Diskussion um Technik neu entflammt

Pokal-Finale: So sah der Schiri die strittige Situation

+
Mats Hummels war nach dem nicht gegebenen Treffer erbost.

Berlin - Nach dem Abpfiff des Pokal-Endspiels zwischen Borussia Dortmund und Bayern München entflammte eine neue Diskussion über die Torlinien-Technik. Schiedsrichter Florian Meyer gab eine Erklärung heraus.

Tor oder nicht Tor? Millionen Menschen an den Fernsehern war sofort klar, dass der Ball nach Hummels Kopfball von Dante erst hinter der Linie geklärt wurde (64.) – doch Schiedsrichter Florian Meyer ließ weiterspielen und brachte so Dortmund um die 1:0-Führung. „Im realen Ablauf war es sowohl für meinen Assistenten als auch für mich nicht zweifelsfrei erkennbar, ob der Ball die Torlinie vollständig überschritten hat oder nicht“, zitierte der DFB den Referee in einer Mitteilung vom Sonntag. „Somit haben wir entschieden, das Spiel weiterlaufen zu lassen“, so Meyer.

Der DFB wies am Sonntag zudem die Darstellung zurück, der Assistent habe zunächst auf Tor entschieden. „Florian Meyer hat seinen Assistenten nicht überstimmt, es gab auch keine unterschiedliche Wahrnehmung der Situation. Von der Seitenlinie kam weder per Fahne noch über Headset das Signal auf ein Tor“, erklärte DFB-Mediendirektor Ralf Köttker. Inzwischen ist auch der Bild-Beleg aufgetaucht. Und der beweist: Der Assistent zeigt mit der Hand Richtung Mittellinie. Und das bedeutet: weiterspielen lassen.

Erst vor zwei Monaten hatten sich die 36 deutschen Profiklubs mehrheitlich gegen die Einführung jener technischen Hilfe für die Schiedsrichter ausgesprochen. Die Befürworter sahen sich in der 64. Minute des Duells zwischen Borussia Dortmund und Bayern München (0:2 n. V.) einmal mehr bestätigt.

„In dem Moment war mir auch klar, dass die Diskussion wieder beginnt. Die Bundesligavereine haben dagegen gestimmt und so lange das so ist, werden wir vom DFB nichts anderes machen“, betonte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach bei Sky. Er selbst sei für die Torlinientechnik, aber selbst, wenn das Votum positiv gewesen wäre, hätte man die Torlinientechnik am Samstag noch nicht gehabt.

Für BVB-Trainer Jürgen Klopp ist die Debatte, speziell nach dem Kopfball von Nationalspieler Hummels unnötig. Dafür hätte es die Torlinientechnik nicht gebraucht, so der 46-Jährige, der Fall sei so eindeutig gewesen. „Die Torlinientechnik gibt es ja nun einmal nicht, aber es gibt Torrichter. Wo waren die denn?“, ereiferte sich Klopp.

„Wenn Dante es geschafft hätte, die Szene vor der Linie zu klären, obwohl er mit dem Standbein auf der Linie und mit dem anderen Bein dahinter stand, könnte er mit der Nummer im Cirque du ­Soleil auftreten“, höhnte Jürgen Klopp und ergänzte: „Das muss man auch sehen, wenn man keine Torlinientechnik hat.“ Auch Robert Lewandowski sagte nach seinem letzten Spiel für den BVB gegen seinen zukünftigen Verein: „Ich habe es klar gesehen, es war ein Tor. Das ist ein großer Schmerz.“

Torrichter "überall in Sibirien"

„Überall in Sibirien“ würden Torrichter eingesetzt, nur nicht bei einem Finale einer der größten Verbände der Welt, wetterte Klopp, zumal UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino dem deutschen Fußball nach der Entscheidung gegen eine Torlinientechnik zur Einführung der Torrichter geraten hatte. „Wir haben wirklich gute Erfahrungen damit gemacht“, sagte Infantino. „Bei 20 bis 30 Situationen helfen die Torrichter.“

Jedem im Stadion war sogleich klar, dass diese eklatante Fehlentscheidung in diesem intensiven, kraftraubenden Schlagabtausch einen wesentlichen Einfluss auf den Ausgang des Spiels haben wird. „Der Kampf war verbissen und die Bayern haben sich schon die Wadenkrämpfe ausgedrückt“, begründete Klopp. Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm, der verletzt frühzeitig ausgeschieden war, sagte bei Sky: „Das ist bitter für Dortmund!“

Der Frust beim BVB saß tief. „Es ist schade, dass so ein Finale durch so eine Fehlentscheidung entschieden wird. Hauptsache wir votieren alle gegen Torlinientechnologie. Kein Mensch weiß so richtig warum, aber das ist nicht nachvollziehbar. Ich verstehe auch nicht, warum wir keine Torrichter haben“, meinte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc.

„Torschütze“ Hummels ist überzeugt: „Der Videobeweis zum Beispiel würde vieles einfacher machen. Jede Mannschaft könnte zweimal pro Halbzeit die Chance für einen Videobeweis bekommen.“ Sein Mannschaftskollege Marcel Schmelzer meinte verärgert: „Ich glaube, jeder, der gegen die Torlinientechnik gestimmt hat, sollte mal erleben, wie es sich anfühlt, wenn man dadurch einen wichtigen Erfolg nicht bekommt.“

Für die Technik geworben hatten auch die Münchner. „Als Demokraten haben wir die Entscheidung zu akzeptieren, aber wir vom FC Bayern bedauern dies. Wir werden in Zukunft weiter mit Fehlentscheidungen leben müssen. Es sollte dann aber auch nicht weiter darüber lamentiert werden“, hatte Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge nach der Abstimmung im März gesagt.

Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge regte nun ein erneutes Nachdenken über die Einführung der Torlinientechnik an. „Vielleicht sollte die DFL noch mal eine Initiative starten, weil wir solche Diskussionen in Zukunft nicht brauchen.“ Möglich sei, die Technologie zunächst nur in der Bundesliga einzuführen. „Es sollte nicht an finanziellen Dingen scheitern. Es geht hier um viel Geld, viel Ehre und Ruhm“, sagte Rummenigge. Vor allem die Zweitliga-Klubs lehnen die Technik wegen der Kosten (rund 200 000 Euro pro Stadion) ab.

Rauball zur Torlinien-Technik: "Notwendigkeit nicht geringer geworden"

Liga-Präsident Reinhard Rauball hat sich nach dem nicht gegebenen Tor von Mats Hummels im DFB-Pokalfinale verstärkt für die Einführung der Torlinientechnik ausgesprochen. „Dass eine Notwendigkeit dafür besteht, ist seit dem gestrigen Tage sicherlich nicht geringer geworden“, sagte Rauball zu WDR2. Borussia Dortmund, dessen Präsident Rauball ebenfalls ist, hatte das wohl reguläre Tor nicht gewertet bekommen, obwohl der Ball von Hummels deutlich hinter der Linie war und der Nationalspieler nach Ansicht der TV-Bilder wohl nicht im Abseits stand. Nach 90 Minuten stand es somit 0:0, Bayern München gewann 2:0 in der Verlängerung. „Man muss aber fairerweise sagen, dass beide Mannschaften für die Einführung gestimmt hatten“, betonte Rauball: „Außerdem hätte die Einführung frühestens in der nächsten Saison gegriffen. Dieses Finale wäre davon also nicht berührt gewesen.“

sid/tz

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare