Bei Sokratis flossen Tränen

Thomas Tuchel übt nach der Niederlage Selbstkritik

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Thomas Tuchel übt nach der Niederlage Selbstkritik.

Berlin - Als sich die Mannschaft des BV Borussia Dortmund nach der dritten Pokal-Final-Pleite in Folge in Richtung Kurve zu den Fans bewegte, setzte sich BVB-Trainer Thomas Tuchel im Berliner Olympiastadion erst einmal auf die Bank der Schwarz-Gelben, um nachzudenken.

Die 3:4 (0:0, 0:0)-Niederlage im Elfmeterschießen gegen den FC Bayern München bei seiner Endspiel-Premiere vor 74 322 Zuschauern animierte den Fußball-Lehrer zur schonungslosen Selbstkritik und einer kleinen Abschieds-Watschn für den scheidenden Kapitän Mats Hummels. 

Das Ergebnis des Elfer-Krimis nahm er allein auf seine Kappe: „Ich mache mir selbst einen Vorwurf. Ich hätte es nicht zulassen dürfen, dass Sven Bender und Sokratis als Zweiter und Dritter schießen.“ Beide waren im BVB-Trikot nie zuvor zu einem Elfmeter angetreten. Der zuvor von Krämpfen geplagte Bender scheiterte mit seinem schwachen Versuch an Manuel Neuer. Sokratis, der in 120 Minuten der überragende Turm in der Dortmunder Defensive war, traf nur den Außenpfosten. Beim Griechen flossen anschließend Tränen: „Der verschossene Elfmeter wird noch länger in meinem Kopf bleiben. Aber ich habe mich gut gefühlt, also habe ich auch geschossen. Es ist bitter, so zu verlieren.“ 

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Allerdings besaß Tuchel große Probleme, nach den 120 Minuten überhaupt Spieler zu finden, die bereit waren, zum Punkt zu schreiten. „Papa und Bender haben sofort gesagt, wir machen das. Ich hätte die Reihenfolge aber selbst bestimmen sollen“, lamentierte der Coach. Tuchel beteuerte anschließend in der Pressekonferenz, dass seine Kritik an der Mannschaft nicht als Vorwurf zu verstehen sei. Sie habe schließlich aufopferungsvoll und leidenschaftlich, aber leider nicht taktisch klug verteidigt. 

Defensive Aufstellung als falsches Signal

Allerdings hatte Tuchel bereits mit seiner sehr defensiven Aufstellung der Mannschaft ein falsches Signal gegeben. Seinen Plan, gegen ballsichere Bayern höher zu verteidigen, konnte das Team nicht umsetzen, „Es hat uns lange Zeit an Mut und Selbstvertrauen gefehlt. Es gab auch von den Bayern Ballverluste, doch wir haben schlampig gekontert, vieles liegen lassen, was möglich gewesen wäre.“ Unter dem Strich hatten die Bayern aber die Mehrzahl an guten Chancen. 

Erster BVB-Torschuss nach 33 Minuten

Dortmund schoss erstmals nach 33 Minuten überhaupt durch Pierre-Emerick Aubameyang auf das Münchner Tor. Der Gabuner war es auch, der vier Minuten vor Ende der regulären Spielzeit nach einem schnellen Konter über Sokatris und Lukasz Piszczek freistehend die größte BVB-Chance im Spiel überhaupt vergab. 

Dissonanzen zwischen Tuchel und Hummels

Deutlich wurde in der Pressekonferenz nach dem Spiel, dass zwischen dem Dortmunder Fußball-Lehrer und seinem scheidenden Kapitän offenbar keineswegs eine so große Harmonie herrschte wie öffentlich vorgelebt. Die Frage, ob Mats Hummels nach 78 Minuten wegen einer Verletzung vom Feld gegangen sei oder ob er einfach nur erschöpft war, beantwortete Tuchel nur kurz: „Mats hat um seine Auswechselung gebeten.“ Und auch die Bewertung der Leistung des zum Final-Gegner wechselnden Innenverteidigers fiel extrem „knurrig“ aus. „Er kann es besser“, betonte der Coach. 

Hummels "sehr traurig und enttäuscht"

Hummels selbst zeigte sich nach seinem letzten Auftritt im schwarz-gelben Trikot niedergeschlagen. „Ich bin sehr traurig und enttäuscht. Über die Niederlage. Aber auch darüber, dass ich raus musste. Ich wollte noch einmal alles geben, und habe das auch, aber leider nur 78 Minuten. Es ist anders gekommen, als ich mir das vorgestellt habe. Umso trauriger, weil ich gerne selber jede Minute mit daran gearbeitet hätte, dass wir es schaffen.“ 

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Die folgende Aussage des Nationalspielers über die Auswechselung deckte sich aber keineswegs mit der von Tuchel. „Ich hatte einen Krampf, der leider nicht zu ignorieren oder zu überspielen war. Ich habe es zwar versucht und wollte noch ein paar Minuten spielen in der Hoffnung, dass er weggeht, aber der Trainer hat an meinen Bewegungen gesehen, dass es nicht mehr gereicht hat, um auf diesem Niveau mitzuspielen.“

"Zum Schluss kein Fußball mehr"

Dass er selbst um seine Auswechslung gebeten habe, sagte Hummels nicht. Allerdings hatten nicht nur die Dortmunder in ihrem 56. Pflichtspiel in dieser Saison, sondern auch die Münchner (54.) große Probleme, über die verlängerte Distanz zu gehen. „Das war zum Schluss kein Fußball mehr, wenn man überhaupt nicht mehr in der Lage ist, den Gegner anzulaufen“, meinte Marcel Schmelzer, der nach 70 Minuten entkräftet vom Feld humpelte. Warum am Ende mehr Borussen als Bayern Wadenkrämpfe hatten, konnte der BVB-Außenverteidiger ganz einfach erklären: „Die Bayern hatten ja meist den Ball. Dann fällt das nicht so auf“, so Schmelzer.

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