Blutige Proteste nach Koranverbrennung

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Der radikale Prediger Terry Jones

Kabul - Er zündelte in den USA, jetzt brennt es in der islamischen Welt: Zwei Wochen nach der Koranverbrennung des radikalen Predigers Terry Jones sterben bei Protesten in Afghanistan viele Menschen.

In Afghanistan halten die Proteste gegen eine Koranverbrennung in den USA an. Bei schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in der südafghanischen Stadt Kandahar kamen am Samstag nach offiziellen Angaben neun Menschen ums Leben. Mehr als 80 weitere wurden verletzt. Proteste am Sonntag verliefen nach Behördenangaben dagegen weitgehend friedlich. Nur vereinzelt seien Polizisten mit Steinen beworfen worden, hieß es. Bereits am Freitag hatten aufgebrachte Muslime in Masar-i-Scharif im nordafghanischen Einsatzgebiet der Bundeswehr das Regionalbüro der Vereinten Nationen gestürmt und sieben Ausländer getötet.

Bilder der Proteste in Afghanistan

Blutige Proteste nach Koranverbrennung

Auslöser der Proteste war eine Aktion des radikalen Predigers Terry Jones in Florida. Der umstrittene Prediger hatte nach Angaben der “New York Times“ schon am 20. März einen Koran in seiner Gemeinde verbrannt. Dies war jedoch zunächst weitgehend unbemerkt geblieben, da US-Medien sehr zurückhaltend darüber berichtet hatten. Jones hatte im Vorjahr weltweit für Aufsehen gesorgt, als er den Koran am Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September verbrennen wollte. Die Aktion wurde damals im letzten Moment gestoppt.

US-Präsident Barack Obama verurteilte unterdessen die Koranverbrennung und die Racheakte in Afghanistan. Laut einer Mitteilung des Weißen Hauses vom Samstag erklärte er: “Die Schändung jedes heiligen Textes, einschließlich des Koran, ist ein Akt extremer Intoleranz und Bigotterie“. Jedoch sei es auch schändlich, als Antwort darauf unschuldige Menschen anzugreifen und zu töten. Keine Religion toleriere das Abschlachten und Enthaupten unschuldiger Menschen, sagte Obama. Dafür gebe es keine Rechtfertigung.

Jones wies jede Verantwortung für die blutigen Reaktionen zurück. “Wir wollten das Bewusstsein für diese gefährliche Religion schärfen“, sagte der Prediger dem US-Sender ABC. Für die tödliche Attacke auf das UN-Büro in Masar-i-Scharif “fühlen wir uns nicht verantwortlich“. Der Angriff “zeigt, dass es ein radikales Element im Islam gibt“. Bei der Verbrennung des heiligen Buches der Muslime habe es sich um einen “Gerichtsprozess“ gegen den Koran gehandelt, bei dem die Schrift “schuldig“ befunden worden sei.

Im südafghanischen Kandahar protestierten am Samstag mehr als 2000 Menschen gegen die Koranverbrennung. Die Polizei hatte zunächst mit Schüssen in die Luft versucht, die Menge unter Kontrolle zu bringen. Die Menge bewarf daraufhin die Sicherheitskräfte mit Steinen, wie ein Sprecher der Regionalregierung mitteilte. Aus der Gesundheitsbehörde verlautete, die Toten hätten Schussverletzungen gehabt.

Nach Ansicht der afghanischen Behörden waren die Menschen aufgewiegelt worden. “Das waren keine Demonstranten, das waren Opportunisten, die Schaufenster zertrümmert und Autos in Brand gesteckt haben“, sagte Ahmad Wali Karsai, Chef des Provinzrates von Kandahar und Bruder von Staatschef Hamid Karsai. Auch eine Mädchenschule sei in Flammen aufgegangen. Auch der Präsident verurteilte die Gewalt, machte aber gleichzeitig deutlich, dass jeder Afghane das Recht habe, an friedlichen Protesten teilzunehmen.

Eine wütende Menschenmenge hatte am Freitag das UN-Büro in der Stadt Masar-i-Scharif gestürmt. Dabei starben sieben ausländische UN-Helfer, unter ihnen eine norwegische Pilotin und ein schwedischer Jurist. Der russische Büroleiter wurde verletzt, wie aus der Botschaft Russlands in Kabul verlautete. Auch fünf Angreifer kamen bei dem Überfall ums Leben. Wie ein Vertreter der afghanischen Polizei mitteilte, wurden einige der UN-Mitarbeiter enthauptet. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilte den Überfall und forderte von der afghanischen Regierung eine lückenlose Aufklärung. Die Verantwortlichen müssten gefunden und bestraft werden. Auch andere Staaten forderten ein hartes Durchgreifen Kabuls.

dpa

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