Trainer Uli Kunst macht Gina Lückenkemper schnelle Beine

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Uli Kunst, der Dortmunder Trainer von Gina Lückenkemper, traut der Soester Sprinterin den Sprung in die absolute Weltklasse zu.

Dortmund - Er ist der Mann, der der schnellsten Frau Deutschlands Beine macht: Der Dortmunder Leichtathletik-Trainer Uli Kunst ist seit etwa einem Jahr für den sportlichen Erfolg von Gina Lückenkemper mitverantwortlich. Die Soester Sprinterin wechselte im vergangenen Winter vom LAZ Soest zur LG Olympia Dortmund. Anzeiger-Mitarbeiter Sebastian Moritz sprach mit dem 65-Jährigen über kleine Fehler bei der DM, über eine Entscheidung, die den Weg zur Weltspitze ebnen könnte, und über Journalisten, die „einen Knall haben“.

Lassen Sie uns zunächst noch einmal auf die DM in Kassel zurückblicken. Wer die 200 Meter unter 23 Sekunden läuft, kann nicht so viel falsch gemacht haben. Lückenkemper war im Finale nach 22,84 Sekunden im Ziel. Wo liegt trotzdem noch Verbesserungspotenzial?

Uli Kunst: Da war schon Vieles richtig, was glaube ich noch so ein bisschen fehlte, war die letzte Frische. Seit dem Saisoneinstieg in Herzogenaurach bis jetzt zur DM waren das strapaziöse Wochen. Vor allem gemessen an dem, was Gina als Grundlage mitbringt. Sie ist ja jetzt nicht schon Jahre auf diesem Niveau. Da war mir schon klar, dass das in Kassel ein kleiner Ritt auf der Rasierklinge werden würde. Das hätte auch in die Hose gehen können.

Trotz aller Belastung war das aber doch ein richtig starkes Finish. Am Ende hat sich Lückenkemper mit einem Vorsprung von drei Hundertstelsekunden gegen Lisa Mayer durchgesetzt.

Kunst: Auf jeden Fall. Nicht nur das Finish, das ganze Rennen war stark. Die beiden sind 100 Meter lang, eine ganze Gerade runter, Kopf an Kopf nebeneinander her marschiert. Das sieht man nicht sehr oft. Normalerweise verkrampft immer eine der beiden oder macht irgendwo einen Fehler, das haben beide nicht gemacht. Und dieser Kick auf den letzten Metern gehörte dann eben Gina.

Alles zu Gina Lückenkemper

Das hat sie ziemlich clever gemacht, sich ins Ziel geworfen, so die letzten Hundertstel herausgeholt. Gehört so etwas auch zum Training?

Kunst: Nein, das kann man sicherlich trainieren, aber wir haben das bisher noch nicht gemacht. Das ist einfach Ginas Naturell, sie weiß, was sie macht. Sie läuft einfach ihr Rennen weiter bis auf den letzten Meter. Im Video sieht man ganz genau, dass Gina auf den letzten beiden Doppelschritten einfach noch mehr ihr Rennen durchgezogen hat als Lisa. Und das trainieren wir natürlich ständig.

Ein Punkt, der in der Vergangenheit immer noch eine Schwachstelle war, ist der Start. Wie hat sich Lückenkemper da entwickelt?

Kunst: Wenn ich mir die Reaktionszeiten anschaue, sehe ich, dass Gina da drei, vier Hundertstel besser ist als im letzten Jahr. Die Reaktion an sich wird sich, denke ich, nicht mehr großartig ändern. Was besser geworden ist, ist einfach der Lauf vom Block weg. Der erste Schritt kommt flacher, die Körpervorlage ist deutlicher, so bekommt sie mehr Druck auf die Schritte und die Schritte sind insgesamt länger geworden. Bei den 200 Metern ist das allerdings nicht so gravierend, aber über 100 Meter macht das natürlich schon einen deutlichen Unterschied.

Es gibt also offenbar noch Einiges zu verbessern. Ist denn überhaupt abzusehen, wie viel Potenzial noch in Lückenkemper steckt?

Kunst: Da gebe ich jetzt keine Antwort drauf. Da würde ich an die Wand genagelt werden und vielleicht furchtbar überheblich klingen. Die Frage ist, wie sich Gina in den kommenden Monaten entscheidet. Da kommt jetzt bald möglicherweise ein Studium oder ein Beruf und sie muss überlegen, wie sie das macht. Da habe ich allerdings keinen Einfluss drauf, diese Frage muss sie sich selbst beantworten. Aber wenn sie sich für den Sport entscheidet, dann kann das in die absolute Weltspitze gehen, da stehe ich zu.

Lückenkemper hat jetzt fünf bis sechs Trainingseinheiten pro Woche. Müsste sie für diesen Sprung in die Weltspitze noch mehr trainieren?

Kunst: Ja, sie muss zwangsläufig ein bisschen mehr investieren. Das heißt jetzt aber nicht gleich zehn oder zwölf Einheiten pro Woche. Aber da müsste schon etwas mehr gemacht werden. Natürlich kommt man auch so weiter, das hat ja in dieser Saison auch funktioniert. Aber eine junge Athletin wie Gina muss mehr investieren als ein 26- oder 28-jähriger Sportler. Bei der Pressekonferenz vor der DM hat sie gesagt, dass sie auch zehnmal pro Woche trainieren würde, wenn sie Spaß dabei hat. Und für diesen Spaß bin ich als Trainer letztlich verantwortlich.

Der DLV hat das EM-Team für Amsterdam bekannt gegeben. Lückenkemper wird über 200 Meter und in der Staffel starten. Sie verzichtet wieder auf die 100 Meter, obwohl sie auch da gute Chancen hätte. Warum?

Kunst: Das hat drei Gründe. Einmal glaube ich, dass sie über 200 Meter doch die besseren Möglichkeiten hat. Dann läuft sie die 200 Meter einfach lieber. Und schließlich spielt ihr auch der Zeitplan in die Karten. Normalerweise sind die 100 Meter am Beginn, dann kommen die 200 Meter und dann die Staffel. Dieses Mal ist es genau umgekehrt. Zumal die 200-Meter-Favoritin Dafne Schippers die 200 Meter nicht laufen möchte. Für uns umso schöner.

Bei der DM haben die ersten Journalisten Gina schon zur Favoritin auf den EM-Titel gemacht. Was sagt man denn solchen Leuten?

Kunst: Einen Knall habt ihr (lacht). Da werden noch so viele aus dem Loch kommen. Favoritin ist Gina nicht, trotzdem kann da natürlich schon eine ganze Menge passieren, das ist klar. Das Ziel ist erst einmal der Endlauf.

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