Laufkolumne von Anne Mertens: Der Glaube an die Energie-Krokette

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Anne-Kathrin Mertens beim Münster-Marathon.

Werne - Ja, Sonntag war es mal wieder soweit. Münster Marathon. Abends vorher war ich allerdings noch auf einer Hochzeit.

Ein Blick auf meine heißgeliebten Kroketten ließen mich alle guten Vorsätze, nur einmal zum Buffet zu rennen, schnell vergessen. Bauch sagt Ja zum Kopf – und es war lecker. Ob das wohl das richtige Essen vorm Marathon sei, wurde ich gefragt. „Nö“, sagte ich, „aber sehe ich aus als halte ich mich an Ernährungsrichtlinien?“

Nö. Ich laufe um zu essen, sag ich immer. Und nicht umgekehrt. Getanzt hab ich natürlich auch viel und das mit eher läuferunfreundlichen Schuhen. Egal, Tanzen geht vor.

Keine fünf Stunden später ging es auch schon los. Nach den letzten Wochen der Unruhe im Haus Mertens waren alle froh als ich morgens das Haus verließ. Nach außen immer cool. Aber: Klar bin ich aufgeregt!! Nehme jedes kleinste Zipperlein zum panischen Ausbruch und mache in meiner Familie alle wahnsinnig, studiere die App fürs Wetter, noch bevor es vorhergesagt werden kann.

Egal, wie oft ich das schon gemacht habe - „dieses Kribbeln im Bauch, das man nie mehr vergisst“, nicht wegen der Brausestäbchen oder der Liebe, das muss alles leiden bis nach dem Tag X, aber vor Vorfreude. Auf der Hinfahrt im Bus mit den anderen Läufern geht die Aufregung wieder los, aber hier fühle ich mich unter gleichgesinnt Bekloppten, die mich verstehen.

Hier sitzen die Marathonis: Die einen sitzen still, ihren Kleidersack umklammernd, allein in der Ecke, schauen nachdenklich aus dem Fenster und grübeln darüber, was alles passieren kann, aber nicht darf. Die spricht man also besser nicht an. Dann die anderen, die wild durch die Gegend quacken (ja, meistens Frauen), oder die Staffelläufer, ein wild gewordener Hühnerhaufen.

Dann die, die über Renntaktiken, die eh meist nicht aufgehen, palavern (meistens Männer). Oder die Wühler, die ständig schauen, ob sie alles haben. Doppelschleife? Leckerchen für unterwegs? Uhr dabei (wenn´s geht mit vollem Akku)?

In Münster angekommen, wuseln alle überall rum, und da: Aneinander gereihte Dixieklos – ja gibt’s schöneres am Sonntagmorgen? Im Startbereich super Stimmung, alle wollen endlich los. Peng! Die ersten Kilometer vergehen in Münster wie im Fluge – zack sind 20 rum. Ab da hab ich allerdings meine Tanzbeine gemerkt. Kleiner Ausschnitt bei Kilometer 23, wir hatten Olli als Fahrradbegleitung dabei: „Anne, wie geht’s ?“- „Mmhh“ - „Brauchste was?“ - „Nö.“ - „Soll ich ´n bisschen neben dir herfahren?“ Kein Wort, mein entsetzter Blick hat wohl gereicht und er suchte schnell das Weite. Olli meinte nachher nur, es sei ja doch auch mal ganz schön gewesen, mich sprachlos zu sehen. Kommt ja nicht oft vor.

Zum Glück gab es genug Flüssiges unterwegs. Ein Becher zum trinken, einen über den Kopf, sagt Papa immer. Aber aufgepasst, nicht verwechseln und den Cola-Becher über den Kopf... Könnte kleben. Die Stimmung super: Überall Gartenduschen, Trommeln, Partymusik, Schokolade und Würstchen oder für Veganer Bananen. Meine Laune stieg ab Kilometer 33 wieder. Runterzählen! Den Weinstand bei Kilometer 41 habe ich aber ausgelassen – zu riskant.

Der Zieleinlauf: Roter Teppich auf den letzten Metern, Fähnchen über der Strecke und die Sonne über Münster. Einfach überwältigend. Im Ziel ist jeder ein Held. Wie eine große Party mit fremden Menschen, denen alles weh tut, aber die sich trotzdem freuen. Ich hab ja nur gedacht: Gut, dass ich die ganzen Kroketten gegessen habe, die haben mir nochmal richtig Schwung gegeben auf den letzten Kilometern. Man muss nur dran glauben...

Dann ging doch noch einem die Puste aus…unserem Bus auf der Rückfahrt. Keine Panne ohne Anne. Und wer mich am Montag komisch rumeiernd gehen sah: Das ist normal und ich plädiere für einen Sondertag Urlaub für Marathon laufende Mitarbeiter. Und überhaupt, wer hat das Redaktionsklo in die oberste Etage gebaut? Es hat etwas gedauert, bis ich wieder die Treppen runter war...

Die gebürtige Wernerin Anne-Kathrin Mertens (35) schreibt an dieser Stelle in loser Folge über ihre Trainings- und Lauferlebnisse. Die dreifache Mutter von Frida (7), Fiete (5) und Oskar (3) wohnt mit ihrem Ehemann David in Capelle und läuft mittlerweile für den SV Herbern.

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