Herdenimmunität gegen Corona

„Unkontrollierte Ausbreitung in alle Bevölkerungsteile“: Deutsche Virologen schlagen Alarm

Im Kampf gegen das Coronavirus fällt immer wieder das Stichwort „Herdenimmunität“. Deutsche Virologen haben sich angesichts steigender Infektionszahlen dazu geäußert - und warnen davor.

Heidelberg/Erlangen - Die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg (BW24* berichtete) steigt besorgniserregend. Inzwischen sind mehr als 60.000 Menschen in Baden-Württemberg an Covid-19 erkrankt. Immer mehr Regionen im Südwesten werden zum Risikogebiet erklärt. Der Kreis Esslingen wurde als erstes zum Corona-Hotspot.*

Inzwischen gilt nicht nur Stuttgart als Risikogebiet.* Ganz Baden-Württemberg nähert sich dem kritischen Wert von 50 Neuinfektionen mit dem Coronavirus je 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. Deshalb gilt in Baden-Württemberg die höchste Warnstufe mit neuen Beschränkungen.* Dazu gehört beispielsweise eine Maskenpflicht in öffentlichen Bereichen wie Fußgängerzonen - egal, ob die 7-Tage-Inzidenz vor Ort über dem kritischen Wert liegt.

Angesichts des exponentiellen Wachstums der Neuinfektionen drohte Winfried Kretschmann sogar mit einem Lockdown-Ultimatum.* Manchen Experten sind die Corona-Maßnahmen aber immer noch zu streng. Sie zielen stattdessen auf eine Herdenimmunität ab und wollen nicht gefährdeten Gruppen wieder ein ganz normales Leben ermöglichen. Deutsche Virologen der Gesellschaft für Virologie (GfV) aus Erlangen halten das für eine gefährliche Idee - und schlagen Alarm.

Herdenimmunität statt Corona-Beschränkungen: Forscher aus USA und Großbritannien mit gefährlicher Forderung

Unter den Virologen, die sich zur Strategie der Herdenimmunität äußerten, ist auch Christian Drosten von der Berliner Charitè. Anlass der Stellungnahme ist die so genannte Great-Barrington-Erklärung, in der drei Forscher aus den USA und Großbritannien die Maßnahmen gegen das Coronavirus kritisieren.

„Der einfühlsamste Ansatz, bei dem Risiko und Nutzen des Erreichens einer Herdenimmunität gegeneinander abgewogen werden, besteht darin, denjenigen, die ein minimales Sterberisiko haben, ein normales Leben zu ermöglichen, damit sie durch natürliche Infektion eine Immunität gegen das Virus aufbauen können, während diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, besser geschützt werden“, heißt es in der Great-Barrington-Erklärung.

Die Herdenimmunität zielt darauf ab, dass ein Großteil der Bevölkerung an Covid-19 erkrankt und so Immunität erlangt, wodurch eine Verbreitung des Coronavirus verlangsamt würde.

Herdenimmunität statt Mundschutz: Deutsche Virologen warnen davor, die aktuellen Corona-Maßnahmen fallen zu lassen (Symbolbild).

Die Gesellschaft für Virologie hat dabei grundsätzlich nichts gegen Vorschläge zur Bekämpfung des Coronavirus, die von der aktuellen Strategie abweichen. „Wir respektieren abweichende Haltungen, die einzelne KollegInnen in den Medien und sozialen Netzen vertreten, da kontroverse Diskurse Wesensmerkmal sowohl der Wissenschaft als auch der Demokratie sind“, schreiben die Virologen. Auch im Südwesten steht die Corona-Verordnung immer wieder auf dem Prüfstand. Zuletzt verordnete das Wissenschaftsministerium eine Prüfung der Corona-Maßnahmen in Baden-Württemberg.* Die GfV lehnt den Ansatz der Herdenimmunität trotzdem entschieden ab - und nennt dafür mehrere Gründe.

Deutsche Virologen warnen vor Ziel der Herdenimmunität und halten an aktueller Corona-Strategie fest

 „Mit Sorge nehmen wir zur Kenntnis, dass erneut die Stimmen erstarken, die als Strategie der Pandemiebekämpfung auf die natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsteile mit dem Ziel der Herdenimmunität setzen“, schreiben die Virologen der GfV. Demnach würde eine unkontrollierte Durchseuchung mit dem Coronavirus zu einer eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen. Die Virologen befürchten, dass bei steigenden Neuinfektionen die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verloren geht - bis zur Überlastung des Gesundheitssystems.

Zudem beschreibt die Great-Barrington-Erklärung die Risikogruppen nach Ansicht der Virologen zu homogen. Neben älteren Menschen gebe es noch weitere Risikogruppen, die teils sogar noch unerkannt seien - und dementsprechend gar nicht gegen das Coronavirus abgeschirmt werden könnten. Die GfV nennt unter anderem Übergewicht, Diabetes oder Krebs als Erkrankungen, die einen schweren Covid-19-Verlauf begünstigen.

Zweifel an der Immunität: Virologen fürchten bei unkontrollierter Durchseuchung ein Horroszenario

Die Virologen der GfV halten es derzeit ohnehin für unvernünftig, zu stark auf die Immunität nach einer überstandenen Infektion mit dem Coronavirus zu setzen. Denn wie lange eine Immunität gegen Covid-19 anhält und ob eine wenig symptomatische Infektion überhaupt immun gegen das Coronavirus macht, sei noch nicht zuverlässig erwiesen.

Die GfV betont in ihrer Stellungnahme, dass sie sich der enormen Belastung der momentanen Corona-Beschränkungen für die Bevölkerung bewusst sind. Dennoch sind die Virologen überzeugt, „dass die Schäden, die uns im Falle einer unkontrollierten Durchseuchung unmittelbar aber auch mittelbar drohen, diese Belastungen um ein Vielfaches überträfen und in eine humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe münden können.“

Kampf gegen das Coronavirus: Deutsche Virologen setzen auf aktuelle Maßnahmen und einen Impfstoff

In ihrem Fazit stellen sich die Virologen entschlossen gegen die unkontrollierte Durchseuchung mit dem Ziel der Herdenimmunität. Die GfV „hält das Anstreben der Herdenimmunität ohne Impfung für unethisch sowie medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochriskant.“

Anders sehen das die Verfasser der Great-Barrington-Erklärung. Nach Ansicht der Forscher aus den USA und Großbritannien kann die Herdenimmunität „durch einen Impfstoff unterstützt werden, ist aber nicht davon abhängig.“ Für sie stehen die negativen Folgen der Corona-Maßnahmen in keinem Verhältnis zu deren Wirkung.

„Die Beibehaltung dieser Maßnahmen bis ein Impfstoff zur Verfügung steht, wird irreparablen Schaden verursachen, wobei die Unterprivilegierten unverhältnismäßig stark betroffen sind“, so die drei Forscher in ihrer Erklärung. Baden-Württemberg rechnet indes Ende 2020 mit einer Corona-Impfung und trifft intensive Vorbereitungen.* Die Landesregierung will bis dahin Spritzen und Kanülen für mehrere Millionen Euro beschaffen. (*BW24 ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks)

Rubriklistenbild: © picture alliance/Christophe Gateau/dpa

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