Schock im Urlaub

Studentinnen erlebten Anschlag in Istanbul hautnah mit

Schock am Bosporus: In Istanbul wurde am Dienstag ein Selbstmordanschlag verübt. Dabei starben zehn Menschen und 15 wurden verletzt.
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Am Dienstag erschütterte ein Selbstmordanschlag Istanbul. Nur wenige Meter entfernt frühstückten die beiden deutschen Studentinnen.

Möhnesee/Soest/Istanbul - Fünf Tage Istanbul in den Semesterferien, ein bisschen ausspannen, ein paar Sehenswürdigkeiten besuchen, bevor die Uni wieder startet. Das war der Plan von Ann-Sophie Abel aus Möhnesee und ihrer Freundin Lena Voß aus Soest, als sie am Montag für einen Städte-Trip in den Flieger Richtung Istanbul gestiegen sind. Einen Tag später entgehen die Studentinnen nur knapp einer Katastrophe, der Terroranschlag in der Bosporus-Metropole ereignet sich nur ein paar Meter von ihrem Hostel entfernt.

Ann-Sophie Abel und ihre Freundin Lena Voß sitzen im Hostel „Cheers“ auf der Terrasse und frühstücken. Es ist der zweite Tag ihres Städte-Trips, sie trödeln ein bisschen, unterhalten sich und genießen die Sonnenstrahlen. Eigentlich wollten die zwei jungen Frauen an diesem Morgen schon längst zu ihrer lang ersehnten Sightseeing-Tour aufgebrochen sein. „Wollen gleich los zur Blauen Moschee“, schreiben sie ihren Freunden in Deutschland gegen 10.15 Uhr per Whatsapp. Fünf Minuten später sprengt sich auf dem Platz vor der Blauen Moschee in Istanbul ein Selbstmordattentäter in die Luft – 200 Meter Luftlinie von der Unterkunft der zwei Studentinnen entfernt.

„Wir haben plötzlich einen lauten Knall gehört“, sagt die 20-jährige Ann-Sophie Abel am Donnerstag im Gespräch mit unserer Zeitung. Zunächst hätten sie an eine Baustelle gedacht. Doch dann kamen ihnen zwei ihrer Zimmergenossen entgegen gerannt und berichteten, was ein paar Meter entfernt vom Hostel, das genau zwischen der Blauen Moschee und der Hagia Sophia liegt, passiert ist.

„Wir haben nicht viel erfahren“, berichtet die junge Frau aus Möhnesee weiter. Nur, dass es eine Explosion mit Verletzten gegeben haben soll, wussten sie zu dem Zeitpunkt. „Es war alles abgeriegelt“, so die 20-Jährige weiter. Schnell schreibt sie ihren Eltern, dass es ihr gut geht. Dass sie nur knapp einem Terroranschlag entkommen ist, ahnt sie nicht.

Ann-Sophie Abel (links) und Lena Voß  besuchten nach dem Anschlag die Blaue Moschee.

Zusammen mit ihrer Freundin entscheidet sich Ann-Sophie Abel an diesem Tag dazu, das Zentrum zu meiden. Sie fahren zur asiatischen Seite der Metropole, wo es etwas ruhiger ist. Dort versuchen sie an Informationen zu kommen, doch durch schlechten Handyempfang und die Nachrichtensperre der türkischen Medien bleiben sie weiter im Ungewissen. Erst als sie abends wieder im Sultanahmed-Viertel ankommen und in ihrem Hostel die Nachrichten aus Deutschland hören, erfahren sie, was ein paar Meter von ihnen entfernt wirklich geschehen ist, von dem Terror und den Toten.

In diesem Moment wird den Freundinnen klar, was für ein Glück sie hatten. „Man denkt immer „Das passiert mir nicht“, sagt die Studentin. Doch wären sie an diesem Morgen etwas früher aufgebrochen, hätten sie auf dem Vorplatz der Moschee gestanden, hätte die Bombe die jungen Touristinnen ebenso treffen können wie die zehn deutschen Todesopfer und die vielen Verletzten. Richtig realisiert haben die beiden das noch nicht.

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Am Abend dieses schwarzen Tags für Istanbul sind Ann-Sophie Abel und ihre Freundin damit beschäftigt, eine Nachricht nach der anderen an Freunde, Verwandte und Bekannte in der Heimat zu schicken. „Viele wussten, dass wir in Istanbul sind, und haben sich besorgt gemeldet“, sagt Abel. In diesen Stunden überlegen die Freundinnen auch, wie es mit ihrem Städte-Trip weiter gehen soll. „Wir hätten ohne Probleme abreisen können“, erklärt die junge Frau. Doch gemeinsam mit ihrer Freundin entscheidet sie sich dazu, genau das Gegenteil zu tun, die Stadt nicht zu verlassen, nicht aus Angst vor dem Terror zu fliehen. „Wir sehen es nicht ein abzureisen, wollen keine Angst zeigen“, erklärt sie.

Eine Einstellung, die nicht viele Touristen zu teilen scheinen. „Es ist schon deutlich leerer hier, als vor dem Attentat“, sagt Abel. Im Hostel bewohnen sie ihr großes Acht-Personen-Zimmer nur noch zu dritt. Und auch an den Sehenswürdigkeiten, an denen Urlauber 

Die beiden Frauen wurden von türkischen Medien interviewt.

sonst Schlange stehen, sei nicht viel los, Touristen aus Deutschland sehe man kaum auf den Straßen. Das ist auch der Grund, warum sich die beiden Freundinnen kaum vor den Medien retten können: Zwei türkischen Tageszeitungen haben sie bereits interviewt, auch im Fernsehen waren sie zu sehen. „Es kommen auch viele Türken auf uns zu und sprechen ihre Anteilnahme aus“, berichtet die 20-Jährige.

Die Blaue Moschee und die Hagia Sophia haben die Kurzurlauberinnen mittlerweile besichtigt, auch die anderen Sehenswürdigkeiten wollen sie nicht meiden. Noch bis Freitag bleiben sie in Istanbul. „Wir ziehen unseren Städte-Trip durch“, sagt Abel. Ganz unbeschwert gelinge ihnen das aber nicht, gibt sie zu. Am Vorplatz der Moschee haben sie, wie viele andere, Blumen und Kerzen nieder gelegt – mit einem mulmigen Gefühl. Und auch das Einschlafen fällt ihnen nicht leicht. In den vergangenen Nächten seien Gewitter über die Türkei gezogen. „Der Donner hat uns jedes Mal aufschrecken lassen“.

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