damit nicht genug.

Das argentinische Parlament hat begleitet von gewalttätigen Protesten eine Rentenreform verabschiedet, die tiefe Einschnitte bei der Altersversorgung für Millionen Menschen vorsieht. Die nach einer Nachtsitzung am vergangenen Dienstagmorgen angenommene Gesetzesvorlage der Regierung des liberalen Präsidenten Mauricio Macri sieht Kürzungen der Rentenausgaben in Höhe von rund 100 Milliarden Peso (4,8 Mrd. Euro) vor.

Die Debatte der Parlamentarier wurde von einer mehrstündigen, heftigen Straßenschlacht zwischen Demonstranten und rund tausend Polizisten vor dem Kongressgebäude begleitet. Mindestens 162 Menschen wurden verletzt, darunter 88 Sicherheitskräfte. Die Polizei nahm mindestens 64 Menschen fest, wie die staatliche Nachrichtenagentur Télam nach Angaben des Sicherheitsministeriums der argentinischen Hauptstadt berichtete. In Argentinien findet im kommenden Jahr der nächste G20-Gipfel statt - nach Hamburg muss auch hier mit Ausschreitungen gerechnet werden.

Massive Proteste: Rentenkürzungen in Argentinien

„Die Gewalt ist vorsätzlich organisiert worden, um die Sitzung des Parlaments zu verhindern“, sagte Macri am vergangenen Dienstag auf einer Pressekonferenz. Die Verantwortlichen müssten vor Gericht gebracht werden. Seine Regierung setze sich mit aller Macht dafür ein, die Armut zu bekämpfen, betonte der Präsident.

Mit der Reform soll die Anpassung der Renten nach einem neuen Modell mit anderen Indikatoren berechnet werden. Die Opposition kritisiert, mit der Methode würden die Renten um real mindestens sechs Prozent sinken. Es werde eine Verringerung des hohen Staatshaushaltsdefizits auf Kosten der Rentner angestrebt, während Wirtschaftszweigen wie dem Bergbau und der Landwirtschaft Steuersenkungen gewährt worden seien. Von der Reform sind etwa 17 Millionen Menschen betroffen.

Außerdem eröffnet die Reform den Arbeitnehmern die Möglichkeit, bis zum 70. Lebensjahr zu arbeiten. Das Rentenalter liegt bei 60 Jahren für Frauen und 65 Jahren für Männer. Abgeordnete der Opposition kritisierten, dass von Freiwilligkeit angesichts der niedrigen Renten kaum die Rede sein könne. Rund 1,5 Millionen Rentner beziehen das Mindesteinkommen von 7246 Peso (350 Euro) bei einem Westeuropa vergleichbaren Preisniveau.

Aus Protest gegen das Gesetz hatten die Gewerkschaften zu einem 24-stündigen Generalstreik aufgerufen, der am Montagmittag begann. Die gewalttätigen Proteste begannen, als eine Gruppe von Demonstranten die vor dem Parlament aufgestellten Absperrungen umstieß. Die Polizei wurde mit Molotowcocktails beworfen und sah sich einem Hagel aus Steinen ausgesetzt. Manche Demonstranten waren auch mit Zwillen und Holzstangen bewaffnet. Die Sicherheitskräfte setzten Wasserwerfer, Tränengas und Gummigeschosse ein.

Das Gesetz wurde dann nach einer 17-stündigen Marathonsitzung im Parlament mit einer Mehrheit von 128 gegen 116 Stimmen am frühen Morgen verabschiedet, dank der Unterstützung mehrerer Oppositionsabgeordneter. Zuvor hatten die konservative Regierung Macris einzelnen Gouverneuren der Provinzen Etatzuschüsse versprochen.

Während der Nacht fanden in zahlreichen Stadtteilen von Buenos Aires spontane Kundgebungen von Bürgern statt, die auf der Straße mit Schlagen auf Töpfen gegen die Rentenreform protestierten; die lautstarken „Cacerolazos“ wurden besonders während der Zeit der Staatspleite 2001 zu einer bekannten Protestform.

Matthias Kernstock / dpa

Rubriklistenbild: © Screenshot Facebook

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