Motiv einen Monat nach Massaker immer noch unklar

58 Tote und mehr als 500 Verletzte in Las Vegas - und warum?

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Eine Konzertbesucherin sitzt am 02.10.2017 in Las Vega (Nevada, USA) nahe des Mandalay Bay Resort und Casinos am Las Vegas Strip.

Einen Monat liegt das monströse Verbrechen von Las Vegas am Mittwoch zurück. Über den Attentäter weiß man heute fast alles - bis auf sein Motiv. Ermittler und Angehörige sind frustriert, viele Überlebende kämpfen verzweifelt.

Die perfekte Hülle ist längst wieder geschlossen. In kaltem Gold steht das „Mandalay Bay“ in der Sonne von Las Vegas. Die beiden eingeschlagenen Hotelfenster gibt es nur noch auf Bildern. Hier eröffnete Stephen Paddock in der Nacht zum 2. Oktober das Feuer auf gut 20 000 Gäste eines gegenüberliegenden Festivals, 120 Meter entfernt, mit - in Amerika - handelsüblichen Schnellfeuerwaffen. 58 Menschen starben, mehr als 500 werden verletzt. Warum Paddock das tat, bevor er sich selbst erschoss, weiß bis heute niemand.

Stellvertretend für viele Hinterbliebene sagt Gus Castilla zu CNN: „Es hat überhaupt keinen Sinn. Warum, warum ist das alles passiert? Das ist die große Frage: warum?“ Castillas Tochter Andrea starb im Kugelhagel. Sie wurde in den Kopf geschossen.

Es ist sehr selten, dass nach einem so monströsen Verbrechen so wenig, genaugenommen nichts, über das Motiv bekannt ist. „Eigentlich weiß man 24 bis 48 Stunden nach so einer Tat immer einigermaßen über das Motiv Bescheid“, sagt Ex-Ermittler Art Roderick US-Medien. Sogenannte shootings, bei denen mehrere Menschen von Kugeln getötet werden, sind in den USA an der Tagesordnung. Las Vegas aber war das folgenreichste Verbrechen der jüngeren US-Geschichte.

Weit über 1000 Spuren gingen die Ermittler nach. Sie wissen, dass Paddock professionell spielte, dass er sich einmal rühmte, bester Video-Pokerspieler der Welt zu sein. Oft zockte er nachts und schlief am Tag. Er war vermögend, das Geld stammte vom Spielen und aus Immobiliengeschäften. Er hing wohl keiner politischen oder religiösen Ideologie an, galt als verschlossen bis unfreundlich, war Buchhalter bei Lockheed Martin und Sohn eines Bankräubers und besaß eine Pilotenlizenz. Und er mochte wohl das gedämpfte Gepränge von Luxushotels und Casinos.

All das aber hilft bei der Frage nicht weiter, warum Paddock zwei Dutzend Gewehre in zehn Koffern in das „Mandalay Bay“ schleppte, Zimmer 32135, dazu Stative, Zielfernrohre. Zwei Mal half ihm sogar ein Hotelangestellter mit dem Lastenaufzug. Vor mehr als 20 Jahren erwarb Paddock erste Waffen, ab Oktober 2016 dann schlagartig mehr. Er kaufte in Nevada und Utah, in Texas und Kalifornien. Passierte jeden Check, wurde nie auffällig, keine Überprüfung ergab einen Verdacht.

In den Tagen bevor der 64-Jährige vom 32. Stock aus den Abzug ziehen und etwa zehn Minuten lang nur zum Nachladen loslassen sollte, wurde Paddock laut Sheriff Joe Lombardo von der Polizei in Las Vegas 200 Mal in der Stadt gesehen. Die Innenstadt von Las Vegas ist eine fast komplett videoüberwachte Zone, Paddock war immer allein unterwegs.

In und vor seiner Ecksuite platzierte Paddock schließlich selbst Kameras, um während der Tat den Gang einsehen zu können, blockierte eine Tür. Diese wollte Sicherheitsmann Jesus Campos kontrollieren. Er war einer der ersten, die in der Nacht von Paddocks Kugeln getroffen wurden. Ob er der erste war oder Paddock danach weiter aus dem Fenster schoss, darüber gehen die Darstellungen auseinander.

Gegen den Willen der Polizei veröffentlichte Fotos zeigen den toten Paddock auf dem Boden seines Zimmers. Notizen liegen auf einem sechseckigen Tisch: Berechnungen der Kugelflugbahn, um aus der Weite und der Höhe nicht zu tief zu zielen. Angeblich hatte er Leuchtspurmunition erwogen.

Bis heute möchte man sich nicht vorstellen, was sich unten auf dem ungeschützten Platz des Route 91 Harvest Festivals genau abgespielt hat. Zeugenaussagen und Videos legen Zeugnis ab, der Ton der Endlossalven erzeugt bis heute Gänsehaut. Menschen in Auflösung und Panik, woher kommen nur diese Schüsse, um sie herum fallen Besucher einfach um. Es gibt herzzerreißende Geschichten, echte Helden und grenzenlosen Mut. Und bei vielen Überlebenden nackte Verzweiflung.

Die „New York Times“ hat mit vielen gesprochen, die heute mit den Versicherungen um jeden Cent ringen. Die daran scheitern, in ein Leben danach zu finden. Die einen Rollstuhl bräuchten und ein anderes Badezimmer und einen Pfleger, aber am unbarmherzigen Gesundheitssystem dieses Landes zerschellen. Von all denen, die angeschossen oder in der Panik auf dem Platz verletzt wurden, liegen noch heute mehr als drei Dutzend im Krankenhaus.

Las Vegas ist keine Stadt für das Erinnern. Für viele ist es der perfekte Ort, um zu vergessen.

Welche Konsequenzen hat die Tat?

Welche Konsequenzen hat diese Tat? Nach Lage der Dinge nicht viele. Möglicherweise wird ein Plastikteil stärker reguliert werden, mit dem man, wie Paddock, eine bereits rasend schnell feuernde Waffe zu einer Art Maschinengewehr umrüsten kann. Ob diese „bump sticks“ aber wirklich verboten werden, ist offen. Sogar eine Angeschossene sagt der „New York Times“ aus dem Rollstuhl heraus, sie mache Paddock verantwortlich und niemanden sonst, nicht das Hotel und auch nicht die Waffenindustrie. „Ich habe nichts gegen Waffen“, sagt Kim Gervais. „Nur gegen ihn.“

Kurz wurden in der Stadt der Spieler für die Hotels, in Wirklichkeit bis ins letzte konfigurierte Kleinstädte, schärfere Sicherheitsmaßnahmen diskutiert, etwa Metalldetektoren wie an Flughäfen. Das galt dann rasch als nicht durchsetzbar.

Am zweiten Abend nach den Schüssen sagt eine Bedienung tief im Bauch des MGM Grand leise und unter Tränen: „Was sollen wir denn jetzt nur machen? Was kann man gegen solche Menschen tun? Wie ein nächstes Mal verhindern?“ Vier Wochen später stellen sich dieselben Fragen. Beantwortet sind sie nicht.

dpa

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