Caitlyn Jenner als Vorreiterin

Er war mal eine Frau: So leben Transgender im Alltag

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Die Bildkombo zeigt CeTenia Elizabeth-Renee Howard (l), die nach einer Geschlechtsangleichung Achim Jeremiah Howard heißt und in Washington lebt (undatierte Aufnamhme). Den Mut, als Mann zu leben, bekam Howard erst durch die Begegnung mit der Unity Fellowship Church.

Washington - Mit Caitlyn Jenner als medialer Vorreiterin scheint sich das Leben von Transgendern zu wandeln. Doch einfach ist es keineswegs.

Die vielleicht erste Geschlechtsangleichung erzähle die Bibel, sagt der Afro-Amerikaner Achim Jeremiah Howard (44) in der Unity Fellowship Church in Washington. „Als Gott aus Adams Rippe Eva formte.“ Viele Kirchen, in denen er so etwas sagen könnte, gibt es vermutlich nicht. Aber die Unity Fellowship Church ist keine gewöhnliche Kirche: Lesben, Schwule, Bisexuelle und auch Transgender werden hier offen empfangen. Und Howard ist kein gewöhnlicher Dekan. Vor einigen Jahren hieß er noch CeTenia Elizabeth-Renee Howard. Ein Foto zeigt ihn im Kleid mit Perlenkette. Heute arbeitet er als Bauarbeiter - und in der Kirche.

Schätzungen zufolge stimmt bei 0,2 bis 2 Prozent der Menschen das augenfällige Geschlecht nicht mit dem gefühlten überein, heißt es von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (DGTI) in Berlin.

Diese vergleichsweise kleine Gruppe bekommt zurzeit - im Vergleich zu früher - recht viel Aufmerksamkeit. Wohl nie zuvor wurde so offen über Transgender berichtet, was vor allem in den USA seinen Lauf genommen hat. Der einstige Olympia-Star Bruce Jenner nennt sich nun Caitlyn Jenner und zierte kürzlich das Cover des legendären US-Magazins „Vanity Fair“. Die transsexuelle Schauspielerin Laverne Cox wurde mit der Serie „Orange Is The New Black“ zum Medienphänomen.

Achim Jeremiah Howard in Washington freut sich über so die Sensibilisierung für das Thema. Doch im Mittelpunkt stehe oft nur Glamour und Sensationslust, meint er. Die Gefahr, mit der Transgender auch jeden Tag lebten, werde ignoriert. Vor allem die der Schwarzen.

„Caitlyn Jenner hat viele Privilegien, nicht zuletzt das, weiß zu sein“, sagt Howard. Die mehrfach diskriminierte, schwarze Transgender-Gemeinschaft etwa finde dagegen kaum Akzeptanz. Da helfen auch keine Promi-Beispiele. „Die Medien wollen aus ihnen Idole der Trans*-Gemeinschaft machen“, sagt er und hält kurz inne. „Aber das sind nicht meine Idole. Nicht alle von uns sind reich.“

Auch Nicole Faerber von der DGTI sieht bei den Beispielen aus den USA Probleme: „Jenner hatte das Geld, um ein perfektes weibliches Äußeres herzustellen. So etwas ist für die meisten aber nicht zu erreichen.“ Je präsenter das Bild jedoch in der Öffentlichkeit sei, desto mehr müssten sich Trans-Menschen daran messen lassen.

Caitlyn Jenner und Laverne Cox wissen das wohl auch. „Die meisten Transgender verfügen nicht über die Privilegien, die Caitlyn und ich genießen“, schrieb Cox auf ihrer Tumblr-Seite. „Es sind diese Transgender, die wir unterstützen müssen.“

Doch in den USA scheitern die meisten Transgender schon an den Kosten für eine Geschlechtsangleichung - so auch Achim Jeremiah Howard. Immerhin kommt sein Versicherer für Testosteron-Spritzen auf.

In Deutschland zahlen die Krankenkassen Operationen. Das klingt liberal, hat aber auch einen bitteren Beigeschmack. Denn in den Augen mancher wird Transsexualität damit als Krankheit stigmatisiert.

Länder wie Malta, Argentinien oder Dänemark seien viel weiter, meint etwa Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD). In diesen Ländern brauchten Trans* keine ärztlichen Gutachten. „Schließlich weiß wohl jeder selbst am besten, ob er trans ist oder nicht.“

Den Mut, als Mann zu leben, bekam Achim Jeremiah Howard übrigens erst durch die Gemeinschaft der Unity Fellowship Church. Erst saß er nur still in der letzten Reihe, später sang er auch im Chor. Woche für Woche sprach er mit dem Pastor, dann fiel seine Entscheidung. Heute unterstützt Howard andere dabei, den Schritt zu wagen, das gefühlte Geschlecht zu leben. In der „Name & Gender Change Clinic“ hilft er ihnen mit den Anträgen, um zum Beispiel den Namen ändern zu lassen.

Passen Name und Aussehen zusammen, fällt ein Grund weg, in der Öffentlichkeit diskriminiert zu werden. Doch die Lage von Transgendern bleibt schwierig und gefährlich. In Europa soll die Hälfte von ihnen bereits Opfer von Gewalt geworden sein, wie eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte ermittelte. Auch Probleme bei der Jobsuche oder am Arbeitsplatz kennen viele.

In den USA sind viele Transgender arm, weil sie keine Arbeit finden und von ihren Familien verstoßen werden. Das Leben auf der Straße sei oft sicherer als in einer Obdachlosenunterkunft, wo sie oft bedroht würden, meint Howard. „Das ist es, was mich an Caitlyn stört“, erklärt er. „Sie hat sich die Brüste in einer Fernsehshow machen lassen. Viele von uns haben ganz andere Probleme.“

dpa

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