Heidel krempelt um

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Gelsenkirchen - Als eigentlich Christian Heidel laut Tagesordnung mit seiner Ansprache an der Reihe war, schritt zunächst Clemens Tönnies mit raumgreifenden Schritten in Richtung Rednerpult. Schalkes alter und neuer Aufsichtsratschef stand nach seiner Wiederwahl noch so sehr unter Strom, dass er den Fauxpas erst spät bemerkte, dann aber artig in die zweite Reihe zurückkehrte. Heidel nahm es mit Humor und sagte: „Das geht ja schon gut los.“

Danach hielt der neue Sportvorstand des FC Schalke 04 nicht nur eine lange, sondern vor allem viel beachtete Rede, die mit dem größten Applaus und Standing Ovations an diesem Nachmittag bedacht wurde. Der Tenor der Ansprache lautete: Es muss vieles anders werden auf Schalke. Heidel beschrieb anhand eines Fünf-Säulen-Modells, wie der Verein erfolgreicher werden kann. 

Die erste Säule ist laut des 53-Jährigen die wirtschaftliche Solidität, die derzeit gegeben sei. So könne die rund 25 Millionen teure Verpflichtung des Schweizers Breel Embolo ohne Probleme finanziert werden. „Dieser Wechsel ist perfekt, ohne dass dafür jemand anders zwingend verkauft werden muss“, sagte Heidel und trug damit ein wenig zur Beruhigung bei, dass Schalkes Supertalent Leroy Sané vielleicht auch in der nächsten Saison weiter das königsblaue Trikot trägt. Der 20-Jährige, derzeit für das DFB-Team bei der Euro in Frankreich im Einsatz, wird seit längerem mit europäischen Spitzenklubs in Verbindung gebracht. Über Embolo sagte Heidel: „Mit ihm haben wir den umworbensten jungen Spieler Europas verpflichtet.“ 

"Erfahrung und Jugend, Naldo und Embolo"

Die zweite Säule ist für Heidel der Trainer, für ihn „der wichtigste Mann im Verein“. Mit dem neuen Übungsleiter Markus Weinzierl glaubt der ehemalige Manager von Mainz 05 genau die richtige Wahl getroffen zu haben. Ein weiterer Pfeiler sei natürlich der Kader selbst, bei dem es „auf die Mischung“ ankomme: „Erfahrung und Jugend, Naldo und Embolo“. Die größte Baustelle sah Heidel in den Arbeitsbedingungen im Verein. „Hier hat Schalke einen großen Rückstand aufzuholen. Und das nicht nur gegenüber Vereinen, die vor uns in der Tabelle stehen“, sagte der Manager. Er habe in den ersten vier Wochen seiner Amtszeit schon die ein oder andere Wand eingerissen. Ziel sei es nun, innerhalb eines halben Jahres Bedingungen zu schaffen, „die unseren Ansprüchen gerecht werden“. Das werde sich „dann irgendwann in Erfolg auszahlen“, so Heidel. 

Die fünfte und letzte Säule ist für den Nachfolger von Horst Heldt schließlich „die Stimmung und Atmosphäre“. Die „unglaubliche Energie“, die auf Schalke herrsche, müsse gebündelt werden. „Wenn uns das gelingt, dann wird es schwer sein, Schalke 04 zu stoppen.“ Wie schon Marketing-Vorstand Alexander Jobst, der bereits in seiner Ansprache zuvor ein „massives Mentalitäts-Problem“ innerhalb des Klubs ausgemacht hatte, plädierte auch Heidel für eine andere Grundeinstellung: „Wir müssen wieder auf Siege hoffen und keine Niederlagen erwarten.“ Dieser Verein habe „unfassbar gute Chancen“, sagte der Manager. Weshalb „wir wieder einen Stolz entwickeln müssen.“ 

Einige der Schalker Kardinal-Probleme erkannt

Die aufrüttelnde Rede Heidels zeigte zweierlei: Zum einen, dass er innerhalb kürzester Zeit einige der Schalker Kardinal-Probleme erkannt hat; zum anderen, dass er mit großer Bestimmtheit und Überzeugung seiner Arbeit nachgehen wird. Störgeräusche dürfte Heidel nicht billigen, auch nicht aus den verschiedenen Gremien des Vereins. Heidels Lobby ist bereits nach wenigen Wochen Amtszeit sehr groß, das wurde am Sonntag überdeutlich. Jeder Redner, dem auf der Schalker Mitgliederversammlung ein bisschen Gegenwind in Form von Pfiffen oder Buhrufen ins Gesicht blies, versuchte sich damit zu retten, den neuen Manager über den grünen Klee zu loben. Weil er so sicher sein konnte, doch noch ein wenig Applaus einzuheimsen. 

Heidels Amtszeit auf Schalke beginnt äußerst vielversprechend, die Hoffnung auf bessere Zeiten und erfolgreicheren Fußball ist riesig. Wichtig wird sein, wie die Schalker Anhängerschaft auf den ein oder anderen Rückschlag reagiert, der laut Heidel „kommen wird“. Deshalb appellierte er: „Wichtig ist, dann nicht alles in Frage zu stellen.“

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