Name und Alter will er nicht verraten

Dieser Deutsche lebt zwei Jahre im Wald - und kommt heraus, um eine Botschaft zu verkünden

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Frank K.s Geschichte ist die eines Mannes, der zwei Jahre im Wald gelebt und sich damit arrangiert hat.

Viele der derzeit 150 bis 200 Wohnungslosen in Kassel suchen gerade im Winter Schutz in einer der Notschlafstellen in Kassel. Einer von ihnen ist Frank K., der zuvor zwei Jahre im Wald lebte.

Kassel - Frank K. kommt einem schon im Treppenhaus der Sozialen Hilfe entgegen. Der Mann mit dem langen Bart und den vorne abgeschnittenen Stoffhandschuhen ist gleich nahbar, freundlich. Öffentlich will er seinen vollständigen Namen nicht nennen, auch aus seinem Alter macht er ein Geheimnis – es liegt wohl zwischen 55 und 60. Aber sonst möchte er seine Geschichte erzählen, um auf die Situation der Wohnungslosen aufmerksam zu machen – und zugleich auf die Möglichkeit der Notschlafstellen. K.s Geschichte ist die eines Mannes, der zwei Jahre im Wald gelebt und sich damit arrangiert hat. Hna.de* hat mit Frank K. gesprochen

Frank K., wie kam es dazu, dass Sie zwei Jahre im Wald gelebt haben?

K.: Ich habe schlichtweg meine Miete nicht mehr zahlen können. Irgendwann kam dann der Vermieter mit einem Räumungsbefehl um die Ecke, und ich musste meine Wohnung in Kirchditmold verlassen. Das war im September 2015.

Wieso konnten Sie die Miete nicht mehr zahlen?

K.: Ich habe mich bemüht, habe Zeitungen ausgetragen – und was weiß ich wie viele Bewerbungen geschrieben. Aber irgendwie hat es nie gepasst. Ich hatte einfach kein Glück.

K. erzählt über sein Leben. Zwischendurch sei er mal in Heidelberg gewesen und habe dort gearbeitet. Er berichtet von einem Suizidversuch – und dass er 2011 zum Verein Soziale Hilfe gekommen sei.

Und dann sind Sie einfach in den Wald gezogen?

K.: Ich bin schon immer ein Waldmensch gewesen. Das hat auch mit meiner grauenhaften Kindheit zu tun. Da war ich viel draußen und bin mit eiskalten Fingern nach Hause gekommen. Aber draußen habe ich mich wohler gefühlt, der Wald war meine zweite Heimat.

Frank K. geht im Gespräch nicht näher auf seine Kindheit ein. Früher hat er mal erzählt, dass sein Vater gewalttätig gewesen sei. Er habe ihn mit einer eigens dafür angefertigten Lederpeitsche verprügelt. Einmal habe ihn sein Vater fast totgeschlagen. Das sei kurz nach Frank K.s 18. Geburtstag gewesen. Nach einem Aufenthalt im Krankenhaus sei er in eine WG gezogen und habe sein Abi gemacht. Schnitt: 1,8.

Wie haben Sie Ihr Leben im Wald organisiert?

K.: Das ist ein Kunststück. Man muss Erfahrung haben und ein bisschen Grips in der Birne. Da ich es habe kommen sehen, habe ich alles gut vorbereitet. Ich musste raus, hatte die Schnauze voll vom Leben in der Wohnung. Ich hätte auch zur GWH gehen und es noch einmal in einer anderen Wohnung versuchen können. Aber ich wollte dann in den Wald.

Wie also haben Sie sich vorbereitet?

K.: Ich wusste, dass ich einen Raum schaffen musste, der absolut dicht ist, sonst wird es im Winter zu kalt. Außerdem braucht man eine Unterlage zum Schlafen; es geht schließlich nicht, auf dem blanken Fußboden zu schlafen. Also habe ich mir Spanplatten, vier Hocker und Planen besorgt, alles mit meinem Fahrrad in den Wald gebracht und mir mein Heim gebaut. In die Planen habe ich dann einen Reißverschluss gearbeitet, damit ich alles dichtmachen konnte.

Wie haben Sie Ihren Platz gefunden?

K.: Oberhalb der Rasenallee – nicht weit weg von der Straße – habe ich einen versteckten Platz entdeckt. Ein Stück davon, ungefähr zwei mal vier Meter, habe ich freigeschnitten und mit einem Spaten begradigt. Das Fundament habe ich aus Kies und Sägespänen vorbereitet. Darauf habe ich Holzplatten gelegt. Aus armdicken Baumstämmen habe ich dann ein Grundgerüst gebaut und es mit Planen bespannt. Die habe ich rundherum eingegraben, damit der Wind keine Angriffsfläche hatte. Eine Plane habe ich auch über den Boden gelegt, damit von unten keine Feuchtigkeit reinziehen konnte. Darauf kamen dann zwei billige Fußmatten. Und das Dach musste abgeschrägt sein, damit das Wasser ablaufen konnte. Die Grundfläche waren zwei mal zwei Meter.

Was befand sich dann in Ihrem Heim?

K.: Viel Platz war nicht. Meine Schlafstätte bestand aus mehreren Schichten: Hocker, die mit Spanplatten zusammengeschraubt waren, Isomatte, Fleecedecken, die zu einer Art Schlafsack zusammengenäht waren. Darin lag ein weiterer Schlafsack, damit ich nicht erfriere. In einer Ecke hatte ich mir eine Art Regal aus Winkeln und Brettern gebaut. In Plastikboxen habe ich – in mehrere Plastiktüten eingewickelt – Zucker, Milch, Schokolade und andere Grundnahrungsmittel eingelagert. Auf dem Regal stand mein Kocher, den ich mir aus Konservendosen gebastelt habe. Meine Klamotten musste ich in Gelbe Säcke legen, damit sie nicht vergammelten.

Wie sah Ihr Tagesablauf aus?

K.: Es stellt sich ein Alltag ein. Ich bin nachts um 1 Uhr immer zur Arbeit nach Kirchditmold gelaufen oder mit meinem Rad gefahren – drei Kilometer, bei jedem Wind und Wetter. Die Lampe meines Rades hat mir Licht gespendet. Dann habe ich Zeitungen ausgetragen. Um kurz nach sechs habe ich mir im Supermarkt Brötchen, Obst und Konserven gekauft und bin zurückgepilgert. Da ich unter dem Wassertopf vier Teelichter entzündet habe, bevor ich losgegangen bin, war das Wasser schön heiß, wenn ich wieder in meinem Heim war. Ich habe mich dann mit meinem Schlafsack aufs Bett gesetzt und erst mal gesehen, dass meine Füße mit Hilfe meiner Wärmflasche wieder auftauen konnten. Die Füße sind das größte Problem. Gerade im Winter waren die eiskalt, und ohne meine Wärmflasche bin ich nicht ins Bett. Dann war es selbst bei minus 14 Grad mummelig warm. Wichtig war auch Vitamin-C-Pulver.

Und dann?

K.: Habe ich was gegessen. Vor allem trockene Nahrung ist wichtig. Und eine warme Mahlzeit. Oft habe ich mir mit meinem Kocher eine Suppe gemacht. Danach habe ich meistens ein paar Stunden geschlafen. Und anschließend bin ich oft spazieren gegangen, und ich habe mich um das Alltägliche gekümmert. Ich hatte immer etwas zu tun.

Wie kamen Sie an Wasser?

K.: Das Trinkwasser habe ich aus der Prinzenquelle genommen. In der Nähe meines Heims lief aber auch ein Rinnsal, das ich für das Nötigste nutzen konnte. Ich habe mir dann einen kleinen Tümpel gebaut. Mit einem Schlauch habe ich mich dann abgeduscht. Weil man muss schon sagen: Am Anfang stinkt man ziemlich. Gewaschen habe ich mich manchmal aber auch im Schwimmbad, weil ich empfindlich bin, was Hygiene anbelangt. Ich wasche mich auch nie ohne Seife. Und die Klamotten habe ich ganz normal im Waschsalon an der Friedrich-Ebert-Straße gewaschen.

Gab es nie Probleme?

K.: Natürlich gab es Probleme. Schlimm waren die Mäuse. Ich habe mindestens 200 von ihnen gekillt. Außerdem durfte mir nichts passieren. Wer hätte mir helfen können? Man musste alles mit Vernunft machen. Einmal habe ich mir das Handgelenk verstaucht. Da musste ich ins Krankenhaus. Das war eine Tortur, weil ich nicht mit meinem Rad fahren konnte und Schmerzen hatte.

Haben Sie nichts vermisst?

K.: Am Anfang hatte ich noch ein Notebook, aber auch das brauchte ich dann nicht mehr. Ich musste mein Leben organisieren, und ich habe viel nachgedacht. Ich habe gelernt, worauf es ankommt. Das hat gutgetan. Aber ein normaler Mensch hält das im Wald über so lange Zeit sicher nicht aus. Vermisst habe ich vielleicht einen netten Freund, warmes Essen in der Gemeinschaft und einen schönen Gottesdienst, weil ich sehr religiös bin.

Hatten Sie nie Angst – vor Tieren beispielsweise?

K.: Angst? Ich doch nicht. Die Wildschweine und ich, wir hatten ein gutes Verhältnis. Die sind einfach stehen geblieben, wenn sie mich gesehen haben. Ich glaube auch nicht, dass die Angst vor mir hatten. Die Rehe waren ganz neugierig, mit ihnen habe ich mich unterhalten.

Im August dieses Jahres wurde Frank K. aufgefordert, seine Behausung zu verlassen. Er nahm eine Übergangswohnung des Vereins Soziale Hilfe in Anspruch und nutzt nun eine Notschlafstelle.

Sind Sie froh, dass Sie nicht mehr im Wald wohnen müssen?

K.: Es war eine schöne Zeit. Aber jetzt bin ich auch froh, dass ich eine Notschlafstelle nutzen kann und eine Bude habe, in der ich die Tür zumachen kann.

Mehr Infos über das Leben von Frank K. und über sein Leben im Wald finden Sie im Artikel auf hna.de*.

*hna.de ist Teil des bundesweitenIppen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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