Frischgebackene Deutsche Meisterin über 200 Meter im Interview

Gina Lückenkemper über Heimat, Olympia und Humor im Leistungssport

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Gina Lückenkemper gewann den DM-Titel über die 200 Meter in Kassel hauchdünn vor Lisa Mayer.

Kassel/Soest - Sie ist der neue Star am deutschen Leichtathletik-Himmel. Bei den Deutschen Meisterschaften hat sie am Sonntag Gold über die 200-Meter-Distanz gewonnen – und sie kommt aus Soest. Für Gina Lückenkemper läuft es momentan wie geschmiert. Am 6. August geht ihr Flieger nach Rio, wo sie die Farben der Kreisstadt bei Olympia vertreten wird. Im Gespräch mit Redakteurin Henrike Raestrup erzählt sie, was ihr der Start dort bedeutet und warum Dopingkontrollen zwar sinnvoll, aber auch unheimlich nervig sind.

Frau Lückenkemper, erst einmal herzlichen Glückwunsch zur Deutschen Meisterschaft. Hatten Sie damit gerechnet? 

Gina Lückenkemper: Ich hatte es mir vorher schon vorgestellt, wusste aber auch, dass das kein Zuckerschlecken gegen Lisa Mayer wird. Ich kenne sie schon lange und weiß, dass sie bei Meisterschaften gerne mal einen raushaut. Es war ja dann auch ein sehr spannendes Rennen. Im Ziel konnte ich gar nicht sagen, ob ich vorne war, war sogar leicht verwirrt. Aber als dann mein Name ausgerufen wurde, war das natürlich mega cool.

In letzter Zeit läuft es aber auch richtig gut für Sie. Woran liegt das? 

Lückenkemper: Anfang des Jahres bin ich vom LAZ Soest zur LG Olympia Dortmund gewechselt, wo ich auch vorher schon trainiert habe. Dort fühle ich mich sehr wohl. Es ist wie in einer großen Familie und macht einfach Spaß. Aber das muss auch so sein. Wenn ich keine Freude an dem hätte, was ich tue, würde ich es nicht gut machen.

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Sie sind trotzdem immer noch sehr verbunden mit Ihrer Heimat Soest. Haben Sie auch eine Verbindung zu Lippstadt? 

Lückenkemper: In meiner Zeit beim LAZ Soest habe ich schon mal Wettkämpfe in Lippstadt bestritten. Ansonsten ist die Verbindung nicht so groß. Aber das Pferd meiner Freundin steht in Mastholte. Da fahre ich immer hin und reite, wenn ich mal runterkommen möchte.

Die Sprinterin im Schritttempo durch die Landschaft. Schwer vorstellbar. 

Lückenkemper: Es ist einfach etwas ganz Anderes. Ich kann mich dabei entspannen. Aber so ein vernünftiger Galopp darf es dann auch mal sein.

Mit dem DM-Titel haben Sie das Olympia-Ticket endgültig sicher. Geht damit ein Traum in Erfüllung? 

Lückenkemper: Ja, definitv! Schon bei der WM 2012 in Barcelona dachte ich mir: Wie geil wäre das denn, da mitzumachen?

Und wie rechnen Sie Ihre Chancen in Rio aus? 

Lückenkemper: Über 200 Meter gibt es schon einige, die schneller sind als ich. Dafne Schippers zum Beispiel läuft eine Sekunde schneller. Da habe ich keine Schnitte. Wenn ich eine Runde weiter ins Halbfinale komme, wäre das schon toll für mich.

Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften in Kassel

Rio 2016 steht momentan aber auch immer wieder mit dem Thema Doping in den Schlagzeilen. Was halten Sie vom Wettkampfverbot für die russischen Athleten? 

Lückenkemper: Es tut mir sehr leid für die Sportler, die sauber sind und trotzdem nicht starten dürfen. Sie können ja nichts dafür. Aber ich finde es auch schwierig, einzelne Sportler herauszupicken, weil es sich eben um systematisches Doping gehandelt hat. Es ist ein deutliches Zeichen gegen Doping und das ist gut. Ich fand aber auch den Vorschlag von Robert Harting super, den Athleten ein Doping-Asyl zu gewähren. Das heißt, dass saubere russische Sportler sich unseren Kontrollen unterziehen und dann trotzdem für Russland starten können. Aber das hat sich ja jetzt wohl erledigt.

Sind Sie persönlich schon mal mit Doping in Berührung gekommen? Wurde Ihnen vielleicht schonmal was angeboten? 

Lückenkemper: Nein. Aber natürlich habe ich schon zig Dopingkontrollen hinter mir. Das ist immer ganz toll, wenn die Kontrolleure plötzlich vor dir stehen und schon zieht sich deine Blase zu (lacht).

Das stellt also das wahre Problem dar? 

Lückenkemper: Man kann auf Knopfdruck einfach nicht pinkeln. Vor allem dann nicht, wenn die Kontrolleure in der Kabine vor einem stehen und alles beobachten. Das klappt einfach nicht.

Aber Sie nehmen es mit Humor. 

Lückenkemper: Das geht auch nicht anders. Außerdem weiß ich ja, dass ich sauber bin.

Hier gibt es den DM-Lauf von Gina Lückenkemper bei sportschau.de im Video

Dopingkontrollen sind also ziemlich nervig, auch wenn sie sinnvoll sind? 

Lückenkemper: Ja, vor allem, weil wir immer angeben müssen, wo wir gerade sind. Außerdem müssen wir pro Tag eine Stunde für eine mögliche Kontrolle verfügbar sein. Wenn man so oft unterwegs ist, ist das nicht einfach. Am besten wäre es, wenn sie uns einen Chip ins Smartphone packen. Das hat man doch sowieso immer dabei.

Spätestens seit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft und der Quali für Olympia kennt man Sie in der Sportwelt. Macht sich das in Ihrem Alltag schon bemerkbar? 

Lückenkemper: Auf den Events wird es schon mehr. Unglaublich, was nach den 200 Metern bei der DM los war. Hier ein Autogramm, da ein Selfie. Aber wenn ich durch Soest laufe, werde ich nicht so oft angesprochen. Außer einmal im Supermarkt, wo Fans ein Foto mit mir machen wollten. Da hatte ich passenderweise auch gleich die Chipstüte in der Hand. Aber mich stört das auch nicht. Ich beiße nicht. Jedenfalls nur dann, wenn ich hungrig bin (lacht).

Ihre offene Art kommt gut bei den Menschen an. 

Lückenkemper: Ja, nach dem Interview nach dem Titelgewinn in der ARD haben mir viele Leute gesagt, dass es erfrischend war, was ich gesagt habe. Das ist ein großes Kompliment.

Sie haben gerade Ihr Abitur geschafft. Was steht danach an? 

Lückenkemper: Ich würde gerne Wirtschaftspsychologie studieren. Von der Leichtathletik alleine kann man nicht leben. Aber nach Olympia will ich mir unbedingt auch mal wieder etwas Gina-Zeit für mich gönnen.

Ansonsten könnten Sie doch auch wie ihr Vater bei der Polizei Verbrecher jagen? 

Lückenkemper: Schnell genug wäre ich jedenfalls (lacht). Der Dieb dürfte dann nur kein Sprinter sein.

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