Fußball-Tempel als Ort der Stille: Große Gefühle in Dortmund

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Dortmund - Der Fußball wurde zur Nebensache. Nach dem Tod eines Fans im Dortmunder Stadion herrschte beim 2:0 über Mainz kollektive Trauer. Die einfühlsame Reaktion der Fans verwandelte das Stadion in einen Ort der Stille - und sorgte für großen Respekt.

Die kollektive Trauer ging selbst den Profis mächtig unter die Haut. Den Tränen nahe und nahezu regungslos verharrte das Dortmunder Team nach dem 2:0 (1:0) über den FSV Mainz minutenlang vor der mächtigen Südtribüne. Arm in Arm gedachten sie eines beim Spiel gestorbenen Fans - begleitet von den "You'll never walk alone"-Gesängen der Fans. Über Tore, Taktik und Punktabstände mochte danach kaum noch jemand reden. Liga-Präsident Reinhard Rauball war tief bewegt: "Das nötigt mir unfassbaren Respekt ab. Wir haben nicht immer nur Freude mit den Fans, aber das zeigt, wie tief verwurzelt Begriffe wie Ehre und Respekt vor anderen sind."

Zwei tragische Zwischenfälle machten das sportliche Geschehen auf dem Rasen zur Nebensache. Trotz Reanimationsversuchen erlag ein 79 Jahre alter Zuschauer in der Südwestecke des Stadions einem Herzinfarkt. Ein weiterer 55 Jahre alter Anhänger konnte erfolgreich wiederbelebt und ins Krankenhaus gebracht werden.

Die Nachricht verbreitete sich dank der Stadion-Internetanbindung und der sozialen Medien in Windeseile auf den Tribünen. Zudem trugen die Ansagen der sogenannten "Capos", die die akustische Unterstützung via Megafon koordinieren, zur spontanen Reaktion beider Fanlager bei. Die Fahnen wurden eingerollt, die Sprechchöre verstummten.

Es gab schon häufiger Todesfälle in Stadien, aber noch nie hatten sie derartige Auswirkungen auf ein Spiel. "Ich wollte in der zweiten Halbzeit an der Seitenlinie noch pushen. Irgendwann habe ich mich gefragt, was ist das für eine Stimmung?", kommentierte der Mainzer Coach Martin Schmidt. "Wie 80 000 Leute innerhalb von wenigen Minuten verstummen können, finde ich unheimlich beeindruckend. Die Einzigen, die gegeneinander gekämpft haben, waren die 22 auf dem Platz. Alle anderen waren eine Einheit."

Der abrupte Stimmungswechsel blieb auch auf dem Rasen nicht unbemerkt. "Die Atmosphäre war irgendwie ein bisschen ruhig, trotzdem war eine gewisse Aufgewühltheit zu spüren. Ganz seltsam", sagte BVB-Kapitän Mats Hummels. Für kurze Zeit kamen beim Nationalspieler die Bilder vom Terroranschlag vor vier Monate während des Länderspiels der DFB-Elf gegen Frankreich zurück. "Auch damals ist mir die Atmosphäre aufgefallen, daran habe ich mich erinnert gefühlt. Es nicht einfach, in einer solchen eigenartige Atmosphäre die Konzentration hochzuhalten."

In ungewohnter Stille ging die Partie zu Ende. Nur beim Tor von Shinji Kagawa (73. Minute), der nach dem Führungstreffer des überragenden Marco Reus (30.) den letzten Zweifel am BVB-Sieg beseitigte, stieg der Geräuschpegel im Stadion kurz an. Aus Respekt vor dem Todesopfer und den Angehörigen wurde auf die Tormusik und die Verkündung des Torschützen verzichtet.

Wenige Minuten vor dem Abpfiff erhoben sich auch die Sitzplatzbesucher und stimmten in die "You'll never walk alone"-Gesänge der Fan-Gruppen ein. "Es war eine sehr beklemmende Situation und sehr schwer, am Spielfeldrand oder auf dem Feld zu stehen, ohne zu wissen, was los ist. Und trotzdem der Verpflichtung nachzukommen, so gut wie möglich zu spielen", sagte BVB-Trainer Thomas Tuchel.

Bei allem "Mitgefühl für die Angehörigen der betroffenen Personen" war es dem Fußball-Lehrer jedoch ein Bedürfnis, seinen Spielern ein großes Lob auszusprechen: "Um noch ein paar Sätze zur Leistung zu verlieren. Ich finde es herausragend gut, was die Mannschaft heute gezeigt hat. Schließlich hatten wir zuletzt so viele Spiele und keine einzige Woche, in der wir regenerieren konnten", sagte der Coach mit Verweis auf die zurückliegende Terminhatz mit elf Partien in den vergangenen fünf Wochen.

Ein Kräfteverschleiß seines Teams war auch am Sonntag nicht erkennbar. In beeindruckender Manier dominierte der BVB auch die Mainzer, die sich zuvor mit Siegen gegen Mönchengladbach, Schalke, Leverkusen und München den Ruf als Favoritenschreck erworben hatten. Vor allem der schon drei Tage zuvor beim 3:0 über Tottenham treffsichere Reus lief zu großer Form auf. Tuchel geriet ins Schwärmen: "Es war überragend, wie er sich bei jedem Spielstand reingeklemmt hat. Marco kann die Grenzen nach oben verschieben." - dpa

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