Debatte um gerechte Verteilung der Impfstoffe

Dritte Corona-Impfung: Besonders für eine Gruppe wäre sie sinnvoll - „Nach vier Wochen kaum noch Antikörper“

Einmal geimpft, zweimal geimpft, dann wird das Virus vom eigenen Körper ausgesperrt. Doch Delta macht diesem Traum einen Strich durch die Rechnung. Dieoffenbar bislang beste Lösung: eine dritte Impfung.

München - Sie sind schon recht heimtückisch, SARS-CoV-2 und seine diversen Mutationen*. Viele Menschen merken überhaupt nicht, dass sie sich infiziert haben, können das Coronavirus* aber weitergeben. Und als würde das die ganze Pandemie nicht schon kompliziert genug machen, scheint sich der Störenfried auch erfolgreich gegen die weltweit in Schwung gekommene Impfkampagne zu stemmen.

„Wir müssen uns davon verabschieden, dass ein vollständig geimpfter Mensch kein Virus überträgt“, wird Leif Erik Sander von der Charité Berlin in der SZ zitiert. Damit spielt der Impfstoffforscher, der auch schon auf der Bundespressekonferenz neben Gesundheitsminister Jens Spahn und dem Chef des Robert-Koch-Instituts*, Lothar Wieler, Platz nahm, auf die Delta-Variante an. Die zunächst in Indien festgestellte Mutation zeichnet längst auch in Deutschland für den Großteil der Infektionen verantwortlich.

Dritte Corona-Impfung sinnvoll: „Vollständig Geimpfte können sich infizieren und Virus weitergeben“

Was ein großes Problem ist: Denn der Urtyp und alle anderen bekannten Varianten hinterließen bei Geimpften bei einer Ansteckung nur eine geringe Zahl von Erregern in den oberen Atemwegen. Daher war das Infektionsrisiko wahrscheinlich deutlich vermindert. Nun aber sagt Sander: „Man muss davon ausgehen, dass einige vollständig Geimpfte sich infizieren können, nicht krank werden, aber das Virus weitergeben.“

Um dem entgegenzuwirken, wird lebhaft über eine Impfauffrischung debattiert. Vorreiter für den dritten Piks gerade bei Personen aus den Risikogruppen ist Israel, das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jedoch schon ermahnt wurde, solidarischer mit den vorhandenen Ressourcen* umzugehen. Schließlich sitzen weite Teile der Welt in Sachen Corona-Vakzine noch immer auf dem Trockenen.

Dritte Corona-Impfung sinnvoll: Schutz vor schweren Krankheitsverläufen sinkt offenbar

Laut Sander würden Daten aus Israel*, das eben frühzeitig einen großen Teil der Bevölkerung geimpft hatte, darauf schließen lassen, dass sogar der Impfstoffschutz vor schweren Krankheitsverläufen sinke. Alarmierend. Zumal ja die besonders gefährdeten Bürger bereits vor Monaten immunisiert worden sind.

Sander hält daher eine dritte Impfung für ratsam. Dabei kann er auch auf eine Studie aus Deutschland zurückgreifen. Gemeinsam mit Kollegen deckte der Lungenarzt auf, dass Abwehrkräfte bei älteren Menschen schon kurz nach der Impfung nachlassen.

Dritte Corona-Impfung sinnvoll: „Nach vier Wochen kaum noch Antikörper im Blut“

Untersucht wurde ein Corona-Ausbruch in einem Pflegeheim im Frühjahr. 16 der 20 Bewohner hatten sich infiziert, wiesen in den meisten Fällen aber glücklicherweise nur leichte Symtpome auf.

Das Forscherteam fand jedoch Erschreckendes heraus. „Vier Wochen nach der zweiten Impfung hatte ein großer Teil dieser Gruppe kaum noch messbare Antikörpermengen im Blut“, betont Sander. Hierbei handelt es sich quasi um die erste Eingreiftruppe, wenn sich ein ungebetener und gesundheitsgefährdender Gast im Körper breitmachen will. Antikörper stemmen sich einer Infektion entgegen.

Alle weiteren Abwehrkräfte können lediglich einen schweren Krankheitsverkauf verhindern. Doch dann ist das Virus eben schon im Körper und kann diesen Wirt nutzen, um zu einem weiteren überzuspringen.

Dritte Corona-Impfung sinnvoll: Auffrischung wohl mit vorhandenen Präparaten möglich

In der SZ spricht sich auch Christine Dahlke, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Klinische Infektionsimmunologie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, für eine dritte Impfung aus. Denn festzustellen sei: „Nach einer Auffrischung gehen die Antikörper jedoch wieder hoch.“ Und eine Dreifachimpfung sei bei anderen Impfungen durchaus auch üblich.

Erst die danach verfügbaren Daten werden zeigen, ob es damit getan ist oder bestimmten Bevölkerungsgruppen ein wahrer Impf-Marathon bevorsteht. Zumindest hält es Sander für problemlos, einen der bisher vorhandenen Impfstoffe für die Auffrischung* heranzuziehen. Womöglich wäre auch eine reduzierte Dosis möglich.

Aufgrund des Mangels an Vergleichsdaten ist das jedoch lediglich eine Vermutung. Aber eine, die auch bei der WHO sehr gut ankommen sollte. Denn Sander hat das Dilemma der Welt verstanden: „Es ist als Arzt ethisch sehr schwierig, die eigenen Patienten zu versorgen und auf Nummer sicher zu gehen, während es in vielen anderen Teilen der Welt noch an der Grundversorgung fehlt.“ (mg) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Daniel Karmann/dpa

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