Nordirlands tiefe Wunde

Fast 50 Jahre nach dem "Bloody Sunday": Ein britischer Soldat kommt vor Gericht - vielen reicht das nicht

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Die Wunden sind noch lange nicht verheilt: Paul Doherty, Stadtführer in Derry, steht vor einer Gedächtnisstätte, auf der auch der Name seines Vaters steht. Dieser war am „Bloody Sunday“ 1972 erschossen worden.

Am 30. Januar 1972 erschossen britische Soldaten bei einer Demonstration in der nordirischen Stadt Derry 13 Katholiken. Der „Bloody Sunday“ führte zur Eskalation des Nordirlandkonflikts. Jetzt, 47 Jahre später, muss sich ein britischer Ex-Soldat wegen Mordes vor Gericht verantworten – aber nur einer. Dem Tour-Guide Paul Doherty, der am Blutsonntag seinen Vater verlor, reicht das nicht.

Derry – Es sollte für ihn die wichtigste Woche in seinem Leben werden. Paul Doherty hat am „Bloody Sunday“ 1972 seinen Vater verloren. Nun steht er in Derry vor der Gedenkstätte im Katholikenviertel Bogside, drei Tage vor der Entscheidung der nordirischen Staatsanwaltschaft über eine mögliche Strafverfolgung der britischen Soldaten von damals, die am Donnerstag, 14. März, . 

„Es hat lange gedauert nicht nur die britische Armee, sondern auch die britische Regierung für das zu entlarven, was sie am ,Bloody Sunday‘ angerichtet haben“, erklärt Doherty. Das Massaker, wie er es nennt, begleitet den 55-Jährigen schon sein Leben lang. 

Doherty erzählt die Geschichte der Opfer - auch als Tour-Guide

Er ist Tour-Guide in Derry, führt Besucher durch das Viertel, in dem sein Vater und zwölf weitere Menschen erschossen wurden. Er empfindet es als eine Art von Therapie, denn er ist sehr stolz darauf, die Geschichten der Opfer zu erzählen. „Ich lebe nicht in der Vergangenheit, aber die Menschen müssen darüber unterrichtet werden.“ 

Der Blutsonntag hat die Stadt Derry nie wieder losgelassen. Diese Zeichnung an einer Hauswand ist eine von vielen. Gezeigt werden die Opfer, die Soldaten - und was damals passierte.

Der „Bloody Sunday“ hat diese Stadt nie losgelassen. Zahlreiche Zeichnungen schmücken die Häuserfassaden – Zeichnungen von den Opfern, den Soldaten, dem Tag, der die Stadt für immer verändert hat. Doherty zeigt, wo der Soldat stand, als er auf seinen Vater schoss. Seit gestern ist klar: Genau dieser Soldat muss sich wegen zweifachen Mordes und versuchten Mordes in vier weiteren Fällen vor Gericht verantworten. 18 weitere Verdächtige sind freigesprochen worden. Das hat die Staatsanwaltschaft entschieden, 47 Jahre nach den Taten. 

Die Opfer flehten am "Bloody Sunday" auf Knien um Gnade

Die Opfer seien unbewaffnet gewesen, sagt Doherty. Sie seien weggelaufen, hätten sich versteckt, auf Knien um Gnade gefleht. „Wir haben dem Soldaten ins Gesicht geschaut, dem Mann, der meinen Vater getötet hat. Er sah nicht aus wie ein Killer, er hörte sich nicht an wie ein Killer, aber war zweifellos ein Massenmörder.“

Rundgang durch Derry: Zeichnungen erinnern an den "Bloody Sunday"

Eine erste Untersuchung drei Monate nach dem „Bloody Sunday“ entlastete die Armeeführung und Soldaten. Die Armee war sich sicher, dass die Demonstranten das Feuer eröffnet haben. Die Ergebnisse der Untersuchung bescheinigten den Soldaten zwar „Rücksichtslosigkeit“, bestätigten jedoch die Version der Soldaten, dass ihre Gegner bewaffnet gewesen seien. 

Die Schuld Großbritanniens wurde offiziell anerkannt - 38 Jahre später

Erst 26 Jahre später, im Jahr 1998, wurde aufgrund andauernder Proteste der Angehörigen eine neue Untersuchung durch den damaligen britischen Premierminister Tony Blair in Auftrag gegeben. Der Bericht wurde im Juni 2010 veröffentlicht. Das Ergebnis: Die britischen Soldaten haben zuerst geschossen. Als 2010 der dann amtierende Premier David Cameron den Bericht vorstellte, erhielten die Opfer-Angehörigen zum ersten Mal eine Entschuldigung. „Was am ,Bloody Sunday‘ passiert ist, ist ungerechtfertigt und nicht zu rechtfertigen. Es war falsch“, sagte der Premier. „Die Regierung ist letztlich verantwortlich für das Verhalten ihrer bewaffneten Kräfte, und im Namen der Regierung und des Landes möchte ich mich entschuldigen.“ Die Schuld Großbritanniens wurde offiziell anerkannt – 38 Jahre später. 

Nur ein Soldat muss sich verantworten - das Entsetzen ist groß

Und am Donnerstag sollten die Angehörigen die Gerechtigkeit bekommen, auf die sie seit Jahrzehnten warten. Bei einem großen Protestmarsch zogen Hunderte durch die Straßen Derrys. Vorneweg Angehörige mit Schwarz-Weiß-Bildern der Opfer, unter ihnen auch Doherty. Die Entscheidung gilt als bedeutender Schritt in der Aufarbeitung des Nordirlandkonflikts. Als jedoch klar wird, dass sich nur ein Soldat vor Gericht verantworten muss, herrscht keine freudige Stimmung in Derry. „Es wurde keine Gerechtigkeit geübt. Wir sind enttäuscht, dass nicht der Rest der Soldaten öffentlich angeklagt wird“, sagt Doherty geschockt.

Noch immer kommen die Menschen in Derry nicht zur Ruhe. „Die Beweise sind da, um noch viel mehr Soldaten zu verurteilen“, sagt Doherty. Noch am Donnerstag hat er sich mit anderen Angehörigen und Anwälten zusammengesetzt. Sie wollen weiterkämpfen. Sie wollen Gerechtigkeit.

Paul Doherty wird nicht aufgeben. Die Beweise, um noch weitere Soldaten zu verurteilen, sind da, sagt er. Andere Opfer-Angehörige und Anwälte sind da ganz seiner Meinung. 

Der Nordirland-Konflikt und der Brexit

Das Jahr 1972 war eines der blutigsten im Konflikt um Nordirland. Als Folge des „Bloody Sundays“ verschärfte sich der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten in der zu Großbritannien gehörenden Region. Als Vergeltung verübte die irisch-republikanische Untergrundorganisation IRA in den Monaten danach mehrere Anschläge. In dem über Jahrzehnte währenden Nordirland-Konflikt standen katholische Nationalisten, die eine Vereinigung mit Irland anstrebten, protestantischen Unionisten gegenüber, die weiterhin zu Großbritannien gehören wollten. Bis zum Karfreitagsabkommen von 1998, das die Gewalt beendete, starben mehr als 3500 Menschen. Der Brexit lässt die Sorge vor neuer Gewalt wieder aufleben. Durch den EU-Austritt Großbritanniens könnte eine harte Grenze zwischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland entstehen.

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