Erstes schwules Paar wird kirchlich getraut

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Rüdiger (r) und Christoph Zimmermann sind das erste homosexuelle Paar, das kirchlich getraut wurde.

Hannover - Seligenstadt ist nicht Deutschland, doch von der ersten evangelischen Trauung eines schwulen Paars geht ein Impuls aus. Die gesellschaftliche Debatte ist enorm.

Das Paar vor dem Traualtar war sich natürlich einig, in der großen Kirche aber herrscht weiterhin ein Stimmengewirr beim Thema Homo-Hochzeit. Auch nach der ersten evangelischen Trauung eines schwulen Paares in Hessen gibt es bei den Protestanten keinen einheitlichen Kurs. Selbst ein Bischof äußerte grundlegende Kritik. Dabei gibt es an der Kirchenbasis Hoffnung, dass das evangelische Vorpreschen zu Bewegung im Umgang mit Homosexuellen auch in der katholischen Kirche führen könnte. Die Offenheit des neuen Papstes macht manchem Hoffnung.

Während bei den Katholiken allein Rom die Richtung vorgibt, kann die evangelische Kirche kleine Schritte nach vorn auch in der Provinz wagen. Nachdem die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) im Juni einen entsprechenden Leitfaden verabschiedet hatte, kam es am Samstag in Seligenstadt bei Frankfurt zur ersten Trauung eines Homopaares, das neben dem Segen auch eine kirchliche Beurkundung erhielt. In der bayerischen Heimatgemeinde war dies noch nicht möglich, deswegen kam das Paar für die bundesweite Premiere nach Hessen. Eine Einheitsregel, wie mit homosexuellen Trauwilligen zu verfahren ist, will und kann die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) den Landeskirchen nicht vorschreiben.

Von skeptischen Mienen seiner katholischen Kollegen bei einem Treffen in Mainz am Wochenende berichtete der Braunschweiger Bischof Friedrich Weber. „Die Katholiken waren in hohem Maße überrascht.“ Für die Ökumene sei die weitgehende Gleichstellung homosexueller Paare mit einer klassischen Eheschließung nicht hilfreich, warnte er. Eine Segnung könne zwar stattfinden, sie dürfe aber keine Gleichsetzung mit der Institution Ehe bedeuten. Wenn schon, solle die EKD eine Regelung im Konsens mit den Landeskirchen finden, so der Bischof.

Eher traditionell oder liberal - da die protestantische Landkarte in Deutschland bunt gescheckt ist, überlässt die EKD den Landeskirchen manche Detailfrage lieber und kommt am Ende doch als Ganzes voran. Vor zwölf Jahren noch gab es um die Segnung homosexueller Paare, die ebenfalls von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau vorangetrieben wurde, noch großen Wirbel. Inzwischen ist sie in 14 der 20 Landeskirchen gängige Praxis.

In ihrem neuen Positionspapier zur Familie ruft die EKD unter anderem auch zur Unterstützung von Patchworkfamilien und gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften auf, zum Thema Sexualität ist ebenfalls ein neues Grundsatzpapier in Arbeit. Auch zum Thema Homosexualität sind dort andere Worte als im Vorgängerpapier von 1973 zu erwarten. Auch wenn damit den Landeskirchen keine Vorschriften gemacht werden, wird doch die künftige Linie der Kirche deutlich. Ähnlich geschah dies 2010 bei einer deutschlandweiten Rahmenregelung für das Zusammenleben homosexueller Pfarrer mit ihren Partnern im Pfarrhaus. Sie ist keine Pflicht, kann aber als Richtschnur dienen.

„Von der EKD könnte ein wichtiger Impuls kommen, der ist richtungsgebend“, meinte der Sprecher der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexualität und Kirche (HuK), Markus Gutfleisch. Ziel müsse eine Gleichstellung von Homosexuellen sein mit einer kirchlichen Trauung, die nicht in die Sakristei oder ein Hinterzimmer verlegt werde. „Auch in der katholischen Kirche gibt es Hoffnung auf Veränderung“, sagte Gutfleisch. Die Bewegungen in der evangelischen Kirche würden von den Katholiken genau beobachtet, aber bislang habe es Angst vor Rom gegeben. Die Offenheit des neuen Papstes Franziskus, auch Homosexuellen gegenüber, mache Hoffnung. „Das wird auch in der katholischen Kirche weitergehen.“

dpa

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