Erwartungen erfüllt

Nicht goldig, aber glänzend - Lückenkemper und Staffel begeistern die Welt

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Gina Lückenkemper (2. von rechts) hat mit ihrem Staffelkameradinnen (von links) Tatjana Pinto, Lisa Mayer und Rebekka Haase bei Olympia in Rio einen tollen Eindruck hinterlassen.

Rio de Janeiro/Soest - Wenn schon nicht goldig, dann aber immerhin glänzend war der Auftritt von Gina Lückenkemper und der deutschen 4x100-Meter-Staffel im olympischen Finale von Rio de Janeiro. Das deutsche Quartett lief zwar am Edelmetall vorbei, erfüllte aber um 3.15 Uhr am Samstagmorgen deutscher Zeit dennoch die Erwartungen.

Das Rennen um Gold nahm den zu erwartenden Verlauf. Die US-Amerikanerinnen setzten sich bereits früh an die Spitze. Das deutsche Quartett hatte in Tatjana Pinto allerdings auch eine starke Startläuferin, die gut loskam und in Schlagdistanz zu den US-Ladies, den Britinnen und den ebenfalls hoch gehandelten Jamaikanerinnen lag. Auch Trinidad und Tobago mischte vorne mit.

Der erste Wechsel zu Lisa Mayer klappt gut, doch schon jetzt fielen die deutschen Damen leicht zurück. Der Wechsel von Mayer zu Lückenkemper verlief nicht ganz optimal, aber klappte relativ sicher. In der Kurve machte Lückenkemper gut Tempo, festigte den vierten Platz hinter den USA, Großbritannien und Jamaika, die allesamt auf und davon zogen, blieb vor Trinidad und Tobago.

Zeit aus dem Halbfinale nochmal gesteigert

Nach dem dritten und erneut sehr sicher über die Bühne gebrachten Wechsel lief Rebekka Haase den vierten Platz sicher ins Ziel. Zwar reichte es so nicht für die erträumte Medaille, aber die deutschen Damen steigerten ihre Zeit aus dem Halbfinale (42,18) noch einmal auf 42,10 und sind damit in die absolute Weltspitze vorgestoßen. Tolle Leistung für das junge Quartett.

Dessen waren sich Lückenkemper und Co. auch bewusst, strahlten nach dem tollen Auftritt um die Wette. „Platz vier in meinem ersten Olympischen Finale. Wir sind alle super zufrieden. Danke für eure tolle Unterstützung. Übrigens - ich war die Lauteste“, schrieb Lückenkemper auf ihrem Facebook-Auftritt und bezog sich auf ihren „Urschei“, bei dem sie Rebekka Haase auf die letzten 100 Meter schickte – mit Erfolg.

„Ich bin so was von happy. Das ist Freude pur über den vierten Platz“, jubelte Uli Kunst, Lückenkempers Trainer bei LGO Dortmund. „Wir alle freuen uns riesig über diesen vierten Platz. Wenn das Anfang des Jahres einer gesagt hätte.....“

Alles zu Gina Lückenkemper

Die Leistung der gesamten Staffel sah der erfahrene Coach, der schon viermal selbst Sportler bei Olympia betreute, sehr positiv: „Die Mädels haben sich in diesem Jahr extrem gesteigert und sind in die Weltklasse gelaufen. Die Wechsel waren sauber, sehr sicher.“ Und zu seinem speziellen Schützling Gina: „Sie ist die Kurve wieder richtig gut gelaufen, das war auch Weltklasse.“

9760 Kilometer vom Olympiastadion entfernt stand das Handy von Vater Wolfgang Lückenkemper zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr still. „Das Handy hat in der Nacht schon richtig viel ausgespuckt. Das Echo war aus allen Richtungen total positiv“, berichtet Vater Lückenkemper.

Im heimischen Wohnzimmer hatten er, Mutter Dagmar, Bruder Marius und Ginas Freund Florian Drossart ein „Rudelgucken“ im kleinen, familiären Kreis veranstaltet - und die ganze Nacht durchgehalten: „Meine Frau und ich haben durchgemacht, uns mit dem Olympia-Programm wachgehalten.“ Zwischendurch blitzten ja auch schon immer mal wieder Bilder der Staffel auf, wie die sich mit den anderen Sprintern aus aller Welt aufwärmten. Usain Bolt und Gina Lückenkemper liefen da kurz nacheinander durchs Bild - aufregend oder ungewöhnlich?

Für Sekt war es in Soest zu spät

„Wir gewöhnen uns langsam daran, wir waren aber auch mächtig nervös“, meint der Vater der Sprinterin am Ende einer Woche mit wenig Schlaf und viel Olympia: „Das war schon ein stressig Woche für uns mit den Läufen mitten in der Nacht.“ Es lohnte sich auch diesmal: Toller Lauf der Tochter, aber auch der ganzen Staffel. Für Sekt sei es zwar zu spät gewesen um 3.16 Uhr in der Früh, aber das Erlebnis sei überwältigend genug gewesen – und wie zum Beweis standen Handy und Telefon nicht still.

„Man stellt fest: Gina ist beliebt“, sagt der Vater sichtlich berührt. Das Feedback ist auf allen Ebenen überwältigend – und kommt aus aller Welt. Vater Wolfgang Lückenkemper, der Ginas Auftritte in den sozialen Netzwerken mit betreut, hat derzeit alle Hände voll zu tun: „Wir bekommen auf Facebook Anfragen aus der ganzen Welt. Japan, Argentinien, USA. Ein Amerikaner hat schon nach Marketingartikeln gefragt, die es aber leider nicht gibt.“ Daraufhin habe der sich selbst einen Gina-Fahne gebastelt, aufgehängt und das Foto gepostet.

Alles eine Auswirkung von Gina Lückenkempers tollem Auftreten auf der ganz großen Bühne. Sie bleibt locker und wirkt sympathisch. „Sie lässt sich nicht so leicht beeindrucken, aber in Rio war sie schon ein bisschen zurückhaltender als noch in Amsterdam bei der EM“, meint der Vater. Zu Ginas beinahe schon pragmatisch, sympathischer Art passt, dass sie nur wenige Augenblicke nach dem Lauf im ZDF-Interview schon Mitten in der Analyse war: „Ich bin leider etwas zu spät losgelaufen beim Wechsel auf mich. Aber das ist nicht entscheidend, dadurch hätten wir Bronze auch nicht geholt. Trotzdem ist es ein bisschen ärgerlich, es hätte besser laufen können.“ Ansonsten überwog aber die Freude: „Mit meiner Kurve bin ich zufrieden. Und es hat unheimlich viel Spaß gemacht.“

„Diesen Mädels gehört die Zukunft“

Spaß haben - und Erfahrungen sammeln, darum ging es für die mit im Schnitt 21 Jahren jüngste Staffel im Finale. „Dafür, dass die Mädels noch so jung sind, haben sie einen tollen Job gemacht. Denen gehört die Zukunft“, meint Wolfgang Lückenkemper.

Die jüngere Zukunft gehörte aber erst einmal dem Genießen des olympischen Lebens. Ausflüge, Besuche von Wettkämpfen und natürlich die Abschlussfeier am Sonntag standen an, ehe es zurück nach Deutschland geht. Dort warten dann schon die nächsten Termine, aber auch das werden die Mädchen gut verkraften: „Damit umzugehen muss Gina lernen und sie wird gut damit umgehen können“, ist sich Trainer Kunst sicher.

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