„Unheimlich inspirierend“: Jens Lang fährt nach Rio

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Als Trainer der australischen Tischtennisspieler fährt der Bönener Jens Lang zu Olympia.

Bönen - Wenn am 5. August 205 Nationen ins Estádio de Maracanã einlaufen, ist auch ein Bönener bei der Eröffnungsfeier in Rio de Janeiro mit dabei. Jens Lang ist Tischtennistrainer der australischen Nationalmannschaft und gehört in dieser Funktion bei den 31. Olympischen Spielen zur Delegation des Landes Down Under. „Das wird ein unvergleichliches Erlebnis“, steigt bei ihm so langsam die Vorfreude auf seine zweiten „Spiele“ .

Die erste Etappe hat der noch 39-Jährige – am Samstag wird er 40 – bereits zurückgelegt. Am Dienstagmittag australischer Zeit flog er mit seiner sechsköpfigen Mannschaft und einem Teamleiter in ein fünftägiges Trainingslager nach Santiago de Chile. Dann geht es weiter nach Rio. Elf Stunden beträgt der Zeitunterschied von Brisbane an der australischen Ostküste, wo Lang wohnt und arbeitet, nach Brasilien. Die Spieler müssen sich akklimatisieren und an den veränderten Tagesablauf gewöhnen. „Das hat einen Rieseneinfluss“, erklärt Lang. Denn auch wenn die Australier im Tischtennis sicherlich zu den Außerseitern zählen, gut vorbereitet wollen sie doch sein.

Seit Juni 2011 ist Lang mittlerweile auf dem fünften Kontinent – übrigens der grüne Ring in der Olympischen Flagge. „Das ist unglaublich. Die Zeit ging im Nu rum“, staunt der Bönener selbst, der in Deutschland in der 2. Bundesliga und der Regionalliga spielte. Dabei schlug er in Köln, Wuppertal und auch in der Pestalozzischule für die Tischtennisfreunde beziehungsweise für deren Vorgängervereine auf. Seine Arbeitsstelle hat ihn viel in der Welt herumkommen lassen. „Reisen gehört zu meinem Job“, sagt Lang. Allein in diesem Jahr war er bei der Mannschafts-WM in Malaysia, den Junior Open in Thailand, fährt nach Rio und im November geht es nach Südafrika zur Jugend-WM. Die nationalen Turniere sowie die Olympia-Qualifikation Ozeaniens lassen das Bonusmeilen-Konto weiter ansteigen. Zwischendurch fliegt er sogar einmal nach Deutschland, wenn im Oktober ein Herren-Weltcup in Saarbrücken stattfindet. „Südamerika ist der einzige Kontinent, wo ich noch nicht gewesen bin.“ Da kann Lang jetzt auch einen Haken dranmachen. Vor zwei Jahren war er außerdem bei dem Commonwealth Games in Glasgow und vor vier Jahren schon bei Olympia in London.

Zum ersten Mal bei der Eröffnungsfeier

Bei der Eröffnungsfeier war er 2012 allerdings noch nicht, weil die Plätze für Offizielle beschränkt sind. Daher wird die vermutlich wieder pompöse Veranstaltung in Brasilien für ihn ein echter Höhepunkt. „Ich denke schon, dass es je näher es kommt, anfängt zu kribbeln“, verspürt er so langsam Vorfreude. Seinen Spielern überließ er übrigens die Wahl, ob sie an der Feier teilnehmen oder nicht. Die müssen nämlich am nächsten Morgen ab 9 Uhr im Mannschaftswettbewerb an der Platte stehen. Sechs bis sieben Stunden sind die Athleten auf den Beinen, bis sie wieder zurück im olympischen Dorf sind, davon stehen sie rund zweieinhalb Stunden im Stadion. „Das wirkt sich negativ auf die Performance aus“, sagt Lang mit Blick durch die Trainerbrille. Doch er weiß auch, dass es bei Olympia um mehr als den Sport geht. Da gilt es die richtige Balance zu finden. „Wir haben unsere Empfehlung ausgesprochen. Alle vier Einzelspieler wollen mit einmarschieren. Und das können wir verstehen. Da sind wir dann kompromissbereit. Wenn ich der Nationaltrainer von China wäre, hätte ich aber die Entscheidung getroffen und nein gesagt.“

„Man wird erschlagen von den Eindrücken“

Viel zu holen gibt es für die Australier im Teamwettbewerb wohl ohnehin nicht. Zwar haben sie alle sechs möglichen Plätze in Ozeanien geholt. In Rio sind sie jedoch an Nummer 16 von 16 teilnehmenden Nationen gesetzt, treffen daher in der ersten K.-o.-Runde auf eine der vier Topmannschaften. Bei den Herren sind das China, Japan, Korea und Deutschland, bei den Damen ersetzt Singapur in dieser Liste Korea. „Ein Sieg ist nicht realistisch, aber wir wollen die Gegner maximal fordern“, gibt Lang vor. In den Einzeln sollen alle vier Australier die erste Runde überstehen. „Das ist ein hohes Ziel“, sagt der Trainer aus Deutschland.

In Chile wollen sich die Australier vor Olympia in Form bringen, am 31. Juli erfolgt der Umzug. Ob der aber tatsächlich ins olympische Dorf gehen wird, ist derzeit ungewiss. Die australische Delegation erklärte am Sonntag die dortigen Zimmer für unbewohnbar. „Wir ziehen da nicht ein, bevor dass nicht fertiggestellt ist“, hat Lang vor seinem Abflug eine Nachricht vom australischen Olympischen Komitee erhalten. Hotels seien bereits im direkten Umfeld gebucht. Jetzt lässt sich der Bönener überraschen, wie es in einer Woche aussieht.

In Rio erwarten Lang neben dem Training verschiedenste Aufgaben. Er muss sich mit seinem Teamleiter um administrative Aufgaben kümmern, bestreitet Medientermine, betreibt Videoanalysen mit seinen Spielern und wird viele Einzelgespräche führen. Fünf seiner sechs Akteure sind zum ersten Mal dabei. „Man wird in den ersten Tagen erschlagen von den Eindrücken, ist mit allem beschäftigt, nur nicht mit der Konzentration auf das eigene Spiel. Besonders Jüngere kriegen den Mund gar nicht mehr zu, wenn im Essensraum neben ihnen Venus Williams, Tyson Gay oder Usain Bolt stehen. Das ist ein unheimlich großer Ablenkungsfaktor“, beschreibt Lang den Faktor Olympia. Bei seinen Spielern will er daher in den Gesprächen wieder den Fokus auf den Tischtennissport richten.

Den olympischen Geist atmen

Aber der Bönener will auch genießen. „Die Olympischen Spiele sind eine Erfahrung, die nur schwer vergleichbar ist mit etwas Anderem. Es ist unheimlich inspirierend für die Spieler und auch als Trainer, sich mit den Besten der Welt – nicht nur im Tischtennis, sondern aus allen Sportarten – zu messen.“ Wenn das Athletendorf dann doch noch fertig wird, will Lang den olympischen Geist atmen. „Das ist ein großes Miteinander. Es sitzen alle im gleichen Boot“, weiß er aus seiner Zeit vor vier Jahren in Londen. Zudem hofft er vom Kartenkontingent des australischen OK zu profitieren. 2012 sah er das Basketballspiel der Australier gegen die USA, Hockey und Turmspringen.

Waren die Spiele in England perfekt organisiert, rechnet Lang nun damit, dass „wir ein bisschen Flexibilität und Spontanität mitbringen müssen, was die Organisation und die Infrastruktur vor Ort betrifft.“ Dafür sei Brasilien ein lebensfrohes und farbenfrohes Land mit einer tollen Kultur. „Und das Wetter ist schließlich auch sehr schön da.“ Die Vorfreude bei Jens Lang steigt also. Und der Countdown für die Olympischen Spiele läuft.

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