Gina Lückenkemper möchte in Rio in das Staffel-Finale

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Gina Lückenkemper und ihr Trainer Uli Kunst (weißes Polohemd) nahmen sich am Montagabend die Zeit, eine Übungseinheit mit der dritten und vierten Mannschaft des SV Westfalia Soest zu absolvieren.

Soest - Die Knie durchgedrückt und dann mit den Händen auf den Boden. Es hat nicht lange gedauert, bis Gina Lückenkemper die Fußballer des Spielvereins Westfalia Soest am Montagabend zum ersten Mal an ihre körperlichen Grenzen gebracht hat. Die Kicker aus der dritten und vierten Mannschaft bereiten sich derzeit auf den Saisonstart in der C- und D-Kreisliga vor.

Zu dieser Vorbereitung gehörte auch eine Koordinations- und Sprinteinheit mit der Soester Olympia-Starterin und ihrem Trainer Uli Kunst. Während die Fußballer auf dem Sportplatz am Schulzentrum ihre Runden drehten, sprach Anzeiger-Mitarbeiter Sebastian Moritz mit der gebürtigen Hammerin (19) über die Olympische Eröffnungsfeier am kommenden Freitag, die Favoritenrolle mit der deutschen 4x100-Meter-Staffel und Muskelkater in der Fußball-Kreisliga.

Sie haben jetzt eine knappe Stunde mit den Fußballern trainiert, wie hat sich die Truppe denn gemacht?

Gina Lückenkemper: Die machen sich gut, ich bin wirklich positiv überrascht, im letzten Jahr sah es ein bisschen elendiger aus (lacht).

Wie kommt es denn eigentlich dazu, dass Sie so kurz vor Olympia in der Fußball-Kreisliga als Trainerin aushelfen?

Lückenkemper: Mein Bruder Marius spielt hier in der Mannschaft, wir haben auch im vergangenen Jahr schon einmal zusammen trainiert. Und er meinte, dass die Mannschaft ein bisschen traurig sei, dass das in der Vorbereitung dieses Jahr nicht zustande kommt, weil ich ja in Rio bin. Und da habe ich gesagt: „Das kann ich nicht so stehen lassen, wir ziehen das durch.“ Letztes Jahr kamen am Tag nach dem Training übrigens jede Menge SMS von „Ich glaube, ich melde mich heute krank“ bis „Ich arbeite im vierten Stock und es gibt keinen Fahrstuhl“, da war praktisch alles dabei.

Sie haben hier vorher auch noch ein bisschen trainiert. Wie sieht denn jetzt Ihr Programm für die kommenden Tage aus?

Lückenkemper: Jetzt wird alles ernst. Am Donnerstag geht es für mich schon runter nach Frankfurt zur Nationalmannschaft. Ich fliege ja diese Woche schon nach Rio. Wenn man da so drüber nachdenkt, ist das irgendwie schon ein bisschen verrückt. Wir haben am Freitag in Frankfurt noch einmal ein Staffeltraining, am Samstagabend um 22.15 Uhr geht unser Flieger und dann bin ich Sonntagfrüh tatsächlich in Rio.

Das klingt ein bisschen so, als ob Ihnen das jetzt doch alles ein bisschen schnell geht...

Lückenkemper: Das ist tatsächlich schon krass. Allein, dass ich sage: „Ich fliege diese Woche nach Rio“, ist schon der Wahnsinn. Ich habe es tatsächlich noch nicht so richtig im Kopf. Durch die Olympia-Einkleidung wurde das ganze Thema für mich nochmal ein bisschen realer. Ich habe die Klamotten schon zu Hause liegen, ich sehe diese Sachen jeden Tag und freue mich natürlich auch, dass ich sie bald endlich anziehen darf. Aber wenn man da so drüber nachdenkt, habe ich irgendwie immer noch nicht so richtig realisiert, dass ich bei Olympia dabei bin und ich werde es vermutlich auch erst so richtig verstehen, wenn ich dann am Samstag im Flieger sitze.

Sie haben eben schon die Einkleidung mit dem offiziellen Olympia-Outfit angesprochen. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) stattet die Sportler ja schon ganz ordentlich aus. Wie viele Koffer nehmen Sie denn mit nach Rio?

Lückenkemper: Wir dürfen zweimal 23 Kilo mitnehmen und noch den kleinen Koffer, der geht nämlich als Handgepäck durch, da sollte ich dann schon alles rein bekommen.

Was gab es denn da bei der Einkleidung alles für Sie?

Lückenkemper: Das sind unglaublich viele Sachen. Wir haben Schuhe bekommen, neue Klamotten, sogar eine neue elektrische Zahnbürste war dabei. Dann gab es noch unwahrscheinlich viele Taschen. Ich habe einen großen Koffer, einen kleinen Koffer, zwei Sporttaschen, einen Rucksack und eine Laptoptasche bekommen. Alles eben vom DOSB.

Die ersten deutschen Athleten sind ja schon in Rio, am Freitag ist die offizielle Eröffnungsfeier, da sind Sie noch in Frankfurt...

Lückenkemper: Wir werden uns die Eröffnungsfeier auf jeden Fall mit der Staffel im Fernsehen anschauen. Aber es ist natürlich schon schade, dass wir nicht live dabei sind. Das ist ja schon ein Highlight bei den Olympischen Spielen und ich hätte sie echt gerne miterlebt, aber man kann halt nicht alles haben. Außerdem sind wir ja dann bei der Abschiedsfeier dabei und das ist ja auch was.

Die Athleten, die jetzt schon in Rio sind und auch schon ins Olympische Dorf eingezogen sind, haben teilweise ganz schön wilde Geschichten von den Unterkünften erzählt. Da ist von undichten Rohren und schlecht isolierten Kabeln die Rede. Machen Sie sich da Sorgen?

Lückenkemper: Ich mache mir da eigentlich keine großen Gedanken. Ich habe gehört, dass das, was funktionieren muss, auch funktioniert und das ist die Hauptsache für mich. Ich brauche ein Bett, ich brauche einen Wasserhahn und wenn das klappt, ist das schon mal die halbe Miete. Natürlich sind das keine Luxus-Appartements, die wir da beziehen werden, aber wir sind ja auch nur für drei Wochen da und wir sollen da auch kein Luxus-Leben führen, sondern unsere Wettkämpfe bestreiten.

Wissen Sie schon, mit wem Sie sich da ein Zimmer teilen werden?

Lückenkemper: Wir wissen noch nicht ganz genau, wie das ablaufen wird, aber ich tippe mal ganz stark, dass ich wieder mit Rebekka Haase auf einem Zimmer sein werde. Egal, wo ich jetzt zuletzt unterwegs war, ich war immer mit ihr auf dem Zimmer und das passt einfach.

Zu Olympia gehört ja nicht nur die Leichtathletik. Werden Sie auch mal bei den anderen Sportarten vorbeischauen?

Lückenkemper: Wir haben die Möglichkeit, uns beim DOSB Tickets für die anderen Wettkämpfe zu besorgen. Ich würde mir schon gerne mal zum Beispiel die Reitwettkämpfe anschauen, da werde ich aber mal abwarten, wie das vor Ort alles läuft und wie da mein Zeitplan ist.

Im Fokus steht natürlich Ihr Wettkampf. Kurz nach der EM haben Sie gesagt, dass das Ziel mit der Staffel das Finale sei. Jetzt seid ihr in Mannheim am Wochenende Weltjahresbestzeit gelaufen. Bleibt es trotzdem dabei?

Lückenkemper: Ja, wir wollen ins Finale und dann einfach mal schauen, was dabei herumkommt. Bei einer Staffel kann so viel passieren. Letztes Jahr bei der U20-EM waren wir auch Favoriten und haben dann den Stab fallen lassen. In Mannheim hat jetzt einfach alles gepasst, was passen kann. Wir haben endlich mal wieder solide Wechsel gehabt. Nicht so wie in Amsterdam, da hätten wir nämlich wirklich schneller laufen können. Aber so eine Zeit wie jetzt in Mannheim läuft man halt auch nicht immer, da sind wir uns drüber im Klaren. Natürlich wäre das schön, wenn das in Rio nochmal klappen würde. Wir haben jetzt in den vergangenen Tagen noch einmal die Wechsel trainiert, haben mehr Sicherheit bekommen und wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können, das ist auch schon mal viel wert.

Sie starten ja außerdem noch über 200 Meter. Wie sieht es da mit Ihren Zielen aus?

Lückenkemper: Da möchte ich einfach nur laufen und schauen, was so geht.

Wir in Soest drücken Ihnen auf jeden Fall die Daumen. Bei der EM in Amsterdam hatten Sie ja die Soestfahne im Stadion mit dabei. Werden wir die in Rio auch wieder sehen?

Lückenkemper: Die liegt schon im Koffer, die kommt auf jeden Fall mit. Ins Fernsehen werde ich die vermutlich nicht schleusen können, weil ich im Stadion niemanden sitzen habe, der die mitnehmen kann. Aber sie ist auf jeden Fall dabei und irgendetwas Cooles werde ich damit in Rio schon anstellen.

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