Kotelett bei Landgräber

Interview: Karl-Heinz Rummenigge über seine Jugend in Lippstadt

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Soest/Lippstadt - Er hatte es sich zum Geburtstag gewünscht, nun wird das Geschenk eingelöst: Karl-Heinz Rummenigge tritt mit seinem FC Bayern bei seinem SV Lippstadt 08 an (Samstag, 16. Juli, 17 Uhr, Stadion Am Bruchbaum).

Es war das Präsent zum 60. vergangenes Jahr im September: Der langjährige Spieler, Vizepräsident und Vorstandsvorsitzende (seit 2002) der Roten durfte sich ein Freundschaftsspiel aussuchen, er entschied sich für die Heimat – und bringt nun Philipp Lahm & Co. mit nach Ostwestfalen. Welche Bedeutung diese Partie für ihn hat, was er sich davon erhofft und wie er zuletzt die EM in Frankreich erlebt hat - darüber sprach Michael Knippenkötter mit ihm.

Herr Rummenigge, an diesem Samstag erwartet Sie die Heimat im Ausnahmezustand. Wie sieht bei Ihnen ansonsten ein Besuch in Lippstadt aus?

Karl-Heinz Rummenigge: Leider komme ich nicht mehr sehr oft nach Lippstadt. Erstens habe ich viel zu tun beim FC Bayern, und zweitens habe ich niemanden mehr dort, zumindest was meinen Verwandtenkreis betrifft. Meine Eltern sind leider schon verstorben, meine Brüder leben in Dortmund beziehungsweise Bremen. Dementsprechend bin ich neugierig, wie sich Lippstadt seit meinem letzten Besuch verändert hat.

Wie lange liegt dieser denn schon zurück?

Rummenigge: Bestimmt zwei, drei Jahre.

Wie sahen die Besuche früher aus? Gab es einen Ort, den Sie immer als erstes angesteuert hatten?

Rummenigge: Treffpunkt war immer die 5th Avenue, die Lange Straße!

Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie in Paderborn landen oder mit dem Auto über die A44 langsam in die Nähe kommen?

Rummenigge: Nun ja, ich habe meine ersten 18 Lebensjahre in Lippstadt verbracht, und die Erinnerung ist sehr positiv. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit und Jugend, auch fußballerisch bei der Borussia.

Was bedeutet Ihnen Heimat? Haben Sie auch Ihren Kindern versucht näher zu bringen, wo Ihre Wurzeln liegen?

Rummenigge: Sie sind früher hin und wieder mit mir und meiner Frau da gewesen, sie kennen Lippstadt. Carlo Ancelotti musste ich jetzt allerdings erklären, wo Lippstadt liegt. Einem Deutschen würde ich sagen, dass Lippstadt zwischen Münster und Bielefeld liegt. Ihm habe ich gesagt: „Lippstadt liegt knapp 120 Kilometer von Düsseldorf entfernt.“ Da wusste er ungefähr Bescheid (lacht).

Wovon haben Sie ihm denn vorgeschwärmt? Gibt es vielleicht noch ein Lieblingsessen, an das Sie gern denken?

Rummenigge: Das beste Essen war immer Kotelett mit Kartoffelsalat, bei Alvin Landgräber in der Lange Straße.

Aber nicht der Kartoffelsalat, an den Sie jetzt in München gewöhnt sind!

Aufstrebende Fußballhoffnung: Karl-Heinz Rummenigge (unten links) bei den A-Junioren von Borussia Lippstadt im Jahr 1973

Rummenigge: Nein, der ist ja mit Essig und Öl angemacht. Ich meine natürlich den westfälischen mit schön Mayonnaise.

Was tauchen bei so einem Essen für Bilder aus der Jugend auf?

Rummenigge: Da sehe ich vor allem den Fußball, der stand immer im Mittelpunkt. Man ist zur Schule gegangen und hat während der Schulzeit schon an die Freizeit gedacht, also an Fußball. Wir sind nach Hause gekommen, haben auf die Schnelle die Hausaufgaben gemacht und sind auf den Bolzplatz gelaufen. Dann wurde stundenlang Fußball gespielt. Das war praktisch der Lebensinhalt. Im Sommer gab es alternativ das Freibad – wenn das Wetter gut war. Und auch da haben wir zwischendurch Fußball gespielt (lacht). Fußball war immer dabei!

Und was ist mit der ersten Freundin, mit 16 oder 17?

Rummenigge: Meine erste Freundin ist meine heutige Frau. Sie war 15, da haben wir uns getroffen. Und zwar ganz offiziell: Ich wurde den Eltern vorgestellt, die haben das abgesegnet.

Sie sollen ja auch Gefallen am Schützenfest gehabt haben.

Rummenigge: Ja, das stimmt. Ich kann mich gut erinnern: Der Defiliermarsch wurde immer auf dem Marktplatz in Lippstadt abgehalten, und dann zog man zum Schützenplatz in der Nähe vom Wäldchen. Selbst, als ich schon beim FC Bayern spielte, wollten sie mich in Lippstadt zum Schützenkönig machen. Aber ich musste absagen, das hätte ich allein aus Zeitgründen nicht geschafft. Auch meine Frau sollte Schützenkönigin werden. Aber sie war nicht zu überreden.

Aber Sie hatten schon eine richtig Uniform und den passenden Hut auf, oder?

Rummenigge: Nein, hatte ich nicht, ich war noch zu jung. Das bekam man erst mit der Volljährigkeit, und ich bin im zarten Alter von 18 nach München abgewandert. Ich war auf den Lippstädter Schützenfesten immer im Räuberzivil.

Wir haben in unseren Archiven Lokalsportberichte gefunden von Ihrem Vater, der sowohl in Lippstadt als auch beim Soester SV gespielt hatte. Welche Rolle hatte er für Ihre Fußballleidenschaft gespielt?

Rummenigge: Mein Vater war ja mehr der Berti-Vogts-Typ, der hat schön reingehauen in der Verteidigung (lacht). Aber er hat meinen Bruder und dann uns alle drei total unterstützt, hat uns überall hingefahren, zu jedem Spiel. Im Zweifel hat er uns mit dem Fahrrad zum Bruchbaum gefahren, ein Auto hatte er nicht.

Und der Verein lag ihm am Herzen… 

Eine westfälische Familie: Die Brüder Wolfgang, Karl-Heinz und Michael (von links) und Vater Heinrich Rummenigge in den späten 1970er Jahren in Lippstadt.

Rummenigge: Er hat dort alles gemacht. Nachdem er pensioniert wurde, hat er den Rasen gemäht, damit der Platz in guter Verfassung war. Borussia Lippstadt war sein Lebensinhalt.

Was hatte er Ihnen dann geraten, als das Angebot vom FC Bayern kam

Rummenigge: Ich hatte 16 oder 17 Angebote aus der gesamten Bundesliga. Mein Vater und ich, wir hatten dann einen letzten Besuch in München beim damaligen Manager Robert Schwan. Wir standen in Schwans Büro, ich war total nervös und hektisch. Robert Schwan hat uns dann für zehn Minuten allein gelassen: Wir sollten eine Entscheidung treffen. Damals war der HSV noch sehr im Gespräch, da hatten sie noch Geld. Und mein Vater sagte mir in dem Moment: „Wenn man ein Angebot von Bayern München hat, geht man zu Bayern München!“

Das galt also damals schon?

Rummenigge: Ja. Und das erzähle ich heute jedem jungen Spieler, der zu Bayern München kommt und die Hosen voll hat. Dann erzähle ich meine eigene Geschichte und sage: Was ich geschafft habe, kannst du auch schaffen.

Wenn es den Fußball nicht gegeben hätte: Würden Sie heute noch in Lippstadt leben und dort arbeiten

Rummenigge: Keine Ahnung. Ich machte ja damals in der Volksbank Lippstadt eine Lehre. Wahrscheinlich wäre ich Bänker geworden. Aber ob ich in Lippstadt leben würde oder in Frankfurt oder London? Ich weiß es nicht. Einerseits habe ich mich immer pudelwohl gefühlt in Lippstadt. Andererseits hatte ich auch ein Faible für andere Länder, eine frühe Neigung zur Globalisierung.

Als Fußballer kam München, dann Mailand, dann Genf. Ab wann war klar: Es geht nicht mehr zurück!?

Rummenigge: Als meine Frau Martina nach zwei Jahren endgültig zu mir nach München gezogen ist. Uns war klar: Die Verbindung zu Lippstadt wird reißen. Wir haben uns von da an vollkommen auf München fokussiert, haben gebaut, haben Kinder bekommen – die Zeiträume zwischen den Besuchen in Lippstadt wurden größer.

Wenn Sie heute die Menschen miteinander vergleichen: Was fehlt dem Ostwestfalen, das der Bayer in sich trägt?

Rummenigge: Ich würde es umdrehen: Was eint die zwei? Sie sind beide ausgeschlafen! Ich würde jedenfalls nicht empfehlen, den Ostwestfalen zu unterschätzen, das wäre ein großer Fehler.

Sie haben mal das Vereinsmotto „Mia-san-Mia“ hervorgehoben, weil es gut widerspiegelt, wie der Münchner, der Bayer tickt.

Karl-Heinz Rummenigge

Rummenigge: Das ist Teil der Kultur Bayerns und Teil der Kultur des FC Bayern. Ich würde es als große Familie bezeichnen. Ich kann mich erinnern, dass ich in Lippstadt an einem Wochenende erst in der A-Jugend spielte und dann in der ersten Mannschaft. Damals hatte ich erstmals das Gefühl: Fußball ist eine große Familie. Mit diesem kleinen Klub aus der vierten Liga, der sich immer behaupten musste gegen Schalke, Dortmund, Bochum und wie sie alle heißen, mit dem sind wir in der Jugend sogar bis ins Pokalfinale auf Westfalen-Ebene gekommen. Borussia Lippstadt war immer eine große Familie.

Tut es Ihnen weh, dass dieser Klub derzeit nicht höher spielt – dass er also vielleicht unter seinen Möglichkeiten agiert?

Rummenigge: Der Klub hat sich ja gerade einer Vision unterworfen, der Vision 2025. Ich wünsche Ihnen, dass sie da an den richtigen Schrauben drehen und die ein oder andere Klasse nach oben springen. Wir hatten ja vor zwei Jahren diese Super-Überraschung mit dem SC Paderborn, der in die erste Bundesliga aufgestiegen ist. Da hat man gesehen, dass man mit einem guten Plan und der richtigen Philosophie Außergewöhnliches erreichen kann. Das könnte dem SV Lippstadt als Vorbild dienen. Der Klub hat das Potenzial, zumindest irgendwann in der dritten Liga zu spielen. Die Stadt ist ausreichend groß, der Fußball sehr beliebt, es gibt Firmen wie Hella, die bereit sind, in den Fußball zu investieren. Es fehlt der Anstoß, aber der kann ja kommen.

Wann hatten Sie eigentlich aufgegeben, bairisch zu lernen oder im Alltag zu sprechen?

Rummenigge: Ich habe das nie versucht, weil ich das lächerlich gefunden hätte. Als ich einmal alte Kollegen aus Westfalen traf und hörte, wie die sich mit einer Art Pseudobairisch blamierten, da wusste ich: Das fange ich gar nicht erst an. Ich stehe immer zu meinen Wurzeln – und die sind ostwestfälisch.

Haben Sie im Verein wenigstens einen ostwestfälischen Verbündeten?

Rummenigge: Wir hatten früher einen Spieler, Udo Horsmann, der kam aus Beckum. Der „Zementkopf“, so habe ich ihn genannt. Heute besuchen mich manchmal Bayern-München-Fans aus Lippstadt. Die wollen dann immer Karten fürs Spiel haben…

Sie sprechen kein bairisch, dafür fließend italienisch. Bedeutet das, Sie sind so etwas wie der natürliche Verbündete von Carlo Ancelotti?

Rummenigge: Ich tue mich im direkten Umgang mit ihm sicher leichter durch die Sprache. Aber Carlo möchte schnell Deutsch lernen. Er ist da sehr fleißig, engagiert und motiviert.

Stimmt es, dass Sie nun das erste Vater-Sohn-Trainergespann der Liga haben?

Rummenigge: Ich glaube nicht, dass es das schon einmal gab. Außerdem habe ich den Eindruck, dass alle, die er mitgebracht hat, miteinander verwandt oder verschwägert sind. Wir hatten gerade erst ein Abendessen, und da habe ich festgestellt, dass die Bande sehr eng ist.

Er ist also ein Familientyp?

Rummenigge: Ein extremer Familientyp! Er passt gut in die FC-Bayern-Familie.

Welche Spieler wird er denn mitbringen nach Lippstadt?

Rummenigge: Die, die bei der Europameisterschaft dabei waren, sind natürlich alle im Urlaub. Aber die anderen, die ausreichend Urlaub gehabt haben, also Philipp Lahm, Xabi Alonso, Javi Martinez, Rafinha, und so weiter, die kommen alle mit. Also wir werden von den Namen her eine attraktive Mannschaft dabei haben – und ich befürchte, der SV Lippstadt wird nicht gewinnen.

Sie selbst sind als 18-Jähriger in die Bayern-Kabine gekommen. Jetzt kommt Renato Sanchez als Stammspieler des Europameisters. Das ist noch mal eine andere Hausnummer, oder? Waren Sie selbst überrascht?

Karl-Heinz Rummenigge

Rummenigge: Jein. Wenn jemand mit 18 Jahren so auftritt, wie er bei der EM, ist das schon außergewöhnlich. Als ich 18 Jahre alt war, war man weit, weit von solchen Leistungen entfernt. Der Bursche scheint aber über außergewöhnliche Talente zu verfügen. Wir sind glücklich, dass wir es frühzeitig entschieden haben – nach dem CL-Viertelfinale gegen Benfica Lissabon. Und wir sind froh, dass wir Mitte April den Mut hatten, so viel Geld in die Hand zu nehmen. 35 Millionen Euro, das ist ja viel Geld. 

Nach dem EM-Finale wäre er sicher teurer gewesen.

Rummenigge: Nach der Europameisterschaft wäre er für Bayern München unbezahlbar gewesen. Da würden wir über dramatisches Geld sprechen – und da würde er nächstes Jahr mit Sicherheit nicht in der Bundesliga spielen.

Wie haben Sie ansonsten die EM verfolgt?

Rummenigge: Im Urlaub auf Sylt. Tagsüber war ich am Strand, am Abend habe ich mir dann die Spiele angeschaut. Meine Frau hat da sehr viel Rücksicht auf meine Interessenslage genommen. Das war perfekt.

Und das Turnier?

Rummenigge: Ich glaube, dass die EM mit 16 Mannschaften besser war als nun mit 24. Dass sich fast alle Tabellendritten für die K.o.-Spiele qualifizieren konnten, war keine gute Lösung. Die Uefa wäre gut beraten, noch einmal nachzudenken. Das ist für den Fan schwer zu verstehen. Man muss solche Formen vielleicht ausprobieren, um festzustellen, dass es früher besser war. Der Punkt ist erreicht, an dem wir die Wettbewerbe nicht immer mehr aufpumpen sollten. Jetzt wird über 40 Mannschaften bei der Weltmeisterschaft gesprochen. Wir sollten aufhören, die Spieler zu überfordern. Die gehen sonst auf dem Zahnfleisch.

Man presst den Fußball also aus wie eine Zitrone in Ihren Augen?

Rummenigge: Interessant wurde diese Europameisterschaft doch mit dem K.o.-Spielen. Die Gruppenphase war kein emotionales Highlight.

Braucht Thomas Müller nach dem Turnier noch ein paar aufbauende Worte?

Rummenigge: Nein, glaube ich nicht. Natürlich war er nicht glücklich, dass er im Halbfinale ausgeschieden ist und kein Tor geschossen hat. Er war einfach kaputt nach einer für ihn strapaziösen Saison. Er hat ja fast immer gespielt, und dann bist du einfach irgendwann körperlich, aber auch mental im Grenzbereich. Ich habe das 1984 bei der EM ganz ähnlich erlebt. Irgendwann sind Körper und Geist müde.

Und wie ist das jetzt bei Ihnen? Sie bekommen durch das Ausscheiden von Matthias Sammer ja sicherlich noch neue Aufgaben dazu, oder?

Rummenigge: Wir haben das intern auf mehrere Schultern verteilt wie in den vergangenen drei Monaten schon. Gut, ich werde mich da jetzt noch etwas mehr einbringen müssen. Aber ich werde ja auch gut gepflegt hier, genau so wie zu Hause. Aber die Kurztrips in die Heimat werden nicht mehr werden…

Was wünschen Sie sich nun?

Rummenigge: Ich wünsche mir im regenreichen Lippstadt gutes Wetter, eine gute Stimmung und dass die Menschen Bayern München genießen. Es ist für die ganze Stadt eine schöne Auszeichnung. Allerdings: Ich selbst werde nicht mehr mitspielen, das ist vorbei.

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