Infantinos Reformpanne überdeckt Personalcoup

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Gianni Infantino verteidigte die neue Maßnahme. Foto: Jose Mendez

Erstmals trafen sich die FIFA-Delegierten nach der Blatter-Ära zu einem regulären Kongress. Wer geglaubt hätte, dass die Skandalzeiten schon komplett überwunden seien, wurde eines Besseren belehrt. Der Reformprozess ist komplizierter, als es dem neuen Chef recht ist.

Mexiko-Stadt (dpa) - Die gute Laune wollte sich Gianni Infantino nach seinem ersten Kongress als FIFA-Chef partout nicht verderben lassen.

Sein Personalcoup mit der Ernennung der senegalesischen UN-Diplomatin Fatma Samoura zur ersten Generalsekretärin in 112 FIFA-Jahren geriet durch eine erhebliche Panne im Reformprozess des Fußball-Weltverband aber plötzlich in den Hintergrund. Auf dem Pk-Podium schaltete der Schweizer bei kritischen Fragen in den Angriffsmodus und forderte für sein Funktionärsteam einen Glaubwürdigkeitsbonus, als hätte es die erschütternden FIFA-Skandale, die seinen Vorgänger Joseph Blatter zu Fall brachten, nicht gegeben.

"Wir müssen in der Lage sein, flexibel zu reagieren. Man muss die handelnden Personen, die eine neue FIFA formen, an ihrer Arbeit messen. Warten wir ab, schauen wir, und dann kann man ein Urteil fällen", sagte Infantino nach dem FIFA-Kongress in Mexiko-Stadt.

Doch was war passiert? FIFA-Chefaufseher Domenico Scala hatte den Kongress in der Kaffeepause verlassen. Warum? Die Vollversammlung hatte auf Vorschlag von Infantino beschlossen, dass das Council bis zur kommenden Vollversammlung 2017 die Mitglieder der von Scala geführten Audit- und Compliance-Kommission, der Ethikkommission, der Disziplinarkommission und der neuen Governance-Kommission berufen und entlassen kann. Dieses Recht ist nach den FIFA-Statuten eigentlich dem Kongress vorbehalten, um eine größtmögliche Unabhängigkeit der Kontrollausschüsse zu sichern.

Pikant ist die Entscheidung deshalb, weil die Mitglieder der Kommissionen eben die Council-Mitglieder kontrollieren sollen, von denen sie nun berufen und entlassen werden können. Sie läuft insofern dem Reformprozess komplett zuwider und erinnert an FIFA-Skandalzeiten, als die Mitglieder des Exekutivkomitees als Council-Vorgänger die Geschicke im Alleingang bestimmen konnten.

Bitter für Infantino: Er hatte es eigentlich gut gemeint. Hintergrund der Entscheidung ist nach dpa-Informationen, dass mehrere potenzielle Kandidaten für die Kontrollgremien den neuen FIFA-Integritätscheck nicht bestanden haben und somit in Mexiko-Stadt nicht ausreichend Bewerber für die zu besetzenden Posten bereit standen.

Um diese Blöße nicht einzugestehen, wurde die Wahl ausgesetzt und dem Council die Befugnis übertragen, um nicht ein Jahr bis zum nächsten Kongress mit der Neubesetzung warten zu müssen. Das Council trifft sich zu seiner nächsten Sitzung im Oktober. Dann soll auch DFB-Chef Reinhard Grindel in die Governance-Kommission berufen werden und den nächsten Schritt in seiner steilen Karriere als Fußball-Funktionär machen.

Im Vergleich zu CDU-Politiker Grindel hat die neue Generalsekretärin noch weniger Fußball-Hintergrund - nämlich effektiv gar keinen. Und doch passt die 54 Jahre alte Diplomatin Samoura perfekt in Infantinos Suchprofil für den Top-Posten einer den Wandel predigenden FIFA. "Sie ist die kompetenteste Person, um die Administration der FIFA zu führen. Ihr Lebenslauf spricht für sich selbst", sagte Infantino, der beteuerte, Samoura ohne Hilfe von Headhuntern auserkoren zu haben.

Samoura ist als langjährige UN-Diplomatin über jeden moralischen Zweifel erhaben. Sie half, humanitäre Krisen in vielen Ländern zu bewältigen. Im Kernressort Fußball ist aber Infantino der Taktgeber. Samoura soll als Managerin den Weltverband führen. Infantino muss von der Top-Angestellten keine innere Opposition fürchten.

Mit der Entscheidung für eine Frau hat der Schweizer allen gezeigt, dass er der mächtige Mann im Weltverband ist. Erst wenige Stunden vor Kongressbeginn informierte er die Mitglieder des Councils über seine Kandidatin. Der Aufsichtsrat stimmte brav zu - und Infantino konnte die Senegalesin gleich bei der Vollversammlung präsentieren, als längst schon Kritik laut geworden war, dass der bestbezahlte FIFA-Topjob noch immer vakant sei.

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