Uneinigkeiten ums Erbe

Schalke-Boss Tönnies wegen Familienstreits vor Gericht

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Clemens Tönnies

Bielefeld - Streit ums Erbe gibt es in den besten Familien. Wo es um Millionen geht, wird die Sache oft noch erbitterter. Bei der Familie Tönnies steht sogar die Zukunft eines Milliarden-Unternehmens auf dem Spiel.

Vor Prozessbeginn schüttelt Robert Tönnies seinem Onkel die Hand. Noch werden im Gerichtssaal freundliche, wenn auch unsichere Blicke ausgetauscht. Die Hoffnung auf eine gütliche, außergerichtliche Einigung im Streit um die Führung im milliardenschweren Fleisch-Konzern Tönnies aus Rheda-Wiedenbrück aber währt nur wenige Minuten. Nach einem erneuten Versuch des Landgerichts Bielefeld am Montagmorgen, die Streitparteien noch vor Prozess-Auftakt zu einer Einigung zu bewegen, folgt ein erster Verhandlungstag mit Tränen und verletzten Gefühlen. Was für beide Familienstränge besonders unangenehm ist: Durch die Zeugenaussagen hörten die Zuschauer auf den Besucherplätzen Details aus der Firmengeschichte und intime Geschichten aus den Familien.

Robert (36) und Clemens Tönnies (58) halten derzeit je die Hälfte der Anteile an Deutschlands größtem Fleischbetrieb. Das operative Geschäft, Umsatz im Jahr 2013: 5,6 Milliarden Euro, wird von Clemens geführt. Und das will der Manager, der auch Aufsichtsratsvorsitzender von Schalke 04 ist, auch weiter machen. Mindestens bis zum Rentenalter mit 65, wie er vor Gericht verriet. „Wir können da sicher drüber reden, ob ich ein Jahr früher aufhöre, wenn die Nachfolge vernünftig geregelt ist“, sagte Clemens Tönnies noch vor Beginn der eigentlichen Verhandlung. Das Gericht hatte zuvor beide Seiten zu einer Einigung bringen wollen. „Ansonsten werden wir sicher hier über viele Monate verhandeln, vielleicht reden wir auch über Jahre“, hatte der Vorsitzende Richter an beide Seiten appelliert.

Doch bereits nach wenigen Minuten und einem heftigem Schlagabtausch der Anwälte ist klar: Das wird nichts. Der Prozess beginnt also. Es geht um die Frage, ob Clemens vom Firmengründer und Bruder Bernd Tönnies vor Jahren die Aufstockung seines damals noch 40-Prozent-Anteils auf 50 Prozent versprochen wurde. Bernd Tönnies starb 1994. Das umstrittene Versprechen wurde 2008 vollzogen durch eine Schenkung von zwei 5-Prozent-Anteilen der Neffen Robert und Clemens Junior an ihren Onkel. Patenkind Robert übernahm kurz darauf die restlichen Anteile von seinem Bruder und zweifelt mittlerweile an, dass sein Vater die Patt-Situation wollte. Seit 2008 halten beide Familienseiten 50 Prozent, alle Entscheidungen müssen im Gesellschafter-Ausschuss einstimmig getroffen werden. Ein vertraglich eingebautes doppeltes Stimmrecht des Firmenchefs Clemens hat das Landgericht im Frühjahr 2014 gekippt. Dieses Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

Robert wirft seinem Onkel arglistige Täuschung und groben Undank vor und fordert, die Schenkung rückgängig zu machen. Ist Robert Tönnies mit seiner Klage erfolgreich, hätte er die Mehrheit im Konzern.

Zu Bernds Versprechen befragte das Gericht Zeugen. Und die mussten erzählen, wie die Familienstämme zueinander stehen, welches Verhältnis die Brüder Bernd und Clemens zueinander hatten und wie es sich im Laufe der Jahre entwickelt hat.

„Hier wird aber viel schmutzige Wäsche gewaschen“, flüstern Zuhörer hinten auf den Bänken. In der Tat: Da erzählt die Schwester von Bernd und Clemens ausführlich von einem Ehestreit am Krankenbett des schwer kranken Bernd. Da fragen die Anwälte von Clemens die Zeugen der Gegenseite, „ob ihnen für ihre Aussagen etwas versprochen wurde“. Clemens Tönnies bezeichnet Behauptungen zum Führungsanspruch noch in der Todesnacht seines Bruders als „niederträchtig und gerissen“. Immer wieder müssen ihn seine Anwälte dezent zurückhalten, während Robert seine Vorwürfe formuliert.

Horst-Dieter Swienty, früherer Anwalt und Notar der Tönnies-Gruppe, bestätigte eine Absprache zwischen Clemens und Bernd über eine paritätische Verteilung der Anteile aus dem Jahr 1989. Aber einen Vertrag gab es nicht?, fragte das Gericht nach. „Das habe ich zig mal erlebt, formale Dinge spielten bei den Tönnies nur eine untergeordnete Rolle“, sagte Swienty. Den nächsten Verhandlungstermin plant das Gericht erst im nächsten Jahr.

dpa

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