War der Lockdown überflüssig?

Neuer Virologen-Streit: Streeck bezeichnet Lockdown als Fehler - Drosten widerspricht heftig

War alles übertrieben? Virologe Hendrik Streeck hinterfragt den Lockdown in Deutschland. Kollege Christian Drosten hat eine andere Ansicht.

Update vom 5. Juli: Seit Virologen durch die Corona-Krise in der Öffentlichkeit stehen, werden sie auch von allen Seiten kritisiert. Ein Kardiologe teilte gegen Christian Drosten und Co. aus. Entfacht er damit wieder einen neuen Experten-Streit?

Neuer Virologen-Streit: Streeck bezeichnet Lockdown als Fehler - Drosten widerspricht heftig

Update 12. Juni: Neuer Gegenwind für Virologe Hendrik Streeck. Nicht nur Hygiene-Professor Klaus-Dieter Zastrow kritisiert ihn für seine Kritik am Lockdown (siehe Update vom 11. Juni). Auch Kollege Christian Drosten distanzierte sich nun indirekt von Streeck*. In seinem Podcast sprach er über eine Studie, nach der in Deutschland ohne den Lockdown bis zu 570.000 Menschen hätten sterben können. In elf europäischen Ländern sogar 3,1 Millionen. Wohlgemerkt: Bis Anfang Mai! 

Das wäre schon eine erheblich andere Einschätzung der Gefährdungslage als sie Hendrik Streeck gezeichnet hat. 

Haben unterschiedliche Ansichten hinsichtlich des Lockdowns in Deutschland. 

Hygiene-Professor wirft Virologen grobe Fehler vor

Update 11. Juni 2020: War der Lockdown tatsächlich übertrieben? Virologe Hendrik Streeck hat mit seiner Aussage einen Streit unter Experten angezettelt. Hygiene-Professor Klaus-Dieter Zastrow stimmt ein - wirft seinerseits aber vor allem Streecks Zunft, den Virologen, grobe Fehler vor. 

In einem Interview mit der Welt (Artikel hinter Bezahlschranke) äußerst sich Zastrow verwundert über Streecks Lockdown-Schelte: „Es verblüfft mich ein wenig, dass er das tut. In erster Linie haben die Virologen, und das RKI gleich mit, wochenlang Sinn und Zweck des Mund- und Nasenschutz infrage gestellt.“ Acht bis zwölf Wochen hätten Virologen das getan. Da habe es außer dem Lockdown dann keine andere Möglichkeit gegeben.

Auch Streecks Aussage ein Mundschutz sei ein Bakterienherd (siehe unten), fegt der Hygieneprofessor vom Tisch. „Virologen haben nicht die blasseste Ahnung von Hygiene und erzählen dann so einen Quatsch“, wettert Zastrow. Das Knautschen der Mundschutzmasken in der Hosentasche mache nichts aus. Wenn die Keime keine Feuchtigkeit hätten und keine Temperatur über 37 Grad, passiere seiner Meinung nach nichts.

Zastrow, Professor am Hygiene-Institut Berlin, gilt als einer der führenden Wissenschaftler für Hygiene-Konzepte für Kliniken. „Wir wussten zwar wenig von Corona, aber wir kennen die Hygiene und die seit 2000 Jahren“, erklärte er. Hygienemaßnahmen seien erprobt, durch Literatur hinterlegt - da gebe es nicht den geringsten Zweifel

Eine zweite Corona-Welle fürchtet Zastrow nach eigenen Angaben nicht. Jetzt kämen keine 40.000 Skifahrer aus dem Urlaub zurück - zudem werde kein Karneval gefeiert. 

Virologe Streeck stellt alles in Frage: Corona-Lockdown sei ein Fehler gewesen

Update 10. Juni 2020, 9.15 Uhr: Der Virologe Hendrik Streeck kritisiert nun in einem Interview mit der Osnabrücker Zeitung (hinter Bezahlschranke), den kompletten Lockdown und die daraus resultierenden Folgen in Deutschland. Bereits nach dem Verbot von Großveranstaltungen seien die Infektionszahlen zurückgegangen. „Die weiteren Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen hätte ich dann vom tatsächlichen Verlauf abhängig gemacht, auch um zu sehen, wie die einzelnen Beschränkungen wirken und ob zusätzliche Schritte wirklich nötig sind“, erklärt der Virologe dem Blatt. 

Streeck sieht auch Maskenpflicht und Corona-App kritisch

Stattdessen sei Deutschland „zu schnell in den Lockdown gegangen“, weil neben der Sorge um die Kapazität der Krankenhäuser „ein gewisser Druck in der Öffentlichkeit“ bestand, so Streeck. Er ist sich jedoch auch sicher, dass, sollte es zu einer zweiten Corona-Welle kommen, die Maßnahmen nicht wieder so stark ausfallen werden. 

Den Start Corona-App empfindet Streeck nicht nur als ein „bisschen spät“ - sondern zweifelt auch an der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit des Mittels: Es sei unklar, „ob sie überhaupt etwas dazu beitragen kann, in Deutschland eine Pandemie zu kontrollieren“.

Ebenso äußert Streeck Kritik an der Maskenpflicht: „Am Anfang der Pandemie wurde ja dezidiert gewarnt vor Masken. Die Gründe dafür gelten immer noch, auch wenn sie merkwürdigerweise keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Die Leute knüllen die Masken in die Hosentasche, fassen sie ständig an und schnallen sie sich zwei Wochen lang immer wieder vor den Mund, wahrscheinlich ungewaschen. Das ist ein wunderbarer Nährboden für Bakterien und Pilze.“

Die Öffnung von Schulen und Kitas sieht er dagegen nicht kritisch: „Kinder sind nicht die großen Virenschleudern“. Virologisch sei zur Frage der Öffnung alles gesagt. „Die Entscheidung muss nun politisch getroffen werden. Lehrer jedenfalls haben kein höheres Infektionsrisiko als andere Berufsgruppen, die in vergleichbarer Weise mit Menschen arbeiten.“

Während sich Virologe Streeck fragt, ob der Lockdown womöglich unnötig war, gibt die Entwicklung der Reproduktionszahl in den vergangenen drei Tagen Anlass zur Sorge. 

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Zweite Corona-Welle: Virologe Streeck stellt mit einer Prognose alles auf den Kopf

Update 7. Juni 2020: In einem neuen Statement zeigte sich der Virologe Hendrik Streeck erneut zuversichtlich. Er erkennt die Chance auf eine Teilimmunität in der Bevölkerung*, die in den Sommermonaten in Deutschland aufgebaut werden könne. Diese Teilimmunität könnte dann den weiteren Verlauf der Pandemie abschwächen. Gleichzeitig warnte er jedoch, dass die Hoffnung auf einen rasch zur Verfügung stehenden Impfstoff trügerisch sein könne. Umso wichtiger sei es, dass die Bevölkerung eine Immunität aufbaue.

Neue Prognose zu zweiter Corona-Welle von Virologe Streeck stellt alles auf den Kopf

München - Mit dem Sommer steht uns die geselligste Zeit des Jahres bevor. Die kletternden Temperaturen laden zu gemeinsamen Unternehmungen im Freien wie etwa Grillabenden oder Schwimmausflügen. Unter dem Einfluss der Corona-Krise wird all das diesmal jedoch anders aussehen. Abstandhalten lautet das Gebot der Stunde. Es wird wohl ein äußerst gewöhnungsbedürftiger Sommer - obwohl vielerorts Touristen wieder gern gesehen sind und die meisten Landesgrenzen überquert werden dürfen.

Dennoch gilt: Überlaufene Strände und proppenvolle Hotels oder Campingsplätze? Nicht in diesem Sommerurlaub*. Schließlich wird es wegen des längst noch nicht völlig erforschten Virus SARS-CoV-2 zahlreiche Einschränkungen geben. Alle beschlossenen Maßnahmen der vergangenen Wochen werden schließlich begleitet von der Furcht, eine zweite Infektionswelle loszutreten, die auch solch bewährte Gesundheitssysteme wie das in Deutschland an die Grenzen führen könnten.

Video: Immer mehr Freibäder öffnen trotz Corona-Krise

Virologe Streeck über Corona-Zukunft in Deutschland: Im Sommer wohl weniger Übertragungen

Da tut es gut, wenn einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Virologie die omnipräsente Drohung einordnet. Hendrik Streeck hat das im Interview mit dem General-Anzeiger getan und kommt zu dem Schluss: „Eine Welle bedeutet ja, das einen etwas überrollt. Ich glaube nicht, dass wir so ein Phänomen sehen werden.“

Der 42-Jährige geht ohnehin davon aus, dass uns Wochen der Corona-Entspannung bevorstehen werden: „Im Übrigen nehme ich auch an, dass wir zum Sommer geringere Übertragungen sehen. Das zeigt der Blick auf die Südhalbkugel.“ Für die Staaten also, die gerade auf ihren Winter zusteuern, bilanziert Streeck: „In Australien sahen wir bis vor Kurzem, dass nur 20 Prozent der Übertragungen im Inland, 80 Prozent im Ausland erworben wurden. Das ändert sich gerade. Auch Südamerika wird gerade zum Hochepidemiegebiet.“

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Virologe Streeck: Warmes Wetter erschwert Ausbreitung von Coronaviren

Das Wetter spiele dabei eine Rolle. Heißt: Höhere Temperaturen erschweren laut Streeck Coronaviren die Verbreitung - das gelte nicht nur für die neue Art, die den Menschen rund um den Globus derzeit das Leben erschwert. Zugleich warnt der gebürtige Göttinger aber auch: „Ich denke, dass wir im Herbst wieder vermehrt Infektionen sehen werden.“

Insgesamt aber gelte: „Ich glaube, was sehr viel wahrscheinlicher ist, ist gar keine zweite Welle. Sondern wir werden immer mal, wie wir das jetzt auch beobachten, Hotspot-Ausbrüche sehen. Vielleicht mal 100 Leute, die auf einmal infiziert waren, und es nicht mitgekriegt haben.“ Auch deshalb steht für ihn fest: Wir werden uns auf ein Leben mit SARS-CoV-2 einstellen müssen.

Virologe Streeck: Corona-Forscher suchen nach Immunantworten auf Virus

Darauf zielt auch die Forschung* ab. „Aktuell arbeiten wir sehr viel hier im Labor und versuchen die Immunantworten auf das Virus besser zu verstehen, also welche Immunantworten effektiv gegen das Virus sind und welche nicht“, erklärt Streeck im General-Anzeiger. Es gehe also generell um die Frage, „wie und ob Menschen nach einer SARS-CoV-2-Infektion geschützt sind“.

Einen Beitrag dazu sollte auch die so genannte Heinsberg-Studie leisten. In dieser war ein Team um Streeck der Dunkelziffer im ersten deutschen Corona-Hotspot nahe der niederländischen Grenze auf den Grund gegangen. Dabei sollte aufgedeckt werden, wie viele Menschen unbewusst an Covid-19 erkrankten und eine entsprechende Immunität* aufbauten.

Einstige Corona-Krisenregion: Im nordrhein-westfälischen Heinsberg entstand früh ein Hotspot der Pandemie.

Regelmäßig gibt es zum Coronavirus neue Studien. Eine neue zeigt Erschreckendes: Infizierte haben nach Operationen ein erhöhtes Sterberisiko.

Corona-Experte Streeck verteidigt sich: „Heinsberg-Studie kam im Ausland gut an“

Das mutmachende Ergebnis wurde im Nachgang öffentlich sehr kritisch beäugt, was Streeck so nicht stehen lassen will: „Die Studie hält bei Fachleuten vollkommen Stand und findet weltweit große Beachtung. Dieser Fakt zählt.“ Zudem stellte er klar: „Im Ausland, in den USA und europäischen Ländern kam die Studie übrigens gut an und fließt bereits in Metaanalysen ein.“

Auch für seine Reputation sei die Heinsberg-Studie ein Gewinn gewesen: „Ich bin der Virologe, der die meisten Patienten gesehen hat, die an Covid-19 erkrankt sind. So habe ich gelernt, das Virus besser einzuschätzen.“ Folglich würde er nun „weder Warnung noch Entwarnung geben“.

Auf einem IKEA-Parkplatz in Hessen feierten unterdessen Hunderte Muslime das Ende des Ramadan. Der Grund? Corona.

Virologe Streeck über Corona-Zukunft: Keine Einmischung bei Entscheidungen über Lockerungen

Bei Fragen zu Lockerungen will sich Streeck aber keinesfalls einmischen: „Die Entscheidung zur Normalität ist eine, die mittlerweile ganz weggerückt ist von der Virologie.“ Dafür seien ausschließlich die Personen zuständig, „die dafür gewählt worden sind, solche Entscheidungen zu treffen und alle Gesichtspunkte abwägen zu können“. Also die Politiker.

Mit den Eindrücken und Schlussfolgerungen des Virologen von der Universität Bonn dürften sich diese jedoch durchaus leichter tun. Streecks Tipp: „Bei diesem Virus muss man anfangen darüber nachzudenken, wie wir damit leben können und auch Strategien in diesem Sinne zu entwerfen. Gesellschaftlich ist die beste und fairste Strategie, darauf zu schauen, was unsere Intensivkapazitäten sind, weil wir jedem Menschen die optimalste Versorgung zugute kommen lassen wollen.“

Ein anderer Virologe aus Deutschland dämpft jetzt alle Erwartungen zu einem Impfstoff - „so einen wird es vielleicht nie geben“.

In Göttingen gab es einen massiven Corona-Ausbruch - rund 160 Menschen befinden sich in Quarantäne, darunter auch 57 Kinder und Jugendliche.

Virologe Streeck über Corona-Zukunft: „Beste Kenngröße sind Intensivbetten“

Bei der Eindämmung des Virus würde er eher abrücken vom Blick auf den R-Wert, also die Reproduktionszahl*. Denn dabei handele es sich um einen „hypothetischen Wert, der ganz extrem davon abhängt, wie viel getestet wird“. Stattdessen fordert Streeck, den Fokus auf die Härtefälle zu legen: „Die beste Kenngröße sind die Intensivbetten, denn um die geht es am Ende.“ Das gilt dann für jede Jahreszeit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt die Corona-Kontrolle an die Länder ab - doch bei drei Punkten bleibt sie hart. Der deutschen Gastronomie droht eine gigantische Pleitewelle.

Alt-Kanzler Gerhard Schöder hätte nach eigenen Angaben in der Corona-Krise eine Sache besser gewusst als Merkel. Wegen des Touristen-Ansturms bittet eine Nordsee-Stadt bereits um eine Pause. Im ZDF-Talk von Markus Lanz wirft ein Gast Merkel „Märchen“ vor.

Markus Söder wird nach dem Ende der Maskenpflicht gefragt und reagiert mit einer extremem Antwort. Wie schnell verbreitet sich das Coronavirus? Nun gibt es eine düstere Aussage zur Maskenpflicht.

Einen immens großen Einfluss auf die Virus-Ausbreitung in Deutschland attestiert eine Studie dem Corona-Hotspot Ischgl. Forscher haben neue Indizien entdeckt, dass das Coronavirus schon ab August in Wuhan kursierte.

Die Berliner Polizei veröffentlichte einen eigenen Corona-Song. Er kommt bei der Bevölkerung gut an. Und es wird weiter musikalisch: Auch Christian Drosten hat jetzt einen eigenen Song - er soll auch seine Arbeit würdigen.

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mg

Rubriklistenbild: © dpa/Federico Gambarini / dpa/Michael Kappeler

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