Analyse

Demo in Kassel: Ein großer politischer Erfolg war es nicht für die Rechten

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Protest gegen den Aufmarsch der Partei „Die Rechte“ in Kassel: Tausende Gegendemonstranten haben sich den Rechten lautstark entgegengestellt.

Am Samstag legten rund 120 Rechtsextreme mit einem Aufmarsch die Kasseler Innenstadt lahm - eine Analyse.

Am Ende dauerte der rechte Spuk nicht besonders lange. Knapp 45 Minuten lang zogen 120 Neonazis am Samstagnachmittag durch die Kasseler Unterneustadt, zum Teil über abgesperrte Bundesstraßen, vorbei an geschlossenen Autohäusern und Tankstellen. 

Sie schwenkten schwarz-weiß-rote Fahnen, brüllten Parolen wie „Alles für Volk, Rasse und Nation“ oder „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“. Auch wenn die Köpfe der Neonazi-Kleinstpartei „Die Rechte“, etwa Demo-Anmelder Christian Worch oder der Neonazi Sven Skoda, in ihren Reden etwas anderes behaupteten: Ein großer politischer Erfolg war diese Demonstration für die Rechtsextremen nicht. Sie hatten offensichtlich Probleme bei der Mobilisierung, der Großteil der Teilnehmer war gemeinsam mit dem Bus aus dem Ruhrpott angekarrt worden, wo „Die Rechte“ ihre Hochburgen hat.

Nur wenige Rechte aus Hessen dabei

Lediglich 40 Neonazis aus dem Kameradschaftsspektrum hatten sich der Demonstration angeschlossen, die Mehrzahl von ihnen kam aus Rheinland-Pfalz, kaum jemand aus Hessen. Der provokante Versuch, sich nach dem Mord an Walter Lübcke ausgerechnet in Kassel zum Opfer einer politisch-medialen Hetzkampagne zu stilisieren, fand offenbar nicht einmal in der lokalen rechten Szene besonders großen Anklang. Was Christian Worch und „Die Rechte“ am Samstag vor allem erreicht haben: Sie standen mit ihrer Neonazi-Ideologie im Mittelpunkt des öffentlichen und journalistischen Interesses.

Gleichzeitig war der rechte Aufmarsch auf der gesamten Strecke von lautem und vehementem Gegenprotest begleitet. Immer wieder standen Hunderte Menschen an der Route, skandierten „Haut ab“ oder „Nazis raus“. Es wurde gepfiffen und gebuht, Kirchenglocken läuteten, Musik dröhnte, teilweise konnte man die Neonazis überhaupt nicht verstehen. 

Die Rechten spürten an jeder Ecke, dass sie nicht willkommen sind

Überhaupt hat das zivilgesellschaftliche „Bündnis gegen Rechts Kassel“ die eigenen Erwartungen deutlich übertroffen: Rund 10.000 Menschen waren nach Polizeiangaben in Kassel auf den Beinen, an vielen Häusern hingen Plakate gegen Rechts, die Neonazis waren permanent damit konfrontiert, dass die Mehrheit der Kasseler Bürger sie nicht in der Stadt haben wollte. Und überall auf den Straßen war eine fröhliche Euphorie zu spüren, dass sich so viele Menschen an den friedlichen Protesten beteiligten.

Die Polizei bewertet ihren eigenen Einsatz in einer ersten Rückschau als Erfolg, formal ist das auch korrekt. Es kam kaum zu Störversuchen an der Route der Neonazis, die Unterneustadt und weite Teile der Innenstadt waren hermetisch mit Einsatzwagen und Drängelgittern abgesperrt, die Polizei hatte die Lage im Griff. Rund 30 Menschen wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen, meistens wegen kleinerer Vergehen. 

Doch unter den Gegendemonstranten, den Medienvertretern und in den sozialen Netzwerken ging den ganzen Tag eine berechtigte Frage um: War es wirklich notwendig, eine ganze Stadt für einen ganzen Tag lahmzulegen, damit eine Neonazi-Demonstration ungestört über die Bühne gehen kann? Denn das war mehr als offensichtlich: Mit ihrem Großeinsatz hat die Polizei am Samstag ganz Kassel stillgelegt. Busse und Bahnen fuhren nicht, viele Läden hatten geschlossen, es herrschte Stillstand. Die Stadt wird diskutieren müssen, ob das beim nächsten Mal wieder so laufen soll: „Die Rechte“ hat bereits angedroht, bald wieder mit dem Bus von Dortmund nach Kassel zu fahren.

Von Hanning Voigts

Hier geht es zum Live-Ticker von der Demo in Kassel.

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