Cirque-Artistin Gasparoli: "Talent allein reicht nicht"

+

DÜSSELDORF - Die gebürtige Schweizerin Stephanie Gasparoli wird mit dem Cirque-du-Soleil-Programm "Kooza" im November und Dezember in Düsseldorf mit einer spektakulären Trapeznummer zu sehen sein. Markus Hanneken sprach mit der vielfach ausgezeichneten Künstlerin über ihre spannende Karriere.

Stephanie, Sie sind gebürtige Schweizerin. Wo sind Sie aufgewachsen, und in welchem Alter und auf welche Weise haben erstmals gespürt, dass Sie einen Hang zur Artistik beziehungsweise zum Zirkus haben?

Stephanie Gasparoli: Ich bin in Basel-Stadt geboren und dort aufgewachsen. Mit acht Jahren habe ich beim Jugend Circus Basilisk angefangen, nachdem ich eine Show gesehen und mir das so gut gefallen hat. Da habe mir gesagt, DAS will ich auch machen.

Gab beziehungsweise gibt es in Familienmitglieder mit einem ähnlichen Talent wie dem Ihren? Sprich: Haben Sie Ihr Talent "geerbt"?

Gasparoli: Nein, mein Vater war Werkzeugmacher und meine Mutter Hausfrau und Sekretärin

Ist dieses Talent entsprechend früh ernstgenommen und gefördert worden? Wenn ja - auf welche Weise ist das passiert?

Gasparoli: Ich war zehn Jahre beim Jugendcircus, wo ich trainiert habe. Bis zu meinem 15. Lebensjahr war das alles sehr spielerisch, erst als ich mehr erreichen wollte, begann das härtere Training. Ich musste mir alles selbst erarbeiten, da ich keine Eltern im Hintergrund hatte, die mich zu hundert Prozent finanziell unterstützt haben.

Alles rund um "Kooza" und den Cirque du Soleil in Düsseldorf lesen Sie hier!

Sie erwähnten, die Artistik habe Ihre körperliche Unruhe - ADHS? - auf natürliche Weise kompensieren können. Können Sie etwas genauer beschreiben, was das in der Praxis bedeutet(e)?

Gasparoli: Bei mir wurde kein ADHS festgestellt. Aber wie viele Kinder, so hatte auch Ich einen ungeheuren Drang zur Bewegung. Der Jugend Circus bot mir die perfekte Möglichkeit, das auszuleben. Gleichzeitig erlernte ich dort auch Disziplin und Körpergefühl.

Welche Auswirkungen hatte die Entscheidung, der Artistik einen größeren Raum zu gönnen, auf Ihr Leben beziehungsweise auf Ihr Lebensumfeld?

Gasparoli: Mit 17 bin ich in die renommierte Circus Schule in Montreal (Ecole Nationale de Cirque) eingetreten und habe dort fünf Jahre lang mein Können perfektioniert. Neben Artistik habe ich auch Schauspiel und Tanz studiert.

Wie hat sich Ihre "Karriere" in Kinder- und Jugendjahren entwickelt? Welche waren wichtige Stationen für die Entwicklung und warum?

Stephanie Gasparoli in der Show: Ich hatte auf der Schule einen fantastischen Trainier (Viktor Fomin), der mich sehr gefördert und mir alles beigebracht hat, was man in diesem Metier braucht."

Gasparoli: Ein ganz wichtiger Schritt war die Zusammenarbeit mit Christoph Gobet von "Die Sorellas", der zu dieser Zeit mit Circus Roncalli unterwegs war. Wir haben zusammen eine Partner-Trapeznummer einstudiert, mit der ich beim Circusfestival in Monte Carlo "Premiere Rampe" eine Silbermedaille gewonnen habe. Zu dem Zeitpunkt wurde ich vom Direktor der Circu-Sschule in Montreal "entdeckt".

Ist Ihnen die Entwicklung zeitweise sehr schwer gefallen? Oder war es eine natürliche und selbstverständliche Entwicklung, die Ihnen auch anstrengende Arbeit eher leicht gemacht hat?

Gasparoli: Am Anfang war es in der Schule schwer, nachdem ich plötzlich nicht mehr die Beste war. Gleichzeitig war es für mich Motivation, noch härter zu trainieren. Talent alleine ist auf diesem Niveau nicht mehr ausreichend. Ich hatte auf der Schule einen fantastischen Trainier (Viktor Fomin), der mich sehr gefördert und mir alles beigebracht hat, was man in diesem Metier braucht.

Welche Formen der Artistik beherrschen Sie? Welche stellen Sie am liebsten zu Schau und warum?

Gasparoli: Am liebsten mache ich das Gasparoli-Duplex Trapez. Es ist eine Innovation von mir. Ein Trapez, das komplett aus Metall ist und zwei Querstangen hat. Mit diesem Trapez habe ich auch die meiste Zeit trainiert und viele Preise gewonnen, unter anderem beim China International Acrobatic Festival, Paris Festival Mondial du Cirque de Demain und Schweden Cirkus Princessan, wo ich zur Circus-Prinzessin gewählt wurde. Außerdem arbeite ich noch auf dem Schwung Trapez, statischen Trapez, Luftreifen und an den Tüchern.

Wann und auf welche Weise sind Sie erstmals in Kontakt mit dem Cirque du Soleil gekommen? Haben Sie sich dort beworben, oder wurde man dort auf Sie aufmerksam?

Gasparoli: Man hat mich bei Soleil schon zur Schulzeit gekannt. Aber erst sechs Jahre nachdem ich mit der Schule fertig war, ist ein Anruf gekommen, ob ich Interesse hätte, mit meiner Luftreifen-Nummer bei Varekai zu arbeiten. Ich habe natürlich sofort reagiert und meine Videos zur Casting-Abteilung geschickt.

In welchen Zirkussen u.ä. hatten Sie bereits Anstellungen? Von welchen Programm waren Sie bereits Teil? Was davon hat Ihnen am besten gefallen und warum?

Gasparoli: Circus Knie, Circus Krone, Da Capo, Cirque Parasol, Circo Massimo. Bei Soleil war ich bei Varekai, Alegria, Chemins Invisibles, Quidam und Kooza. Der Circus Knie hat mir natürlich gefallen, da es für mich in der Schweiz ein Heimspiel war. Gerne würde ich für eine Saison nochmals mit dabei sein wollen. Kooza, Quidamund Chemins Invisibles gefallen mir alle, da mein Charakter immer eine starke Frauenrolle ist, in der ich mich sehr wohl fühle.

Welche ist aus Ihrer Sicht die nennenswertesten Unterschiede zwischen dem Cirque und klassischen Zirkussen?

Gasparoli: Es ist die Harmonie von Artistik, Musik, Licht, Kostüm und Choreographie. Bei Cirque wird viel Wert darauf gelegt, dass alles miteinander harmoniert, das Zusammenspiel ist wichtig. Auch sind die Arbeitsbedingungen (Essen, Unterkunft, Sozialabgaben etc.) für Artisten und Angestellte bei Cirque hervorragend. Auch dass wir unser eigenes Artistikzelt zum Umziehen, Trainieren, Warmmachen und vieles mehr haben, empfinde ich als großartig.

Ist das Mitwirken beim Cirque etwas Besonderes für Sie, oder ist es eine Anstellung quasi wie jede andere?

Gasparoli: Natürlich ist das etwas Besonderes und ich freue mich jedes Mal erneut, wenn mich ein E-Mail erreicht, ob ich Interesse an einer Position habe und ich wieder eine Anstellung bekomme.

Wie lange sind Sie noch für "Kooza" verpflichtet? Wissen Sie schon, was anschließend geschieht?

"Früher habe ich immer gedacht, mit 35 Jahren höre ich auf..."

Gasparoli: Noch bis Ende Oktober; danach fliege ich nach Las Vegas, wo ich zur Zeit mit meinem Mann und meinen drei Hunden lebe. Ich arbeite dort im "Light (turned on by Cirque du Soleil)" und unterrichte als Coach und Choreografin.

Sie sind 38 Jahre alt - Fußballer zum Beispiel müssen sich in diesem Alter in der Regel bereits neu orientieren. Wie lange können Artisten wie Sie Vorstellungen auf einem solch hohen körperlichen Niveau halten?

Gasparoli: Früher habe ich immer gedacht, mit 35 Jahren höre ich auf. Als ich die 35 dann erreichte, war ich noch topfit und wollte einfach weiter machen. Ich denke, das ist eine ganz persönliche Entscheidung, die jeder treffen muss, auch wenn die Zeit gekommen ist, aufzuhören.

Haben Sie bereits eine Idee, was Sie zu möchten, wenn artistische Höchstleitungen wie aktuell nicht mehr möglich sein werden?

Gasparoli: Ich arbeite jetzt schon als Coach und Choreografin und möchte diesen Weg weitergehen.

Sie leben in Las Vegas. Wie häufig gelingt es Ihnen, dort ein wenig Ruhe zu finden? Oder gilt Ihnen die Stadt vornehmlich als gut sichtbares Sprungbrett für immer neue Engagements?

Gasparoli: Die Leute, die nur zu Besuch nach Las Vegas kommen, kennen in der Regel nur "the Strip". Ich wohne in einem älteren Teil von Las Vegas - fast kein Verkehr, mit vielen Bäumen und viel Grün. Der Ort entstand in den 50er und 60er Jahren, und man hat das Gefühl, in einem Dorf zu leben. Ich komme nur in die Nähe von "the Strip", wenn ich zur Arbeit muss. Zum Ausspannen fahre ich gerne mit meinen Hunden zum Red Rock Canyon, Lake Mead oder Mount Charleston und lasse in der Natur meine Seele baumeln.

Stephanie Gasparoli am Trapez für die Cirque-Show "Quidam":

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare