Stresstest für die Netze

Hitzewelle treibt Stromkosten in die Höhe

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Die Stromnetze geraten in der Hitze an ihre Kapazitätsgrenzen.

Berlin - Die Rekordhitze wird mancherorts zum Stresstest für die Stromnetze: In Polen drohen zeitweise die Lichter auszugehen, in Nordostdeutschland werden Kraftwerke zurückgefahren, weil viel Sonnenstrom ins Netz drückt.

Auf der großen Europakarte, wo jedermann im Internet schauen kann, ob bei der Stromversorgung alles glatt läuft, blinkt in Polen die Ampel mal wieder Rot. Was ist da los? Die Rekordhitze macht dem östlichen Nachbarn Deutschlands seit Tagen schwer zu schaffen.

Kohlekraftwerke müssen abgeschaltet werden, weil große Flüsse wie die Weichsel zu wenig Wasser zum Kühlen führen. Fabriken stehen still oder drosseln die Produktion, der schwedische Möbelhändler Ikea fährt in polnischen Filialen teils Klimaanlagen und Licht herunter, um Strom zu sparen. Auch werden weniger Köttbullar gekocht.

Na und, was geht mich das an, fragt sich vielleicht mancher deutscher Verbraucher, für den es selbstverständlich ist, dass der Strom Tag und Nacht aus der Steckdose kommt - egal, wie heiß oder kalt es draußen ist. Doch so einfach ist es nicht.

Denn die Probleme in Polen sind mit ein Grund dafür, dass die seit sechs Wochen anhaltende Super-Sommerhitze mal eben die Kosten der Energiewende um zweistellige Millionenbeträge in die Höhe treibt - und das müssen am Ende alle Stromkunden bezahlen.

Wie das? Die Antwort weiß Dirk Biermann. Er steht in der Leitzentrale des großen deutschen Netzbetreibers 50Hertz in Neuenhagen bei Berlin. Von hier aus wird die Stromversorgung von rund 18 Millionen Haushalten im Norden und Osten Deutschlands gesteuert und aufgepasst, dass das Stromnetz nicht zusammenbricht.

„Wir geben seit der Hitzewelle jeden Tag grob 2,5 Millionen Euro aus für grenzüberschreitende Eingriffe mit unseren Nachbarn, um das Netz stabil zu halten“, erklärt Biermann, der als Geschäftsführer bei 50Hertz für den Systembetrieb zuständig ist. Am 20. März herrschte in Neuenhagen schon mal Alarmstimmung, als die große Sonnenfinsternis eine ernste Bewährungsprobe war. Das deutsche Stromnetz bestand das mit Bravour.

Jetzt ist wieder eine knifflige Lage. Parallel zu den Problemen in Polen sorgt die Sonne dafür, dass im Norden und Nordosten die Photovoltaik-Anlagen sehr viel Sonnenstrom ins Netz einspeisen. Gleichzeitig kaufen Kunden aus Südosteuropa, vor allem aus Ungarn und Italien, an der Börse in Massen billigen deutschen Ökostrom, der über Polen abfließen soll. Doch die Leitungen sind verstopft - deshalb die rote Ampel, die in den vergangenen Tagen auf der Strom-Europakarte öfters angeht.

50Hertz muss im Verbund mit den Nachbarländern in seinem Netzgebiet grenzüberschreitend so stark in die Stromerzeugung eingreifen wie noch nie. Konventionelle Kraftwerke werden heruntergefahren, weil der Sonnenstrom Vorrang hat. Am Freitagnachmittag belaufen sich bei 50Hertz die Eingriffe zeitweise auf 5745 Megawatt - das entspricht rechnerisch etwa der Leistung von vier großen Atomkraftwerken.

Diese Eingriffe nennt man „Redispatch“, weil der in der Branche Dispatch genannte Fahrplan der Kraftwerke verändert wird. Sie sind teuer, weil die Stromkonzerne dafür entschädigt werden. Und die Privatkunden bezahlen das über die Netzentgelte, die im Strompreis enthalten sind.

„Über den Daumen hat uns die Hitzewelle bisher schon 25 Millionen Euro gekostet. Der Sommer ist noch nicht rum, da kann uns noch einiges blühen“, meint Biermann. Die Sommer-Problematik mit sehr viel Sonnenstrom und Netzengpässen ist für 50Hertz einigermaßen neu. Denn eigentlich geht es im Nordosten vor allem im Herbst und im Winter im Netz hoch her.

In den kalten, stürmischen Monaten speisen die Windräder an den Küsten besonders viel Strom ein, während in den Fabriken im Süden Deutschlands bei BMW, Daimler, Siemens & Co. noch mehr Energie gebraucht wird. Weil große Nord-Süd-Stromautobahnen wegen des Widerstands von Anwohnern und Politikern noch fehlen, müssen Windräder im Norden abgeschaltet, Erzeugung im Süden aber hochgefahren werden - sonst droht der Blackout.

Wenn die Herbst-Winter-Periode wieder turbulent wird, erwartet Biermann bei den Netzeingriffen eine Kostenlawine. Allein bei 50Hertz rechnen sie für 2015 mit Redispatch-Ausgaben von 250 Millionen Euro oder mehr - im Vorjahr waren es 90 Millionen. Auch die anderen Übertragungsnetzbetreiber Tennet, Amprion und TransnetBW verzeichnen hohe Kosten. Biermann warnt: „Das könnte sich auf eine halbe Milliarde jährlich summieren, weil das Netz nicht adäquat ausgebaut ist. Die Physik lässt sich nicht überlisten.“

dpa

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