Hubschrauber schütten Wasser auf AKW

Tokio - Unter Todesgefahr schütten japanische Hubschrauber-Piloten Wasser auf den havarierten Meiler, um ihn zu kühlen. Die Strahlung bleibt sehr hoch. Am Boden ziehen Techniker Notstrom-Leitungen. Ihnen läuft die Zeit davon.

Live-Ticker: Die Atom-Katastrophe in Japan

Mit Hubschraubern, Wasserwerfern und Notstrom will Japan die dramatische Überhitzung der Reaktorblöcke in Fukushima stoppen. Über dem teilweise eingestürzten Atomkraftwerk schütteten Armee-Hubschrauber am Donnerstag Tonnen von Wasser auf den Reaktor 3, wie der Fernsehsender NHK zeigte. Erstmals wurden auch Wasserwerfer eingesetzt. Sie sollen eine Kernschmelze verhindern. An Block 4 könnten die nächsten zwei Tage entscheidend sein. Der Großraum Tokio befürchtet einen Kollaps der Stromversorgung. Die Zahl der offiziell registrierten Toten nach der Naturkatastrophe vom Freitag steigt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) begründete in einer Regierungserklärung im Bundestag das vorläufige Abschalten der sieben ältesten deutschen Meiler mit dem Schutz der Bevölkerung. Sie will trotz der Katastrophe in Japan grundsätzlich an der Atomkraft als Brückentechnologie festhalten, den Ausbau erneuerbarer Energien aber beschleunigen. Die Opposition warf ihr Unglaubwürdigkeit und Rechtsbruch vor.

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Japanische Freiwillige wollen die Arbeiter im havarierten AKW unterstützen. Darunter sind Angestellte des Betreibers Tepco sowie anderer Firmen, wie der britische Sender BBC berichtete. Die letzten verbliebenen Arbeiter im Katastrophen-Atomkraftwerk Fukushima Eins sind nach Einschätzung des Präsidenten der Gesellschaft für Strahlenschutz “Todeskandidaten“. Die gewaltige radioaktive Strahlung sei für sie eine “Katastrophe“, die sie wohl früher sterben lasse, sagte Sebastian Pflugbeil der Nachrichtenagentur dpa am Donnerstag.

Der Einsatz wird seit Donnerstagmorgen auch aus der Luft geführt: Die eingesetzten Hubschrauber können nach Angaben des Fernsehsenders NHK 7,5 Tonnen Wasser fassen. Doch das zielgenaue Treffen ist schwierig. Die Strahlung über dem Reaktor ist noch 40 Mal höher als am Boden. Die Helikopter durften nicht über dem Kraftwerk kreisen, sondern mussten im Vorbeifliegen Wasser ablassen. Vier Mal in rund 20 Minuten ergoss sich ein riesiger Schwall über den Block 3, dessen Dach bei einer Explosion abgerissen worden war.

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Hubschrauber-Piloten entdeckten, dass das Kühlbecken dieses Blockes noch weniger Wasser enthält als das im Nachbarreaktor 4. Explosionen und Erschütterungen hatten die Dächer beider Reaktorgebäude zerstört. Die Helikopter sind nach TV-Angaben mit einer Bleiplatte am Boden verstärkt, mit der die Besatzung vor radioaktiver Strahlung geschützt werden soll.

Die radioaktive Strahlung am Atomkraftwerk betrug am Donnerstag nach Angaben von Verteidigungsminister Toshimi Kitazawa 4,13 Millisievert pro Stunde. In Deutschland liegt der Grenzwert für zusätzliche radioaktive Strahlung bei 1 Millisievert pro Jahr.

Die nukleare Strahlung blieb nach dem Hubschrauber-Einsatz unverändert hoch. Dies muss nach Einschätzung von Experten nicht zwangsläufig auf einen Misserfolg hinweisen. Denn es ist einkalkuliert, dass durch das Verdampfen von Wasser am stark erhitzten Druckbehälter zusätzlich radioaktive Partikel in die Luft gewirbelt werden. “Am wichtigsten ist jetzt, große Wassermengen auf die Reaktorblöcke 3 und 4 zu schütten, vor allem um die Kühl-Becken zu füllen“, sagte Hidehiko Nishiyama, Sprecher der nationalen Agentur für Atomsicherheit der Agentur Kyodo.

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Die Brennelemente in Reaktor 3 enthalten hochgiftiges Plutonium und liegen teilweise frei. Die wichtige innere Reaktorhülle des Blocks 3 sei möglicherweise beschädigt, hatte Regierungssprecher Yukio Edano am Mittwoch berichtet. Später hieß es, die Hülle sei intakt. Die Angaben der Behörden sind seit Tagen oft widersprüchlich. Einsatzkräfte arbeiteten in Fukushima unter extremen Bedingungen daran, das Atomkraftwerk erstmals seit dem Beben vom Freitag wieder über eine Behelfsleitung mit Strom zu versorgen. Damit soll die Kühltechnik in den Blöcken 1 und 2 wieder in Gang gebracht werden. Das Vorhaben verzögerte sich aber. An einer relativ wenig verstrahlten Stelle innerhalb des AKW-Gebäudes soll ein Stromgenerator aufgestellt werden. Wie Verteidigungsminister Kitazawa sagte, sind leistungsstarke Pumpen der US-Streitkräfte auf dem Weg nach Japan.

Regierungssprecher Yukio Edano sagte am Donnerstag, die Kühlversuche in den Reaktoren 5 und 6 hätten noch nicht begonnen. Es bleibe noch “etwas Zeit“, bis es dort gefährlich werden könnte. Wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo weiter mitteilte, sank der Wasserstand in Block 5, der Druck stieg.

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Regierungssprecher Edano berichtete, Japans Ministerpräsident Naoto Kan und US-Präsident Barack Obama hätten etwa 30 Minuten lang telefoniert und eine “enge Zusammenarbeit“ vereinbart. Obama habe versprochen, noch mehr Atomexperten nach Japan zu schicken.

Ob das große Atom-Desaster noch verhindert werden kann, entscheidet sich nach Einschätzung der Gesellschaft für Strahlenschutz vermutlich bis Samstag. Wenn die Kühlversuche am havarierten Atomkraftwerk an Block 4 scheiterten, komme es zur Katastrophe. “Das wird sich wahrscheinlich morgen, spätestens übermorgen entscheiden, ob es noch gelingt, da irgendwas zu machen“, sagte Pflugbeil der dpa.

Nach Informationen der internationalen Atombehörde IAEA wurden seit vergangenen Freitag mindestens 46 Mitarbeiter des AKW Fukushima verletzt. Ursache waren das Erdbeben, die Explosionen in den Meilern sowie die starke Verstrahlung.

Die Situation der Flüchtlinge in Japan verschärft sich derweil. In der Präfektur Fukushima verlassen immer mehr Menschen ihre Häuser und bringen sich in Sicherheit. Wie der Fernsehsender NHK berichtete, flohen weitere 28 000 Menschen vor der Gefahr radioaktiver Verstrahlung. Weiter im Nordosten kämpfen die Menschen unterdessen gegen bittere Kälte. Benzin und Nahrungsmittel werden nach der Erdbebenkatastrophe immer knapper.

Die Zahl der offiziell registrierten Todesopfer nach dem Beben stieg am Donnerstag auf 5198. Mindestens 9000 Menschen galten zudem noch als vermisst, wie NHK weiter meldete.

Für den Großraum Tokio warnte die Regierung vor einem Kollaps der Stromversorgung. Die Regierung bat die Bahngesellschaften am Donnerstag, ihren Betrieb einzuschränken. Das meldete die Nachrichtenagentur Kyodo.

dpa

Rubriklistenbild: © Screenshot: Merkurtz.tv

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