Laufkolumne von Anne Mertens: Wacker über’n Acker

+
Ann-Kathrin Mertens, winkend.

Laufen macht blöd? Ja, das kann ich bestätigen, zumindest mich. Gerade bei längeren Läufen. Man wird blöd. Bei mir ist das so, oder hängt´s doch mehr mit meiner Haarfarbe zusammen? Ich konzentriere mich ja auch aufs Vorwärtskommen.

Klar, bleibt das Hirn da auf der (Lauf-)Strecke. Manchmal hilft Musik im Ohr, aber sobald ich dann mal reflexartig unterwegs tanzende Bewegungen zur Melodie mache, was häufig vorkommt, zeigen mir die Autofahrer immer ´n Vogel. Für die sind Läufer sowieso blöd! Sprüche wie „20 km am Stück? Hat dir einer das Auto geklaut?“ oder „Warum sollte ich das machen, mein Auto fährt schneller“ gehören zum Langläufer-Leben dazu.

Aber auch unterwegs muss das Hirn leiden: Selbst mein, sonst viel zu prall gefüllter, Wortschatz schrumpft bei langen Läufen auch auf ein Minimum zusammen. Ja, selbst ich werde ruhiger, oder es kommt vor, dass ich die Geschichte schon 10 km vorher erzählt habe. Merkt aber meistens eh keiner; ich glaub mir hört da niemand mehr zu.

Wie damals in der Schule nach, wenn es gut lief, zwei Stunden, und ich nur noch „BlahBlahBlah“ gehört habe. Da hab ich auch nur noch genickt. Mich braucht beispielsweise auch niemand fragen, wo ich denn überall hergelaufen bin, oder wie ich denn bei einem großen Stadtmarathon die oder die Sehenswürdigkeit fand!? Hä? Bin ich da hergelaufen? Meine Nachbarn halten mich sowieso für blöd: Die sehen mich zu Beginn eines langen Laufes und manchmal leider, obwohl ich mich doch heimlich hinten durchs Tor schleiche, drei Stunden danach wieder. Die denken alle, ich hab einen an der Mütze. „Hat die nix zu tun?“, krieg ich da auch schon mal zu hören.

Ich bin auch häufig so verwirrt beim Laufen, dass ich mich verlaufe. Wie so oft geschlechtsbedingt leide auch ich unter einem äußerst schlechten Orientierungssinn und muss meinen Lauffreunden vertrauen, dass sie mich nicht alleine in der Knüste stehen lassen, wenn ich mal kurz austreten bin. Sie könnten also, wenn sie wollten, mich einfach aussetzen. Aber wollte wohl noch keiner. Die Sache mit der Orientierung ist ja sowieso problematisch, wie oft sind wir schon zu Wettkämpfen gefahren und hatten bei fünf Weibern im Auto auch fünf verschieden Wege zum Ziel. Da wird es schon mal laut im Auto und man (frau) braucht schon mal zwei Stunden, wenn man beispielsweise (nur) nach Harsewinkel oder Uentrop will.

Auch blöd ist es, wenn man extra vor dem Lauf seine Trinkration in einem dichten Busch versteckt und sich schon 15 km lang auf diese eine Flasche freut und dann verwirrt und panisch hin- und herrennt am Straßenrand, wie ein geköpftes Huhn, aber alles findet, nur diese heiß ersehnte Flasche natürlich nicht. Am besten ist es sowieso, wenn man einfach hinter einem herrennen kann, der die Strecke kennt, da kann man dann quatschen und auch mal vor sich hinträumen. Es kommt aber auch schon mal vor, dass die eigentlich bekannte Strecke mal alleine in einer kleinen Gruppe gelaufen werden will: aus einer netten Geschichte hab ich mal ein Gedicht gemacht, Namen sind frei erfunden:

Vier Damen die liefen, allein, durch die Knüste - keiner fiel der Weg wieder ein.

So irrten sie rum, wo doch alles gleich aussah, DA! Eine erspähte ihren Acker, die Rettung schien nah.

Sie rannten der Heimat entgegen ganz schnelle, doch raus kamen sie, was´n Mist, in der Großstadt Capelle.

Wo ist bloß das Feld von (Schulze-) Horn? fragte sich verzweifelt, nennen wir sie Christina, ganz vorn.

Wohl ´ne falsche Kurve genommen, und darum nun auf der anderen Seite rausgekommen?!

Nun mussten sie rennen über Stock und Stein, denn sie nahmen die Abkürzung querfeldein.

Kamen heile wieder an, drüber lachen kann wohl vor allem jeder Mann.

Und die Moral von dem Gedicht, seinen Acker kennt man oder aber auch nicht.

In diesem Sinne immer dran denken, die frisch geschnittenen Felder sehen momentan auch völlig anders aus als vorher, immer schön aufpassen.

Die gebürtige Wernerin Anne-Kathrin Mertens (35) schreibt an dieser Stelle in loser Folge über ihre Trainings- und Lauferlebnisse. Die dreifache Mutter von Frida (7), Fiete (5) und Oskar (3) wohnt mit ihrem Ehemann David in Capelle und läuft mittlerweile für den SV Herbern.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare