INTERVIEW

"Ich pfeife gern": Zwei Schiedsrichter über gestern und heute

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Sie zeigen aggressiven Spielern und Trainern erst die Gelbe, dann die Rote Karte: der 77 Jahre alte Schiedsrichter Alfred Wicher und der 19-jährige Kadir Aktas.

Hamm - Der eine ist 19 Jahre alt und pfeift seit 16 Monaten als Fußball-Schiedsrichter. Der andere ist 77, hat 1954 seine Prüfung zum Unparteiischen abgelegt und seitdem 4704 Spiele als Referee geleitet. Kadir Aktas (TSC Hamm) und Alfred Wicher (VfL Mark) sprechen mit WA-Sportredakteur Patrick Droste über Erfahrungen und Erlebnisse als Schiedsrichter  - gestern und heute.

Herr Wicher, mit Ihren 77 Jahren sind Sie nicht nur einer der ältesten, sondern als ehemaliger Zweitliga-Referee und Linienrichter in der 1. Liga auch einer der am höchsten pfeifenden Hammer Schiedsrichter. Wenn Sie nun mal Ihren Job vergleichen, was hat sich heutzutage im Vergleich zu früher verändert? 

Alfred Wicher: Ich war früher ein ganz harter Hund. Ich habe ja schon mit 15 Jahren meine Schiedsrichter-Prüfung gemacht. Dabei habe ich damals nur meinen Bruder begleitet, der Unparteiischer werden wollte. Aber dann haben die mich dazu gezwungen, mich zu melden und ebenfalls die Prüfung zu machen. Und da ich dann sehr jung war, wurde mir immer mit auf den Weg gegeben: Setz dich durch, sonst ist das nichts mit Aufstieg. Wenn ich dann samstags oder sonntags mit meinem Köfferchen am Platz auftauchte, hieß es immer: Oh, der Wicher kommt. Aber dadurch, dass ich meine Linie konsequent durchgezogen habe, hatte ich immer leichtes Spiel. Wobei ich sagen muss, je höher die Klasse ist, in der man pfeift, umso leichter ist es. Am schlimmsten sind die Spiele in der Kreisliga D. Die Spieler da sind unerfahren. Vor ein paar Jahren musste ich mal ein Spiel von IG Bönen III leiten. Einer der Jungs hatte so Bergwerkschuhe an mit einer Stahlkappe vorne. Früher hätte ich den nie mitspielen lassen, das ist ja nicht zulässig. Aber jetzt sehe ich das alles nicht mehr so eng.

Herr Aktas, Sie sind noch frisch dabei, was hat Sie motiviert, Schiedsrichter zu werden? 

Kadir Aktas: Ich wollte das mal probieren. Und ich muss sagen, mir macht das einfach Spaß. Ich pfeife gerne. Das sollten andere auch mal probieren.

Haben Sie immer Spaß oder gibt es auch Tage, wo Sie zumindest mit Respekt zu der Platzanlage fahren, wo Sie ein Spiel leiten? 

Aktas: Am schlimmsten war mein erstes Herrenspiel, das ich in Wiescherhöfen pfeifen musste. Ich bin vorher immer nur bei Jugendpartien eingesetzt worden. Und in dieser Begegnung damals konnte ich mich überhaupt nicht durchsetzen. Es war eben ganz anders. Das war nicht schön, es ist auch ein bisschen schief gelaufen. Aber ich wusste damals, dass ich da durch muss. Und das habe ich geschafft. Mittlerweile läuft es gut, wenn ich Herrenspiele pfeife, wobei ich das bestätigen kann, was Alfred gesagt hat: In der Kreisliga A ist es einfacher als in den unteren Ligen. Wicher: Ich muss sagen, dass ich immer noch vor jedem Spiel aufgeregt bin. Es ist zwar mehr als 40 Jahre her, dass ich das letzte Mal einen Spielabbruch hatte, aber ich bin immer erleichtert, wenn die Partie friedlich zuende gegangen ist. Man weiß ja nie, was kommt.

Seit dem 1. Juni gibt es einige neue Regeln. Herr Wicher, Sie haben in Ihrer langen Karriere zahlreiche Neuerungen miterlebt. Hat man so etwas schnell automatisiert oder müssen Sie sich als Schiedsrichter da auch erst langsam dran gewöhnen?

Wicher
: Das braucht schon ein bisschen Zeit, bis es sitzt, bis man das inhaliert hat. Ich habe ja in der Tat viele Neuerungen mitgemacht. Am besten fand ich die Zeitstrafen, auch bei den Senioren, die waren gar nicht so unsinnig.

Herr Wicher, was können Sie einem so jungen Schiedsrichter wie Herrn Kadir für Tipps geben?


Wicher: Ich halte nicht viel davon, Tipps zu geben. Auch nicht davon, dass man als Pate oder Beobachter eingesetzt wird. Jeder muss sich das selbst erarbeiten, erfahren, was ist richtig, was kannst Du machen, wie weit kannst Du gehen und dadurch seine eigene Persönlichkeit entwickeln. Was soll ich da als Fremder bei einem mitfahren.

Herr Aktas, was muss man Ihrer Meinung nach mitbringen, um ein guter Schiedsrichter zu sein? 

Aktas
: Pünktlichkeit, Durchsetzungsvermögen, Objektivität, Gerechtigkeit und Selbstbewusstsein, damit die Hand nicht zittert, wenn man die Gelbe Karte zückt.

Wicher
: Ich finde es wichtig, dass man gerecht ist. Man sagt ja, 70 oder 80 Prozent der Schiedsrichter bevorzugen die Heimmannschaft. Aber das darf nicht sein. Bei einem Spiel zwischen Herne und Gütersloh stand am nächsten Tag mal in der Zeitung über mich: Ein Heimschiedsrichter war er sicher nicht. Ich habe damals einen Herner in der 88. Minute vom Platz gestellt. Nach dem Spiel bekam dann mein Linienrichter eine Bierbüchse an den Kopf. Der meinte dann: Alfred, die war für dich. Wichtig ist, dass man objektiv ist, egal, ob für die Heim- oder Gastmannschaft.

Was können Sie durch Ihre Pfeiferei für sich und Ihr Leben lernen? 

Aktas: Ich war immer sehr schüchtern. Das hat sich zum Beispiel geändert. Das merke ich, wenn ich ein Vorstellungsgespräch habe, da trete ich jetzt auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz zum Einzelhandelskaufmann ganz anders auf.

Herr Wicher hat früher in der 2. Liga gepfiffen und war Linienrichter in der Bundesliga. Herr Aktas, was haben Sie für Ziele? 

Aktas: So hoch muss es für mich nicht gehen. Ich peile die Landesliga an. Denn in dieser Spielklasse ist man nicht mehr alleine, sondern in einem Team mit zwei Assistenten unterwegs. Das würde es einfacher machen, die Abseitssituationen besser zu erkennen. Wenn man alleine ist, dann ist das wirklich schwer.

Schwer ist doch sicherlich oftmals auch der Umgang mit den Spielern. Oder sind die Zuschauer das größere Problem? 

Aktas: Von außen nehme ich das nicht wahr. Aber es gibt schon Spieler, die sehr aggressiv sind. Schwierig ist es aber manchmal auch mit den Trainern. Es gibt welche, die diskutieren bei jeder Aktion. Ich höre mir das zwei, dreimal an, dann schicke ich den vom Platz. Sonst hat man doch die ganze Partie über nur Unruhe. 

Wicher: Durch die 60 Jahre, die ich pfeife, das wächst ja, man kennt mich. Hart spielen konnte man bei mir, aber nicht meckern. Da war ich unheimlich allergisch.

Wie gehen Sie mit Fehlern um? Häufig wird den Schiedsrichtern ihre Arroganz vorgehalten. Braucht man dies, um Fehler abprallen zu lassen? Oder wie gehen Sie damit um, wenn Sie merken, dass Ihre Entscheidung nicht richtig war? 

Wicher: Früher habe ich immer gesagt: Ich mache grundsätzlich keine Fehler. Heutzutage weiß ich aber auch, dass man nicht alles richtig sehen kann. Dafür kann man sich dann im Nachhinein durchaus entschuldigen. Auf dem Platz muss man aber auch erkennen, wann man eingreifen muss, sonst geht das in die Buchse.

Aktas
: Wenn ich merke, dass das nicht richtig war, wie ich das gesehen und entschieden habe, dann versuche ich das sofort abzuhaken. Ich kann ja eh nichts mehr verbessern. Dann konzentriere ich mich weiter auf meinen Job, damit ich nicht noch weitere Fehler mache. Wenn die Spieler nach der Partie zu mir kommen und meinen, dass das nicht so richtig war, dann sage ich, dass ich auch nur ein Mensch bin, dass ich auch Fehler machen kann.

Was wünschen Sie sich von den Spielern?

Aktas
: Ich wünsche mir mehr Respekt. Ich respektiere die Spieler und ihre Leistungen ja auch, das will ich zurückhaben. Sie sollen mich nicht als schlechten oder bösen Menschen sehen. Ich versuche doch, so neutral und gerecht, wie es geht, zu pfeifen.

Wicher
: Sie sollen ehrlich und disziplinierte sein, den Gegenspieler akzeptieren und nicht unsportlich sein.

Derzeit läuft ja in Frankreich die Europameisterschaft. Achten Sie da mehr auf die Schiedsrichter oder schauen Sie sich in aller Ruhe die Spiele an?

Wicher
: Ich gucke mir die Partie an. Wobei ich mich jedes Mal aufrege, wenn ich da fünf Schiedsrichter herumturnen sehe. Bei den Ecken wird gezogen, gerungen und gehalten – und diese Schiedsrichter hinter dem Tor sehen das nicht. Das ist für mich unbegreiflich. Ich hätte da sofort Strafstoß gepfiffen.

Aktas
: Ich achte schon auf die Schiedsrichter. Nicht die Laufwegen, aber gerade dann, wie sie reagieren, wenn ein Spieler aggressiv auf sie zukommt. Ich schaue mir die Mimik und die Gestik an, wie sie die Situation wieder beruhigen.

Herr Wicher, wie lange wollen Sie noch pfeifen?

Wicher
: So lange man mich haben will, ich bin da.

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