Spiegel-Interview

Berliner Fotograf lästert über Kleinstadt - Bewohner kontern

Syke - Tristesse pur: So inszeniert der Berliner Fotograf Jo Fischer eine niedersächsische Kleinstadt - dann lästert er im Spiegel über Syke. Zu viel für Lokalzeitung und Bewohner.

„In Syke gibt es keine schönen Fassaden, glauben Sie mir.“ Da kommt einer aus dem großen Berlin und sagt so etwas über die eigene Kleinstadt - über Syke, Landkreis Diepholz, Niedersachsen. Das provoziert, das schreit nach einem Gegenbeweis. Und Syke liefert ihn.

Aber von vorne: Der Fotograf Jo Fischer verbrachte in Syke, 40 Autominuten südlich von Bremen, acht Wochen. Er porträtierte überwiegend Senioren und die Landschaft rund um die 25.000-Einwohner-Stadt. Es sind trübe, triste Bilder in schwarz-weiß: dunkle, faltige Gesichter, weißer Rauch über einem schwarzen Weiher, vereinzelte Bäume auf weiten, nebligen Feldern.  

Was Fischer an Syke fasziniert? „Nichts“

Fischer war auf Einladung des "Syker Vorwerks" nach Niedersachsen gereist, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst. In einem Spiegel-Interview spricht er nun über seine Ausstellung. Auf die Frage, was ihn an Syke fasziniere, sagt er knapp: „Nichts.“ Er habe Menschen fotografieren wollen, die Orte seien zweitrangig. Fischer fühlte sich phasenweise „verzweifelt und einsam“, wie er sagt. Den Menschenschlag in Syke bezeichnet er als „wortkarg und verschlossen“. Und dann fällt noch der Satz über die Fassaden. Zu viel für die Syker und die lokalen Journalisten.

Fotostrecke als Gegenbeweis: „So schön ist Syke.“

Nachdem der Berliner Fotograf Jo Fischer behauptete, in Syke gebe es keine schönen Fassaden, ließ die Kreiszeitung ihre Leser Fotos einsenden. Das Motto: „So schön ist Syke.“

Unsere Partnerzeitung Kreiszeitung rief ihre Leser zum Konter auf, sie sollen Fotos einschicken, ganz nach dem Motto: „So schön ist Syke!“ Auf einmal ist Syke farbig, voll goldenem Herbstlaub, die Blumen blühen, die spitzen Backsteinhäuschen und das Fachwerk gleicht einer Filmkulisse, einem Freilichtmuseum. Die Redaktion erreichten über 180 Einsendungen. Fand die Ausstellung anfangs noch ästhetischen Anklang, ist die Empörung nach Fischers Interview nun groß.

Weltmetropole gegen Provinz - zwei klassische Fronten

„Von wegen Tristesse“, kommentiert ein Redakteur und wird ironisch: Das historische Fachwerk könne mit dem „morbiden Charme von Kreuzberg“ eben nicht mithalten. Auch auf Facebook und in den Kommentarspalten von Spiegel und Kreiszeitung erntet Fischer mehr Kritik als Zustimmung. Welt-Metropole gegen Provinz - zwei Fronten, die sich gerne gegenüberstehen. Auch das reflektieren die Syker auf Facebook.

Historisches Fachwerk: Die Leser schickten der Kreiszeitung über 180 Fotos, die Syke von seiner schönen Seite zeigen.

Das Feedback aus Syke sei überwiegend positiv, sagt der Fotograf. Die „Melancholie“ seiner Bilder sei dem Herbst und dem Schwarz-Weiß-Filter geschuldet. Warum der 46-Jährige im Nachhinein derart negativ über die Stadt spricht? Vielleicht, weil er ursprünglich eine Porträtreihe geplant hatte und sich viele Menschen nicht von ihm fotografieren lassen wollten. Erst im Seniorenheim stieß er auf bereitwillige Motive. 

Eines der Fotos von Jo Fischer finden Sie hier bei den Kollegen von kreiszeitung.de.

„Ich durfte mich richtig austoben.“

Mit dem Gesamt-Resultat ist Fischer trotzdem zufrieden: „Ich durfte mich zum ersten Mal in meiner Karriere richtig austoben.“ Jetzt toben die Syker.

Tobias Gmach

Rubriklistenbild: © Jörg Michelson

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