Uran-Müll aus Gronau

Atommüll-Transporte nach Russland – Bürger in NRW protestieren

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Gefährliche Fracht aus Gronau: Radioaktive Stoffe rollen seit Mai 2019 durch Deutschland.

Es ist hochgiftig und radioaktiv: Uran-Hexafluorid. Seit Mai dieses Jahres rollen von NRW aus Züge, die mit dem Atommüll beladen sind, quer durch das Land. Doch in der Bevölkerung regt sich Widerstand.

  • Hochgiftige Stoffe werden aus Uran-Anlage in Gronau in Westfalen abtransportiert
  • Der Atommüll wird bereits seit Mai nach Russland gebracht
  • Die Bevölkerung reagiert mit Protesten gegen die Atommüll-Transporte

Update vom 9. Dezember: Erst vor wenigen Wochen legten Umweltaktivisten in NRW einen Zug mit Atommüll lahm, indem sie die Gleise blockierten. In einer waghalsigen Aktion hatten sie sich dafür von Bäumen abgeseilt und so mehrere Polizeieinsätze ausgelöst. Nun soll der nächste Atommülltransport in NRW anstehen – und wieder rufen Aktivisten zu Protesten auf.

Von Gronau aus soll am Montagvormittag ein Zug mit abgereichertem Uran, sogenanntem Uran-Hexafluorid, per Zug nach Russland transportiert werden, wie msl24.de* berichtet. In etlichen Städten in NRW veranstalten Aktivisten und Atommüllgegner Mahnwachen und protestieren dagegen, unter anderem in Hamm, Münster, Lünen und Ochtrup.

Gronau/NRW: Atommüll-Transporte nach Russland - Bürger protestieren an Bahnhöfen

Update vom 18. November: Mindestens 6000 Tonnen Uran-Hexafluorid (UF6) wurden seit Mai 2019 von der Urananreicherungsanlage (UAA) in Gronau mit Zügen nach Russland abtransportiert. Dort lagern die radioaktiven Substanzen nun – und bis 2022 sollen weitere 6000 Tonnen dazukommen. 

Der Export von UF6, welches von der Bundesregierung seit 2015 als Atommüll deklariert wird, sei laut deutschem Atomrecht illegal, wie Greenpeace betont. Doch der Anlagenbetreiber Urenco bringt den gefährlichen Stoff dennoch außer Landes: Da das abgereicherte Uran aus Gronau in Russland wieder angereichert und weiterverarbeitet werde, gelte er nicht als Müll, sondern als Wertstoff. So muss der Transport lediglich gemeldet werden. 

Ans Licht kamen die Transporte durch Anfragen an die Bundesregierung vonseiten der Linken und den Grünen. Linken-Politiker Hubertus Zdelbel wirft Urenco vor, Atommüll im Ausland billig zu entsorgen. Für die Umweltorganisation Greenpeace ist ebenfalls klar, dass es sich "um nichts weiter als eine verkappte Entsorgung handelt" – die Weiterverarbeitung sei nur ein Vorwand, um den Atommüll aus Gronau loszuwerden. 

Auch in der Bevölkerung regt sich Widerstand gegen den Transport des hochgefährlichen Stoffes: Am Sonntag fand an der UAA in Gronau eine Kundgebung statt – mit Redebeiträgen von Vladimir Slivyak (Co-Vorsitzender der russischen Umweltorganisation Ecodefense) und Rashid Alimov (Greenpeace Russland). Am Montagmorgen folgte eine Mahnwache in Gronau, denn an diesem Tag soll der nächste Zug mit Atommüll den Bahnhof verlassen. 

Auch weitere Proteste wurden angekündigt: In Bahnhöfen entlang der Strecke werden Atommüllgegner protestieren, unter anderem in Enschede, Hamm und Münster. In letzterer Stadt könnte sich der Protest allerdings schwierig gestalten: Am Hauptbahnhof Münster droht durch einen Bombenfund eine Evakuierung, wie msl24.de* berichtet.

Gronau: So wird Atommüll von Deutschland nach Russland transportiert

Gronau – Den eigenen Atommüll einfach im Ausland entsorgt – so lautet der Vorwurf des Linken-Politikers Hubertus Zdebel, den er kürzlich in einem Statement veröffentlichte. Durch eine Anfrage an die Bundesregierung hatte der Bundestagsabgeordnete herausgefunden, dass die Firma Urenco seit Mai dieses Jahres radioaktive Stoffe, die in ihrer Uran-Anlage in Gronau herstellt wurden, nach Russland transportiert hatte, wie msl24.de* berichtet.

Radioaktive Stoffe aus Gronau in Russland: Erstes Vorhaben bereits 2009

Bereits vor zehn Jahren wollte das Unternehmen, an dem auch RWE und E.on beteiligt sind, abgereichertes Uran nach Russland bringen: Dort sollte es wieder angereichert und anschließend zur weiteren Verwertung zurück nach Gronau geschickt werden. Der dabei entstehende Atommüll sollte jedoch in Russland bleiben.

Doch die damaligen Pläne wurden auf Druck der Öffentlichkeit abgeblasen: Denn wie bekannt wurde, lagerten in Russland die hochgiftige Stoffe in rostigen Behältern und unter freiem Himmel (taz). Auch Greenpeace warf dem Unternehmen damals vor, den lästigen Atommüll aus Gronau einfach in Russland loswerden zu wollen. Damals ruderte Urenco zwar zurück – setzte das Vorhaben dann aber 2019 doch in die Tat um. 

Kritik an Transport aus Gronau: "Atommüll billig in Russland entsorgt"

Zwischen Mai und September 2019 wurden 3600 Tonnen des hochgefährlichen Uran-Hexafluorids von Gronau aus zur Anlage "Ural Integrated Electrochemical Plant" bei Jekaterinburg in Russland transportiert. Dies kam durch eine Anfrage von Silvia Kotting-Uhl (Die Grüne), Vorsitzende des Bundestags-Umweltausschusses, ans Licht. Das ZDF-Magazin "Frontal 21" berichtete.

Der Export aus Gronau sei der Öffentlichkeit vorenthalten worden, kritisierte die taz in ihrem Bericht. Doch tatsächlich sei der Transport des aggressiven Stoffes ohne Probleme möglich: Denn das Uran-Hexafluorid wird als "Wertstoff" deklariert, und nicht als Atommüll. "Nach Atomrecht sei der Export nicht genehmigungs-, sondern nur anzeigepflichtig", schreibt die taz weiter.

Urenco betreibt unverantwortliche Atommüll-Geschäfte. Das Unternehmen, an dem ja auch die deutschen Konzerne E.on und RWE beteiligt sind, redet immer schönfärberisch von Wertstoff. Dabei geht es bei dieser Neuauflage mit den Russland-Exporten offenkundig darum, dass erhebliche Mengen Atommüll in Russland billig entsorgt werden." (Hubertus Zdebel)

Auch 2018 hatte es Kritik gehagelt, als bekannt wurde, dass zwischen 2011 und 2018 nukleare Güter über deutsche Häfen nach Russland transportiert wurden. Zum Teil waren radioaktives Uran und Brennstäbe auf reguläre Ostsee-Passagierfähren verladen worden. Bei 75 Lieferungen "waren die Brennelementefabrik im emsländischen Lingen oder die Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau Absender oder Empfänger der schwach radioaktiven Fracht", heißt es dazu auf merkur.de.

Nach Atommüll-Transport: Schließung der Anlagen in Gronau und Lingen gefordert

Zdebel fordert, die Anlagen in Lingen und Gronau endlich zu schließen. "Weil die Bundesregierung nicht eingreift, werden von den deutschen Uranfabriken weiterhin marode AKWs auch im grenznahen Ausland mit Uranbrennstoff versorgt und deren Betrieb wie in Doel und Tihange dank deutscher Beihilfe unterstützt. Und nun sieht die Bundesregierung dabei zu, wie unter einem Vorwand Atommüll billig im Ausland entsorgt wird", schreibt der Politiker aus dem Münsterland (msl24.de*) in seinem Statement.

Wie die taz weiter berichtet, sprach sich auch Kotting-Uhl für die Schließung der Anlagen in Gronau und Lingen aus und forderte die Bundesregierung zum Handeln auf. Denn obwohl seit 2017 ein entsprechendes Rechtsgutachten im Ministerium vorliege, sei nichts geschehen. Derweil geht der Transport weiter: Bis 2022 sollen 12.000 Tonnen radioaktiven Uran-Hexafluorids nach Russland gebracht werden. Zu diesem Deal habe sich Urenco bisher nicht geäußert.

Nach sechs Monaten Pause ging kürzlich der Energiekonzern RWE mit seinem Steinkohlekraftwerk im westfälischen Ibbenbüren wieder ans Netz, wie msl24.de* berichtet. Wegen eines Überangebotes an regenerativen Energien war das Kraftwerk für ein halbes Jahr abgeschaltet gewesen. 

*msl24.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes

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